Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Article
- Sabbatpredigt zum Wochenabschnitt Schemot
- Date
- 1927-01-07
- Page
- Seite 8 (sequence 3)
- Language
- German
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8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 wurde und weite Kreise noch heute die Vernichtung der Juden allen Ernstes als eine Staatsnotwendigkeit hinftellen? Und woher schreibt sich dieser tödliche Haß, der sich heute nicht mehr wie in früheren Zeiten in das Mäntelchen des Glaubenseifers hüllt? Sind es wirklich nur die Sünden der Juden, wie ihre Feinde vorgeben? Gewiß haben schon immer und namentlich in der allgemeinen Entsittlichung der letzten Jahre manche Juden den Ehrenschild ihrer Gemeinschaft geschändet, und ihre Verfehlungen sind dann in einseitiger Übertreibung und Verallgemeinerung zur Schürung der Volksleidenschasten gegen das Gesamtjudentum benützt worden. Doch der unversöhnliche Haß hat in Wirklichkeit viel tiefere Gründe. So wie in Ägypten eine einzige überragende Persönlichkeit wie Joseph den Neid und die Furcht der Mächtigen weckte, so haben zu allen Zeiten einzelne Juden auf den verschiedensten Gebieten menschlicher Betätigung sich derartig hervorgetan, daß ihre Überlegenheit aufreizend auf all diejenigen wirkte, die im normalen Wettbewerb ihnen nicht gleichkommen konnten. Und gerade im Weltkriege haben mehrere bedeutende Juden dem Vaterlande so unbestrittene Dienste geleistet, daß die Wut ihr^r Feinde sich ins Maßlose gesteigert hat. Jüdischer Geist hat schon zu Beginn des Krieges durch weitblickende Maßnahmen die Versorgung Deutschlands mit den nötigen Rohstoffen gesichert, jüdischer Geist hat durch geniale Entdeckung den Stickstoff der Lust zur Erzeugung von Munition und zur Erhöhung der Ertragfähigkeit des Bodens verwertet, und ein jüdischer Kaufmann an der Spitze der größten Schifffahrtsgesellschaft war es, der, wenn auch leider ohne Erfolg, nachdrücklich seine warnende Stimme gegen den Bruch mit Amerika erhob. Solche Verdienste und solche Leistungen kann der Haß nicht erttagen. Statt sie dankbar anzuerkennen, steht er vor ihnen in ohnmächtiger Angst wie vor einem unheimlichen Gegner, den er mit allen Mitteln vernichten muß. Eine lange schmerzensreiche Geschichte hat uns gelehrt, daß es nicht unsere unleugbaren Fehler, sondern gerade unsere Vorzüge sind, die man uns am wenigsten verzeiht, daß gerade die besten in unserer Mitte von unseren Feinden am meisten gefürchtet und gehaßt werden. Doch dieselbe Geschichte läßt uns auch voll Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft blicken, denn sie lehrt uns, daß man ein innerlich großes Volk wohl zeitweilig erniedrigen, aber nicht vernichten kann. Die idealen Kräfte, die in ihm liegen, triumphieren über die brutale Macht, die eö vernichten will. Dieselben Eigenschaften, die ihm die Furcht und den Haß einer ganzen Welt zuziehen, tragen gleichzeitig auch zu seiner Erhaltung bei. Trösten wir uns darum mit dem Gedanken, daß die allgemeine Anfeindung des Judentums nur einen Beweis für seine Größe und Unzerstörbarkeit bildet und so letzten Endes eine ungewollte Huldigung darstellt, wie es schon in der alten Verheißung ausgesprochen^: „Alle Völker der Erde werden sehen, daß Gottes Name über Dir genannt ist, und sich vor Dir fürchten". Deuteronomium 28, 10. Neue Beiträge zur Beschichte der luden in Bamberg Von Rabbiner Unter obiger Überschrift habe ich in der in Breslau erscheinenden „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", Jahrgang 1924, S. 307—316, eine kleine Arbeit veröffentlicht, in welcher ich auf Grund einer Sammlung hebräischer Akten, die ich von meinem inzwischen verewigten Amtsvorgänger Dr. Jos. Kodak (1864—1883 hier Distriktsrabbiner) i. I. 1908 von Lemberg zugesandt erhalten hatte, einige Lücken meiner i. I. 1898 erschienenen „Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstbistum Bamberg" auszufüllen in der Lage war. Die Abhandlung besteht aus 2 Kapiteln folgenden Inhalts: 1. Zur Geschichte des Landesr a b b i n a t s, enthaltend hauptsächlich einen inhaltlich mitgeteilten Auszug einer in der hebräischen Urschrift vorzüglich erhaltenen Verttagsurkunde, welche zwischen den beiden Verbänden der statischen und der ritterschaftlichen Judenschaft des Fürstbistums am 1. August 1658 über die Errichtung eines gemeinsamen Landesrabbinats vereinbart wurdet, ferner 2. die ältesten Satzungen des hiesigen israeltischen Vereins für karitative Leichenbestattung, das wichtigste und wertvollste Stück der von Lemberg zu ihrem ursprünglichen Heimatorte zurückgekehrten Aktensammlung, in späthebräischer Sprache sehr wahrscheinlich i. I. 1706 abgefaßt, jedoch in den letzten aus späterer Zeit stammenden Paragraphen mit deutschen Sätzen in hebräischer Schrift untermischt-. 1 Vgl. G. I. B. — Geschichte der Juden in Bamberg, S. 156. 2 Bei Gelegenheit sei bemerkt, daß das älteste bisher nachweisbare Datum für den isr. Friedhof in Walsdorf das Jahr 1632 ist, entnommen einer Veschwerdeschrift des dortigen Pfarrers über die „Begrebnuß der Juden" (Staatsarchiv Bbg. Rep. 35 Fasc. 46); eine Grabsteininschrift aus älterer Zeit ist bisher nicht aufgefunden worden. Der Friedhof, von dessen Rabbinergräbern unlängst in Nr. 20 (S. 629) der Zeitschrift „Das Bayerland" ein stimmungsvolles Bild mitgeteilt wurde, ist allem Anschein nach anfangs des 17. Jahrhunderts angelegt worden. :. A. E ck st e i n Dem Hinweis auf diese Abhandlung will ich nun eine kleine auf dem von mir seit Jahrzehnten bearbeiteten Felde gehaltene Nachlese folgen lassen. I. Die israelittsche Gemeinde von Bamberg im Jahre 1721 Im hiesigen Staatsarchiv» hat sich ein auf Grund einer behördlichen Untersuchung am 24. März 1721 angelegtes Namensverzeichnis von jüdischen Einwohnern mit statistischen Angaben vorgefunden, das uns einen Einblick in die inneren und sogar familiären Verhältnisse der damals etwa 48 Haushaltungen umfassenden Gemeinde gestattet. Wir entnehmen demselben folgendes: In der „Judenschul", wie man im Volksmunde auch das dreistöckige Gemeindehaus nannte, das in der N e u g a f s e (jetzt Generalsgasse 15) der Synagoge, von derselben getrennt durch einen großen Hof mit 2 Nebengebäuden, vorgebaut war», wohnten: 1. der Rabbiner Moses Broda aus Mährisch-Brod (1718 bis 1733)» mit 5 Töchtern und 1 Sohn nebst 2 weiblichen Bedienungspersonen, außerdem sein Schwiegersohn Wolf aus Berlin, der bei ihm „lernet", d. h. Talmud studierte, mit 3 kleinen Büblein nebst 1 Dienstmagd, zusammen also etwa 16 Personen; 2. der Vorsinger Behr, damals bereits 28 Jahre im Dienste; 3. der „Schulklopfer" Mayer, dessen Amtstitel seinen Grund hatte in der ihm obliegenden Aufgabe, die Gemeindemitglieder durch Anklopfen mit einem kleinen Hammer an Fenster oder Türe zum Besuche der Gottesdienste aus dem Schlafe zu wecken; derselbe hatte sich des Besitzes von nur 4 Töchtern und 1 Sohne (mit 2 Dienstpersonen) zu erfreuen, außerdem hielt sich bei ihm eine alte Frau aus Merzbach auf, „welche der Judenschaft hin und her diente". » Rep. 113/1 Bd. 6, Nr. 51. * Noch auf der Stadtkarte von Roppelt v. I. 1803 heißt die jetzige Habergasse „bey der Judenschul". 5 Vgl. G. I. B., S. 169.