Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Article
- Sabbatpredigt zum Wochenabschnitt Schemot
- Date
- 1927-01-07
- Page
- Seite 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727836-2727838-2730643--01610-2730744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 7 Nr. : bar maßlose Übertreibung daß das ganze Land von ihnen voll wurde, gibt nun dem alten Lehrer Anlaß zu einer überraschenden Bemerkung^: „Die Theater und Zirkusse waren voll von ihnen." Der Midrasch spiegelt hier die Zustände seiner eigenen Zeit, wo die Juden an manchen Orten, so besonders in der ägyptischen Hauptstadt Alexandria, in großer Zahl zusammen- Ledrängt lebten und namentlich an den Stätten des Vergnügens sich auffallend bemerkbar machten, so daß der Eindruck entstand, als ob das Land von ihnen voll wäre. Solche späteren Erscheinungen, wie sie uns vielfach noch heute entgegentreten, dürfen natürlich nicht in jene Vorzeit zurückverlegt werden, aber woraus erklärt sich wirklich jenes Grauen vor der Größe des Volkes Israel? War es etwa der politische oder gesellschaftliche Einfluß, den eS ln Ägypten übte? Weit entfernt! Denn unsere Vorfahren waren damals noch Hirten, die durch eine tiefe Kluft von den übrigen Bewohnern des Landes getrennt waren. Sie mußten in einem besonderen Landstrich wohnen, und ein Ägypter hielt es für unterfeiner Würde, sich mit ihnen nur an. einen Tisch zu setzen. Wie konnte da eine Bedrohung des Landes von ihnen ausgehen? Oder war es ihr Reichtum, der sie so gefürchtet machte? In einem Lande, das so fruchtbar war, daß eS die Kornkammer der ganzen Welt bildete, und wo der Handel ausschließlich in den Händen der herrschenden Klasse lag, wäre es geradezu ein Widersinn gewesen, in jenem armen Volke, daS außer feinen Herden nichts sein eigen nannte, eine wirtschaftliche Gefahr zu wittern. Ooer waren es gar kulturelle Gründe, die Pharaos Angst weckten? Schon die strenge Abschließung, die von den Israeliten selbst gewollt und durch die ägyptischen Vorurteile noch verschärft war, verhinderte irgendeinen Einfluß auf das Herrenvolk, das im Besitze der höchsten Bildung sich sonnte und nur mit Geringschätzung auf jene sonderbaren Fremden herabblickte. Und dann: besaßen in jener Zeit die Israeliten überhaupt Kulturgüter, die sie anderen Mitteilen konnten? Doch selbst wenn sie solche besessen hätten, fehlte ihnen der Wille und sicher auch die Fähigkeit, sie den Ägyptern zu bringen. Der Grund zu der Furcht war ein ganz anderer, und er ist sogar in der heiligen Schrift, wenn auch nicht deutlich ausgesprochen, so doch angeberttet^: „Es erstand ein neuer König über Ägypten, der Joseph nicht kannte." Damit ist nicht etwa nur gemeint, daß er ihn nicht mehr persönlich kannte oder nichts mehr von ihm wußte, sondern nach der treffenden Deutung unserer Weisend „Er tat so, als ob er Joseph nicht mehr kenne." Er wollte ihn nicht mehr kennen, er wollte sich nicht daran erinnern lassen, was für Verdienste sich Joseph um Ägypten erworben hatte. Dankbarkeit ist eine Tugend, die in der Politik noch 7ancbuma (oä. Buber) z. St. (S. 4, 8 6). Exodus 1, 8. Exodus Rabba 1 3- St. seltener als im Privatleben anzutreffen ist. Es war für den hamitischen Stolz etwas Unerträgliches, das ein erst eingewanderter Semit durch seine Tüchtigkeit auf einen so hohen Posten gelangt war und das Volk vor dem sicheren Hungertode bewahrt hatte. Da galt es vorzubeugen, daß sich dieser Fall nicht noch einmal wiederhole, da mußte man eine semitische Gefahr an die Wand malen, da war es ein Gebot ftaatsmännifcher Klugheit, erst durch Bedrückung die stammesfremden Eindringlinge niederzuhalten, und als die entgegengesetzte Wirkung eintrat und der Druck ihre Widerstandskraft nur noch erhöhte, da schreckte man selbst nicht davor zurück, ihre natürliche Vermehrung durch Gewaltmittel zu verhindern und erließ den Befehl, alle neugeborenen Kinder der Israeliten in den Nil zu werfen. Das alles trug sich vor Jahrtausenden im Schatten der Pyramiden zu. Aber es hat sich in unserer Geschichte noch oft wiederholt und wiederholt sich noch heute unter unseren Augen, so daß wir wieder eine Bestätigung des sinnigen Wortes unserer Alten haben: „daß das Geschick unserer Vorfahren sich an den späten Nachkommen wiederholt." Zu allen Zeiten und in allen Ländern und selbst da, wo die Zahl der Juden verschwindend gering war, entdeckte man, daß ihrer immer noch zu viel waren, und stimmte in Pharaos Ruf ein: „Siehe, das Volk der Kinder Israel ist größer und mächtiger als wir", und man bekämpfte sie nicht nur aus denselben Motiven, sondern auch mit denselben Mitteln, allerdings auch mit derselben Erfolglosigkeit. Die ägyptische Furcht vor den Juden ist auf unzählige Herrscher und Staatsmänner übergegangen und hat selbst auf dem Throne des größten und erleuchtetsten Preußenkönigs eine Stätte gefunden. Denn wie wohl nur die wenigsten heute wissen, hat Friedrich der Große im Jahre 1750, also zu einer Zeit, als schon Moses Mendelssohn in seiner Hauptstadt wohnte, ein Iudengesetz erlassen, das geradezu pharaonifchen Geist atmeft". Dasselbe richtete sich, wie es ausdrücklich heißt, gegen „die überhandnehmende Vermehrung der Juden" und suchte derselben vor allem durch die Bestimmung entgegenzuwirken, daß von den Inhabern eines Schutzbriefes immer nur e i n Kind die Erlaubnis zur Eheschließung erhalten solle. Alle weiteren Kinder mußten also entweder das Land verlassen, oder auf die Gründung einer Familie verzichten. Wenn ein so aufgeklärter Monarch ein solches Gesetz erlassen konnte, dürfen wir uns dann über die Iudenpolitik der russischen Zaren vor dem Kriege wundern? Dürfen wir uns über die augenblicklichen Judenpogrome in zurückgebliebenen Ländern wie Galizien, Polen und Rumänien wundern? Dürfen wir uns wundern, wenn zwar nicht mehr durch die Gesetzgebung, so doch durch die Verwattungspraris auch hier zu Lande bis in die allerjüngste Zeit Recht und Ehre der Juden mit Füßen getreten 10Mylius: Novum corpus constitutionum Marchicarum. Vol. II, 117 ff. Abgedruckt bei Freund, „Die Emanzipation der Juden in Preußen". II, 22 ff. 0 HAUS DER Q U A L I TÄ1SSTOFFE d t 0 N. STARK & Cil ] £ MÜNCHEN NÜRNBERG! f KARLSPLATZ 5 LUITPOLDSTRASSE 11 Jj