Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 2 (9.2.1927)
- Article
- Körperliche und seelische Ertüchtigung
- Date
- 1927-02-09
- Page
- Seite 31 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 31 Körperliche und seelische Ertüchtigung Von Fabi Daß unsere Seele nicht unabhängig von unserem Körper ist, und daß ein wahres Glück ohne Gesundheit nicht möglich ist, das erfahren wir täglich an uns selbst oder an unserer Umgebung. Nur ganz starken Geistern gelingt es, trotz körperlicher Gebrechen und Schmerzen sich zu einer hohen Weltanschauung emporzuringen und Großes zu schaffen. Und auch bei ihren Schöpfungen wird der Psychologe die Spuren des Kampfes, die -Qualen des Ringens konstatieren können. Weniger bekannt, obwohl leicht wahrnehmbar, ist uns, daß auch der Körper nicht unabhängig von der Seele ist, und daß ein körperliches Behagen ohne seelisches Gleichgewicht selten denkbar ist. Was wir Harmonie und' Lebensglück nennen, das ist eine gesunde Seele im gesunden Körper, eine freie physische und geistige Entwicklung nach den Gesetzen der Natur und der Individualität. Daß in Nachkriegszeit, wo das deutsche Volk krank an Körper und Seele aus der Weltkataftrophe hervorging, sich ein starkes Bedürfnis nach Erfrischung der Kräfte, nach körperlicher Übung in den mannigfachen Zweigen des Sports zeigte, wird man wohl verstehen. Und auch das wird man begreifen, daß die jüdische Jugend in Deutschland freudigen Herzens an dieser Bewegung teilnahm. Sie, die, einseitig in geistige und kaufmännische Berufe eingezwängt, besonders stark die Merkmale der Nervosität in sich trug, bedurfte der Regeneration am meisten. Man wird es also als erfreuliche Erscheinung begrüßen, daß in den Reihen der jüdischen Jugend heute viel Sport getrieben wird. Nur wird man wünschen dürfen, daß das Geistige dabei nicht zu kurz kommt und daß auch hier der jüdische Charakter gewahrt bleibt. Denn auch der Sport muß sich, wenn er sein Ziel erreichen will, der Natur der Gemeinschaft anpaffen, und bei uns Juden bildet einmal das Geistige einen integrierenden Teil des Wesens. Der Araber nennt uns „Das Volk des Buches". Das mag, wie alles Generalisierende, übertrieben sein, aber ohne Geistigkeit ist ein Jude kaum denkbar. Es ist charakteristisch, daß in den slawischen Ländern, wo in der Vorkriegszeit 70 — 80 Prozent der Bevölkerung analphabetrsch waren, unter den Juden fast gar keine Analphabeten waren. Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, daß körperliche Übungen bei den Juden etwas ganz Neues darftellen. Das Judentum ist eine Religion des Lebens und stets auf das menschliche Glück bedacht. Und der Jude ist von Hause aus schlicht, naiv, optimistisch und lebensfreudig. Die Gesundheit und Schönheit des Körpers mußte hier also eine große Rolle spielen. In der Bibel wird die körperliche Kraft als göttliche Gabe gerühmt, und wie beim Weibe die Schönheit, so beim Manne die Tüchtigkeit, die Gewandtheit und Wehrhaftigkeit gepriesen. Aber wie beim Weibe die Schönheit nicht alles bedeutet, so beim Manne nicht die Kraft. Es muß das Seelische, die Gradheit des Charakters, die Ertüchtigung des Geistes hinzutreten. Ja, das Körperliche darf niemals Selbstzweck sein, es muß im Dienste einer hohen Idee stehen. Auch in talmudischer Zeit befaßte man sich viel mit der Gesundheit, Reinheit und Behaglichkeit des Körpers. Ganze Partien sind diesem Zwecke gewidmet. Der Ausbau der Speisegesetze sollte letzten Endes diesem Zwecke dienen, und das Baden usSchach war nicht nur Symbol der Seelenceinheit, sondern auch der körperlichen Gesundheit. Erft später, im Mittelalter, wo der Neuplatonismus in der Gestalt der Kabbala Eingang in die jüdischen Reihen fand, und wo die Mystik dem Judentum den Charakter aufdrängte, neigte die Religion immer mehr zum PeffimismuS, zur Geringschätzung des Lebens. Genau wie im Buddhismus opferte man das Diesseits dem Jenseits, den Körper der Seele. Die äußere Not ttieb die Juden immer mehr auf den Weg der Mystik. Es ist ja immer so; wenn das Diesseits ttoftloö ist, dann nimmt man seine Zuflucht zum Jenseits. So wurde die Abtötung des Körpers ein Ideal, um zum Göttlichen zu gelangen. Fasten, Kasteiungen wurden zum Bestandteile der Religion erhoben und die Pflege des Körpers gehörte zu den Sünden oder wenigstens zum Zeichen einer oberflächlichen Lebensauffassung. Das Fernhalten der Juden vom Ackerbau und meistens auch vom Handwerk trug auch dazu bei, den Körper zu schwächen und den Geist einseitig zu schärfen und zu überlasten. Alles Trachten war darauf gerichtet, den Geist zu stärken und man sah nicht, daß dabei der Körper, der Träger des Lebens, immer schwächer wurde. Das Leben des Juden war in diesen Zeiten des DrangsalS in jeder Beziehung anormal und es ist begreiflich, daß bei der künstlichen Fernhaltung von der Natur sich allerhand Gebrechen und Symptome der Degeneratton zeigten. Wenn man geschichtlich und soziologisch denkt, wird man sich darüber nicht wundern dürfen. Eher wird man es bewundern müssen, daß trotz aller inneren und äußeren schweren Schicksale die Gesundheit der Juden nicht allzu sehr gelitten hat. Es zeugt gewiß von der inneren Stärke und Zähigkeit der jüdischen Natur, daß die körperliche Entwicklung nicht noch mehr gelitten hat. Und das ist wohl der von der Religion gebotenen Mäßigkeit des Genusses und der sittlichen Zügelung der Leidenschaft zu verdanken. Die kurze Spanne Zeit seit der Emanzipation vermochte nicht, die Fehler langer Jahrhunderte gutzumach-n. Die Juden setzten auch begreiflicherweise alle ihre Kräfte ein, um ihre geistige Gleichwertigkeit zu beweisen und den immer schwieriger werdenden Kampf ums Dasein mit Erfolg aufzunehmen. Es blieb daher wenig Zeit und wenig Kraft für körperliche Übungen übrig. So fand die Neuzeit die Juden noch nervöser und geschwächter als die anderen und noch mehr der Regeneration durch Sport bedürftig. So stürzten sich die Juden in die Sportbewegung der Nachkriegsepoche, und wie in allem, erfaßten sie auch hier die Sache mit großem Eifer. Bei ihnen stand ja nicht allein die körperliche Ertüchtigung im Mittelpunkt, sondern es galt auch, die Vorurteile gegen die Juden zu bekämpfen. Die Erfolge sind schon heute, in der relativ kurzen Zeit, als glänzend zu bezeichnen. Es gibt heute fast gar keinen Sportzweig, in dem die Juden nicht Hervorragendes leisten, und wem die jüdische Ehre und die jüdische Zukunft teuer ist, der wird sich über diese Erscheinung freuen. Aber schon heute scheint es geboten, zu bremsen und vor Übertreibungen zu warnen. Vor allem darf nie vergessen werden, daß Sport ein Mittel zur Ertüchtigung ist und nicht Selbstzweck. Die körperliche Übung soll dem Leben dienen, aber nicht Lebensinhalt sein. Jede Leidenschaft und jedes Zuviel kann hier schädlich werden.