Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 11 (8.11.1926)
- Article
- Bericht über die Tätigkeit des Wohlfahrtsamtes im laufenden Jahr
- Date
- 1926-11-08
- Page
- Seite 286 (sequence 3)
- Language
- German
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286 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. .11 Wir kommen dann zu Abteilung 8. Hier handelt es sich also um eine Fürsorge für die, die durch irgendwelche Umstände, vorübergehend unterstützungsbedürftig geworden sind, bei denen aber die Fürsorge das Ziel hat, sie wieder wirtschaftlich unabhängig zu machen. Schuld an den Notständen sind heute meist die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse in Lenen kleine Existenzen nicht konkurrenzfähig bleiben und zugrunde gehen, in denen durch den Abbau Angestellte ihre Stellen verlieren usw. Es sind natürlich die — wenigstens wirtschaftlich — Schwächsten, an denen sich die wirtschaftliche Depression zuerst und am empfindlichsten auswirkt und hieraus erklärt sich's, daß Hilfe hier meist nicht nur in einer tatsächlichen pekuniären Hilfe bestehen kann, sondern daß unsere Fürsorge viel umfassender sein, sich hier wirklich auf den ganzen Menschen und seine Verhältnisse erstrekken muß. Damit hängt zusammen, daß in dieser Abteilung der Sprechstundenbesuch so sehr groß ist, und noch ständig zunimmt. Er betrug im Monatsdurchschnitt im Jahre 1925 395 im 1. Vierteljahr 1926 477, im 2. Vierteljahr 1926 494 und im letzten Vierteljahr 618. Wiicklich unterstützt werden nicht alle von diesen Sprechstundenbesuchern. Die Zahl der Unterstützten ist gegenüber dem Vorjahr sehr viel größer geworden. 1925 standen durchschnittlich monatlich hier 68 Familien in Unterstützung, während es im laufenden Jahr 91 Familien im Monatsdurchschnitt sind. Die Möglichkeit durch Verschaffen einer Stelle Verdienstmöglichkeit zu erwirken ist noch immer klein. Wenn die Unterbringungsziffer, das ist die Prozentzahl der Unterbringungen zu der Zahl der Stellensuchenden in diesem Jahr sehr viel günstiger ist als im Vorjahr, 31 Prozent gegen 16 Prozent, so liegt das weniger daran, daß uns mehr Vakanzen gemeldet wurden, als an der Intensivierung der Arbeit dieser Abteilung, die unter Mithilfe der Logen und des Frauenbundes eifrigst bemüht ist Stellen ausfindig zu machen. Verglichen mit den Ziffern der Städt. Arbeitsämrer z. B. sind unsere Ziffern übrigens recht günstig. Und wenn wir erreichen könnten, daß jüdische Geschäfte und Haushaltungen in noch größerem Maße als bisher jüdisches Personal einstellten, dürften sich diese. Ziffern noch günstiger gestalten. Dadurch wäre nicht nur die in jeder Beziehung entsetzliche Zeit der Arbeitslosigkeit für viele gekürzt oder vermieden, wir würden auch sehr viel Mittel, die wir jetzt als eine Art Erwerbslofenunterftutzung als Ersatz oder zum Teil als Ergänzung der öffentlichen gehen, einsparen können. Es soll gerade jetzt — zusammen mit dem Frauenbund und den Logen — ein Versuch gemacht werden, wenigstens einige der Arbeitslosen zu beschäftigen. Es ist geplant Peah-Werkstatten einzurichten, in Geschäften und Haushaltungen Abfälle zu sammeln, zu sortieren und nach Möglichkeit zu verwerten. Man hofft dadurch wenigstens Beschäftigung für einige und gerade auch für die sogenannten „halben Kräfte" zu finden, die man doch jetzt kaum im freien Wirtschaftsleben unterbringen kann und für die ganz besonders die Zeit der Arbeitslosigkeit verbunden mit dem ständigen Almosennehmen von entsetzlich demoralisierender Wirkung ist. Das ganze ist nur als Versuch gedacht, für das wenig Mittel ausgewendet werden sollen, bei dessen Gelingen dagegen sehr mel Mittel eingespart werden können. Die Hauptausgaben der Abteilung 8 werden heute, an Erwerbslose und Erwerbsbeschränkte bezahlt. Dazu kommen Ausgaben, die zum Teil darlehensweise zur Errichtung oder Erhaltung einer Existenz gegeben werden. Die Anforderungen, die in diesen Fällen an das Wohlfahrtsamt gestellt werden, mehren sich in letzter Zeit ständig, gerade auch aus Kreisen des Mittelstandes: Kleinkaufleute, die aus eigener Kraft dem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf heute nicht mehr gewachsen sind und die für lange Zeit mit ihren Familien dem Wohlfahrtsamt zur Last fielen, wenn man ihnen in diesen kritischen Augenblicken nicht hilft. Die Ausgaben waren daher auch größer als vorausgesehen war. Sie betrugen im Monatsdurchschnitt M. 4234.— gegenüber M. 2777.— im Vorjahr. Bei Feststellung des Etats waren die Ziffern des Vorjahres zugrunde gelegt. Die Mittel die daher zur Verfügung standen, reichten nicht, trotzdem wir noch einen Fonds „soziales Hilfswerk" in diesem Jahre aufbrauchten. Ein vorläufiger Vorschuß von M. 6000.—>, der durch den Vorsitzenden des Sozialen Ausschusses beim Vorstand beantragt wurde, ist inzwischen genehmigt worden. Ein weiterer Antrag auf eine Nachbewilligung von M. 5000.— soll dem sozialen Ausschuß zur Befürwortung vorgelegt werden. Es ist dies die Mindestsumme, die auch bei größter Einschränkung bis zu Beginn des neuen Jahres noch nötig ist. Vom preußischen Landesverband jüdischer Semeinden. Eine Sitzung der Mitglieder des engeren Rates des Landesverbandes soll zum 16. Oktober d. I. abends und eine Sitzung des großen Rates zum 17. Oktober d. I. einberufen werdend Einen wichtigen Punkt der Tagesordnung werden die Beratungen über den zu Zündenden Reichsverband jüdischer Gemeinden bilden. Ferner wird über die Neuregelung und Vereinheitlichung der Judengesetzgebung verhandelt werden. Die Etats für die Jahre 1926 und 1927 werden zur Vorlage kommen. Für den Fall, daß die Tagesordnung an dem einen Tage nicht erschöpft wird, soll Fortsetzung der Beratungen am nächsten Tage oder eine neue Sitzung 14 Tage später in Aussicht genommen werden. Der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden trat am 17. Oktober d. I. zu einer Sitzung zusammen. Unter dem Vorsitz des Präsidenten, Herrn.Kammergerichtsrat Wolfs, waren fast alle Mitglieder des Großen Rates vereinigt. Auf der Tagesordnung stand eine Reihe wichtiger Angelegenheiten, doch wurde die ganze Sitzung, die von vormittags 10 Uhr bis in die späten Abendstunden dauerte, mit der Erörterung der Gründung des Reichsverbandes ausgefüllt. Den gesamten Beratungen wurde der von dem in München eingesetzten Unterausschuß ausgearbeitete Entwurf zugrunde gelegt. Nach sehr eingehender Erläuterung aller für die Gründung des Reichsverbandes maßgebenden Gesichtspunkte sowie aller einzelnen Bestimmungen wurde er von dem Rat, abgesehen von einer Anzahl kleinerer Änderungen angenommen. Nunmehr wird die auf den 21. November d. I. einzuberufende Verbandstagung zu der Gründung des Reichsverbandes Stellung nehmen. In der Sitzung des Engeren Rates, die am 16. Oktober d. I. ftattfand, wurde Herr Justizrat Lilienthal zum Vorsitzenden des Liberalen Unterrichtsausschusses gewählt. In der Sitzung des Engeren Rates am Samstag, dem 16. Oktober d. I. wurde beschlossen, dem Marannenkomitee in London einmalig für das Jahr 1926 einen Betrag von M. 1000.— zu bewilligen. — Das Marannenkomitee hat sich, wie aus Zeitungsnachrichten bekannt sein dürste, zur Aufgabe gemacht, die in einigen Städten Nord-Portugals lebenden geheimen Juden, Abkömmlinge der im Mittelalter zwangsweise zum Katholizismus bekehrten Israeliten, zur jüdischen Religion zurückzuführen. kein« Qualitätsstoffe und Tuche IMPORT für Damen und Herren IMPORT WEINBERGER & BISSINGER Rindermarkt 7 MÜNCHEN / AUGSBURG beim Fnggerdenkmal