Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 11 (8.11.1926)
- Article
- Bericht über die Tätigkeit des Wohlfahrtsamtes im laufenden Jahr
- Date
- 1926-11-08
- Page
- Seite 285 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 285 auf diese Weise den im großen ganzen gesunden, aber erholungsbedürftigen Stadtkindern unentgeltlich oder doch zu einem erschwinglichen Verpflegsatz einen Ferienaufenthalt zu ermöglichen. Die für die gesamte Erholungssürsorge der Jugendfürsorge erstehenden Kosten betragen in diesem Jahr M. 952.60. In 10 Fällen wurden Erziehungsbeihilfen geleistet. Darunter find vier Lehrlinge, die in Ermangelung eines eigenen Lehrlingsheimes in auswärtigen Anstalten untergebracht werden mußten, was oft mit ziemlichen Schwierigkeiten, vor allem aber mit ständig größeren Geldopfern verbunden ist. Allerdings werden auch hier nicht die ganzen Verpflegskosten von der Jugendfürsorge getragen, sondern es wird in diesem einzelnen Fall zunächst versucht Mittel von den Angehörigen, von der politischen Gemeinde usw. flüssig zu machen. Ab und zu findet sich auch ein privater Wohltäter, der regelmäßig zum Unterhalt eines armen Kindes beiträgt. M. 167.— gehen im ganzen für diese Zwecke im Monat ein, während die Jugendfürsorge aus ihrem Fonds hierfür monatlich M. 326.— verausgabt. Regelmäßige kleinere Beihlfen wurden jeden Monat in etwa neun Fällen geleistet mit zusammen M. 64.—, und zwar für Schulgeld, Trambahnkarten, Miete usw. Die Notwendigkeit Kinder aus einem ihnen schädlichen Milieu zu entfernen, erwies sich auch in diesem Jahr wieder in mehreren Fällen; für zwei Kinder wurden jüdische Familien gefunden, sechs wurden in das neue Kinderheim an der Antonienstraße ausgenommen — hier sind aber diejenigen Kinder nicht mitgezählt, welche, nur zur Erholung oder häuslicher Verhältnisse wegen aus sozialen Gründen für einige Wochen dort Aufnahme gefunden haben. — Arbeitet die Jugendfürsorge in allen ihren Zweigen immer in Verbindung mit den anderen Einrichtungen unseres Wohlfahrtsamtes, so ist diese Bindung eine ganz besonders innige auf dem Gebiete der Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung. 21 Jugendlichen konnte in diesem Jahr eine Lehrstelle besorgt werden, 17 hier in München, 2 im Anschluß an ihre Unterbringung in auswärtigen Lehrlingsheimen, 2 in kleinen Städten mit Kost und Logis. Je länger man in der Wohlfahrts- und Jugendfürsorgearbeit steht, desto mehr sieht man ein, daß hier der Punkt liegt, wo es gilt die meiste Energie einzusetzen: haben wir auch schon einige Erfolge in der Unterbringung unserer Schützlinge in geeigneten Betrieben und Geschäften zu verzeichnen, so müssen wir in Zukunft danach streben, daß uns überhaupt kein einziger Fall mehr entgeht, daß wir sämtliche Kinder einige Zeit vor Schulabgang erfassen, günstig beeinflussen, wenn nötig sachgemäß beraten lassen und daß es uns dann gelingt, ihnen eine nach Neigung und Fähigkeit entsprechende Lehrstelle zu verschaffen. Auch die weitere Überwachung während der Lehrzeit, vor allem die Sorge, daß in jedem einzelnen Fall ein Lehrvertrag abgeschlossen wird, gehört zu unseren Aufgaben. Wir sehen täglich im Wohlfahrtsamt, daß ein großer Teil von dessen ständigen Gästen solche sind, die nicht ordnungsgemäß gleich nach der Schule in den geeigne,ten Beruf gegangen sind, oder doch die begonnene Berufsausbildung nicht lückenlos vollendet haben. Wenn daher die Jugendfürsorge erfolgreich bemüht ist, durch gute Berufsberatung und durch Vermittlung geeigneter Lehrstellen jeden Jugendlichen auf se,inen richtigen Platz zu stellen, so wird ihre Arbeit nicht nur den Einzelnen von Segen sein, sondern es wird auch mit der Zeit ein spürbarer ökonomischer Nutzen daraus erwachsen. Die beiden anderen Abteilungen (A und B) des Wohlfahrtsamtes befassen sich mit der Fürsorge für Erwachsene. Sie umfassen zwei verschiedene Grupen von Besorgten. In unserer Abteilung A bekommen die, die durch Alter oder Krankheit dauernd erwerbsunfähig sind und „versorgt" werden müssen, regelmäßige monatliche Unterstützung, während unsere Abteilung B sich mit der Fürsorge derer beschäftigt, die aus irgendwelchen Gründen vorübergehend unterstützungsbedürftig sind, bei denen aber die Möglichkeit besteht, daß sie wieder zu wirtschaftlicher Selbständigkeit gelangen. Im Jahre 1925 standen in Abteilung A monatlich durchschnittlich 70 Familien in Unterstützung gegenüber 96 im laufenden Jahr. Die gewährten Unterstützungen betrugen 1925 M. 1565.— gegenüber M. 2369.— in diesem Jahr. Bei der Festsetzung der Unterstützungen haben wir die städtischen Sätze als Grundlage genommen. Durch Lebensmittelzuwendungen durch die Lebensmittelhilfe des Jüdischen Frauenbundes, durch Versorgung mit Brennstoff durch unseren Brennmaterialienverein, durch die Kinderhilfe unseres Bekleidungsvereins usw. sehen wir diese Sätze wenigstens soweit zu ergänzen, wie es den vermehrten Aufwendungen für die rituelle Haushaltführung und dem doch etwas gehobenerem „sozialen" Existenzminimum unserer Leute, entspricht. Wir glauben nicht, daß in absehbarer Zeit soviele Mittel zur Verfügung stehen werden, um diese Sätze — die übrigends keinesfalls mechanisch, sondern mit weitaus größerer Beweglichkeit als z. V. bei der Stadt gehandhabt werden — wesentlich zu erhöhen. Aber wir sind uns klar darüber, daß sie tatsächlich die Unterstützten wohl vor dem Verhungern bewahren, ihnen aber nicht die Möglichkeit geben zur Befriedigung sehr viel weiterer Bedürfnisse des Lebens. Außer diesen regelmäßigen Unterstützungen fällt auch die Durchwandererfürsorge in das Gebiet unserer Abteilung A. Das Problem der Durchwandererfürsorge ist eines der schwierigsten der ganzen Fürsorge. Das liegt im wesentlichen wohl daran, daß die Fürsorge für Lurchwanderer nicht wie jede andere, auf den ganzen Menschen gehen kann mit dem Bestreben, ihn entweder völlig zu versorgen oder ihm durch wirksame vorübergehende Hilfe die Möglichkeit zu wirtschaftlicher Selbständigkeit zu geben, sondern daß sie meistens nur eine einmalige Hilfe fein kann, um einem gerade hier akuten Notstand für den Augenblick abzuhelfen, ohne im übrigen viel für den Unterstützten tun zu können. Das hängt mit dem besonderen Typ der Durchwanderer eng zusammen. Es sind dies — wenigstens bei uns Juden, wo der pathalogische Typ der Wanderer selten ist — meist Menschen, denen es in ihrem Heimatsort so schlecht ging, daß ihnen in jeder Veränderung ihres Wohnsitzes schon größere Möglichkeiten gegeben schien und die dann bei den allgemeinen schlechten ökonomischen Verhältnissen nun keine neue Existenz mehr finden können. Bis jetzt hatte man ihnen an den verschiedenen Kassen immer ein paar Mark gegeben, mit denen sie dann in eine andere Gemeinde fahren konnten, um sich dort wieder soviel geben zu lassen, daß sie davon essen, schlafen und weiterfahren konnten. Auf diese Weise wurde das meiste Geld, das ausgegeben wurde, auf der Eisenbahn verfahren und vor allem, man half den Leuten eigentlich nicht. Die Hauptstelle für Jüdische Durchwandererfürsorge in Berlin hat nun in den letzten Jahren eine Organisation in Deutschland geschaffen, durch die man hofft, die tatsächlichen Schnorrer allmählich ausschalten und denen, denen wirklich zu helfen ist, wirksamer helfen zu können. Von dem Gedanken ausgehend, daß die, die einem wirklichen Ziel zustreben, nicht mehr von Gemeinde zu Gemeinde sich durchbetteln brauchen, sondern auf möglichst große Strecken ihrem Ziele zu befördert werden sollen, wurden die Kassen in dm Kleingemeinden aufgehoben und ein Netz von Provinzialkassen an größeren Orten in Deutschland geschaffen. Man soll sich nun an diesen Kassen gründlich mit den Durchwanderern beschäftigen,, wenn sie aus dem Auslande kommen sie möglichst zurückschicken —? da sie ja doch hier keine Arb eits erlaub - nis bekommen — sie im übrigen, wenn sie ziellos umherreisen, auch wieder in ihre Heimatsgemeinde schicken, wo sie doch leichter wieder Fuß fassen können. Wenn sie aber tatsächlich Nachweisen können, daß ihre Reise einen bestimmten vernünftigen Zweck hat, sollen sie aus möglichst große Strecken befördert werden. In Bayern bestehen Provinzialkassen in Würzburg, Nürnberg- Fürth und hier in München. Die Errichtung einer neuen Provinzialkasse in Regensburg ist in Aussicht genommen. Diese Kassen, die nun größere Aufwendungen haben, weil sie auf weitere Strekken befördern, werden vorerst vom Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden subventioniert und bekommen im übrigen Beiträge aus den ihnen angeschlossenen Kleingemeinden, die durch die Organisation entlastet sind. Die Durchführung der Organisation ist sehr schwierig und die Abfertigung der Durchwanderer im Sinne der Berliner Richtlinien nimmt viel Zeit und Kraft in Anspruch. Die Zahl der monatlich hier durchkommenden Wanderer und die Aufwendungen für sie haben sich in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Es waren 1925 54 im Monatsdurchschnitt gegenüber 56 im laufenden Jahr; die Unterstützung betrug M. 528.— gegenüber M. 697.— im Monatsdurch-. schnitt in diesem Jahr. Daß die Zahlen sich nicht sehr geändert haben liegt daran, daß schon seit Mitte vorigen Jahres hier nach den Berliner Richtlinien gearbeitet wurde.