Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (3.12.1926)
- Article
- Ergebnisse meiner letzten Forschungsreise in Palästina 1925/26
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 318 (sequence 2)
- Language
- German
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318 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 Für jeden, der objqktiv urteilt, ist das nicht weiter wunderbar, aber man hat auch bereits dies unwiderlegliche Ergebnis so zu deuten versucht, als läge in ihm eine Herabsetzung des jüdischen Volkes und seiner Religion. Das ist absolut falsch, aber um das auch nur einigermaßen verstehen zu können, muß man sich in das Empfinden der Leute von damals hineinversetzen. Damals herrschte im ganzen Orient mit gewissen Modifikationen der Glaube an territorial durchaus begrenzte Götter, d. h. der Gott eines Volkes mar dessen oberster Herrscher, mit durchaus menschlichen, nur enorm potenzierten Eigenschaften; der irdische König sein Stellvertreter; ein Reich galt nur als erobert, wenn man den besiegten Gott gefangen nahm und an seine Stelle den siegreichen, dem von jetzt ab das Land untertan war, dort ausstellte. In diese seit Urzeiten festeingewurzelten Anschauungen brechen nun mit einemmal die Propheten mit ihrer Lehre hinein! Bedenken Sie immer, daß den Juden von damals Gott gewissermaßen der jüdische Stammesbaal war, gegen den nun einige Wenige auftraten und sagten: nein, das ist falsch! Gott ist allmächtig, allgegenwärtig, an keine Grenzen, an kein Menschenwerk gebunden, ist kein „potenzierter Mensch", sondern DER Gott, unserm kleinen menschlichen Verstand unfaßbar, und weit über ihn erhaben! Diese neue, reine, aber allem bisher als grundlegend und seit ewig bestehend Angesehenen durchaus widersprechende Auffassung des Göttlichen mußte der Mehrzahl durchaus ketzerisch erscheinen, besonders noch, wenn man den im Orient in allen religiösen Dingen herrschenden Konservatismus in Rechnung stellt! Allen „Rechtgläubigen" damals war, die Lehre der Propheten etwas Gotteslästerliches, Umstürzlerisches, ganz davon abgesehen, daß sie ungleich schwerer zu verstehen war als die übliche Auffassung; uns ist der reine monotheistische Begriff seit unzähligen Generationen so in Fleisch und Blut übergegangen, daß wir heute über einen anthropomorphen Gott mitleidig lächeln; aber wir müssen jene Ideen voraussetzen, wenigstens für die Allgemeinheit, wenn wir auch nur einigermaßen diesen erbitterten Widerstand, auf den die Propheten zuerst stießen, verstehen wollen! Ob ich nun in Palästina diesen oder jenen Felsaltar fand, ist vielleicht für einen kleinen Fachkreis recht interessant, aber ich gebe selber zu, daß es für den Nichtfachmann völlig irrelevant ist; wenn sich jedoch aus der Summe dieser Felsbearbeitungen ergibt, daß trotz der Lehren der Propheten die heidnischen Kulte noch lange weiter existierten, so bieten sie eine Illustration dieses erbitterten Ringens um die Wahrheit, um den höchsten Gottesbegrisf, und damit zugleich, ich möchte sagen: ein indirektes Bild seines Werdens! — Verstehen Sie mich recht: ich will damit sagen, daß mir die Felsarchitektur das M i t t e l ist, nicht etwa Selbstzweck; das Mittel, um dadurch auf eine Entwicklung Licht zu werfen, die man ohne Übertreibung nicht nur für die interessanteste, sondern auch die wichtigste in der ganzen Menschheitsgeschichte halten kann? Denn es handelt sich nicht nur um das Werden des höchsten Gedankens, um die Kämpfe, die er bis zu seinem endlichen Siege zu durchfechten hatte, sondern auch um Kausalketten, die sich bis heute erstrecken. Nur auf der Basis des Judentums war das Christentum möglich; aus der Synagoge entstand die Kirche, wie die Kirchenväter sagten! Aus der älteren übernahm die neue Lehre aber nicht nur den Gottesgedanken, sondern auch soziale Begriffe, die bekanntlich bei den Juden hoch ausgebildet waren, mit einem Wort die Lehre der Gleichheit vor Gott! Da nun aber die alte Welt, besonders auch Rom als Zentrum derselben, in sozialer Hinsicht auf dem Sklaventum aufgebaut war, so bedeutete die neue Lehre die Vernichtung desselben, mithin auch die der Antike! In der Schule noch sagte man uns, daß das Mittelalter etwa mit Karl dem Großen anfinge; heute läßt der Historiker es mit unserer Zeitrechnung zugleich beginnen, um dadurch schon äußerlich den kolossalen Umschwung anzudeuten! — Damals also tauchten die Lehren von der Gleichheit zum erstenmal auf; immer wieder sind sie unterdrückt worden, und immer wieder sind sie hervorgebrochen, in langsamer Evolution oder aber katastrophal, wie in der französischen Revolution und wieder in der allerneueiten Zeit! Direkte Fäden aber führen von dieser nach Palästina, immer klarer und deutlicher nachweisbar; und so ist es keine Übertreibung, wenn ich sage: jene uralten Felsbearbeitungen dort, in weiter, werter Ferne sind die ersten „handgreiflichen" Zeugen des gewaltigen Ringens, das im 2. Jahrtausend vor Beginn unserer Zeitrechnung begann und heute auch hier noch nicht beendet ist, im Gegenteil! Jene Altäre und Opferstätten waren ein Damm, den man der neuen Lehre entgegensetzen wollte, den sie aber doch siegreich hinwegriß, so daß sie! schließlich als Trophäen stehen blieben, wie man früher Denkmäler aus den Waffen der überwundenen Feinde errichtete! Leider ist unsere Zeit knapp bemessen, ich kann Ihnen das alles unmöglich so genau und ausführlich auseinandersetzen, wie es eigentlich geschehen müßte, >ch muß mich aus diese wenigen Andeutungen über meine Arbeiten beschränken. Ein mißliche Sache ist es auch, Ihnen die einzelnen Ergebnisse zu schildern, da es sich, wie gesagt, um eine absolute Spezialwissenschaft handelt, deren Verständnis natürlich gewisse Vorkenntnisse erfordert, die der Laie sich unmöglich erwerben kann! Also will ich Siedeswegen auch mit allen Einzelheiten verschonen und nur sagen, was bei meinen Arbeiten letzten Endes herausgekommen ist. In der Umgebung von Jerusalem, Bethanien, Artuff usw. gelang es mir eine Reihe von Keltern und Tennen zu finden, die aus gewissen Anzeichen nie dem praktischen Gebrauch gedient haben können; zwei derselben waren sogar in ganz überflüssiger und kostspieliger Weise mit Mosaik geschmückt worden, woraus sich ergibt, daß sie einst sakralen Zwecken dienten. Da nun auch in der Bibel zahlreiche Stellen Vorkommen, die auf das gleiche deuten (ich erinnere nur, daß mehrfach die Berufung des Retters auf der Tenne geschieht, daß Gideon, Paul und David, ferner Theophanien gerade bei Tennen geschehen, und auch die Trauerklage um Jakob bei einer Tenne, die den Namen eines heidnischen Gottes trägt, veranstaltet wird), so habe ich einige Anzeichen sammeln können, die auf einen Tennen- und Kelterkult Hinweisen, der sich von den ältesten kanaanitischen Zeiten bis in die römische erhalten hat. Das ist nun aber wieder wichtig für die allgemeine Religionsgeschichte, denn dieser für Palästina auch sonst bezeugte Kult, dem wir wohl am besten den Namen des Tamuz geben, hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit den Anschauungen der älteren Propheten, deren Gott, ähnlich wie Tamuz, im schroffen Gegensatz zu dem noch älteren Molochkult stand. Jede Religion muß eben verschiedene Entwicklungsstufen durchmachen, sie entsteht nie auf einmal durch die Gebote und Lehren eines einzelnen Mannes, und fei er der größte Prophet! Ganz einfach, weil ein Menschenleben nicht ausreicht, um die geistig schwer beweglichen großen Massen in ihrem Denken und religiösen Empfinden auf einmal von Grund aus umzumodeln. Ein r:mer Glaubensverkünder wird immer nur dann Anklang finden, wenn feine Lehre auch wenigstens einigermaßen dem inneren Kulturstandpunkt entspricht, zu dem ein Volk sich emporgearbeitet hat; ist das nicht der Fall, so wird der Prophet von den Massen entweder nicht verstanden, oder falls er die Machtmittel besitzt, feine Anschauungen durchzusetzen (wie etwa Karl der Große und die Sachsen), so wird die neue Lehre nur rein äußerlich angenommen werden. So hat sich auch die jüdische Religion aus den rohen, allgemein asiatischen Ideen zuerst zu der milderen Form durchgearbeitet, wie mir sie ähnlich im Tamuzkult finden, und dann erst zum reinen Monotheismus. Natürlich ist das nur ein Bild in den gröbsten Umrissen; wichtig aber war dieser Tamuzkult mit seinen heiligen Tennen usw. deshalb, weil er seinerseits dem frühprophetischen die Wege ebnen half, ihn gewissermaßen unterstützte, dem älteren Molochkult ein Ende zu machen. Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, wird auch der Kauf der Tenne des Aravna, d. h. M o r i a h's durch David ins rechte Licht gerückt, wie ich das in der letzten Nummer des vor. Jahrganges der ,,Bayr. Jsr. Gem.-Ztg." vom 3. Dez. 1925 zu schildern versucht habe. Wenn man nicht gerade ein Mensch ist, der am Buchstaben klebt und so manches Menschenmachwerk für Gottes Wort nimmt, so wird man in Jerusalem von vielen „heiligen" Stätten eher abgestoßen als erbaut sein! Aber ich habe stets mit einem Gefühl innerlicher und tiefer Ehrfurcht die Omarmosche betreten, unter deren wundervoller Kuppel der Fels Moriah, der H e i l i g e F e l s im wahrsten Sinne des Wortes liegt! Gibt es doch wohl kaum eine zweite Stätte in der Welt, die auf eine so lange geschichtliche Vergangenheit zurückblicken kann, wie gerade jene unscheinbare Felskuppe! Der Talmud spricht von Bächen, die von jenem Felsen ausgehen, und das ist wahr! Denn Moriah ist der Kernpunkt für das Judentum gewesen und durch dasselbe auch für das Christentum! Von Moriah sind Ströme geflossen, welche die Welt erquickt, sie mit reißenden Wellen überschwemmt haben und noch überschwemmen! Seit mehr als vier Jahrtausenden hat Moriah für Millionen von Menschen tieffte Bedeutung gehabt und hat sie noch. Für keinen Ort paßt der Spruch besser: Ziehe deine Schuhe aus, denn der Boden, da du stehst, ist heilig! — Wenn es mir durch meine Forschungen und Arbeiten aber gelungen sein sollte, die geradezu wunderbare Bedeutung dieses Felsens und alles dessen, was sich um ihn schlingt, ein wenig mehr zu erhellen, so ist ihr Zweck reichlich erfüllt! — Über das Jüdische Familiengrab berichtete ich auch bereits in der „Bayr. Israel. Gemeindezeitung" (Nr. 5 vom 7. Mai 1926), meine letz-