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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-10-07 · 10 (7.10.1926) · p. Seite 259

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
10 (7.10.1926)
Article
Rom und Juda
Date
1926-10-07
Page
Seite 259 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gememdezeitung 259 gen natürlich nicht so einfach, sondern sind recht kompliziert, weil man da die Folgerungen aus hundert verschiedenen Beispielen heraussuchen und zusammenftellen muß; ich will hier nur eine davon erwähnen, weil ich darüber gerade in einem früheren Aufsatz an dieser Stelle berichtet habe. Ich meine das jüdische Familiengrab, dessen Grundriß gewissen heidnischen Kultgrotten nachgeahmt ist, die in Palästina bald nach 1300 v. Chr. zu finden sind. Es handelt sich dabei in der Hauptsache um einen Zentralraum, um welchen kreuzförmig andere Räume oder Kammern gruppiert sind. Genau das gleiche Schema findet sich nun auch in etruskischen Gräbern, die ihrerseits wieder mit sehr ähnlichen in Anatolien verwandt sind. Also wieder das „Dreieck": Palästina — Etrurien — Anatolien. Und das noch dazu in bezug auf eine so wichtige Form, wie das Grab, das auch im Geistesleben der Völker einen Hauptplatz einnimmt. Dabei ist diese Form viel zu kompliziert, als daß es sich um eine rein zufällige Ähnlichkeit handeln könnte; und endlich kommt noch hinzu, daß dies Schema sich ursprünglich in Palästina bei Kultgrotten, und in Etrurien auch bei Tempeln findet J Da nun aber in einem Grab nicht allein beigesetzt wird, sondern dort auch noch kultische Handlungen, wie Trauer- und Totenritual zelebriert werden, so würde gerade diese Form wohl kaum von den verschiedenen Völkern angenommen worden sein, wenn sie allein ihrem äußeren Bedürfnis, nicht aber auch einem inneren religiösen Empfinden entsprochen hätte; also muß auch darin eine gewisse Übereinstimmung zwischen ihnen geherrscht haben. Und endlich, wenn so intime Beziehungen zwischen den Bewohnern Kleinasiens und denen Palästinas einerseits, denen Etruriens aber anderseits bestanden, so können wir auch wohl annehmen, daß die beiden letzteren voneinander Kenntnis hatten, zumal im Altertum die einzelnen Kulturftaaten, selbst nicht die abgeschlossensten, Ägypten und Juda, durch „chinesische Mauern" voneinander getrennt waren, sondern durch Politik, Handel, Kriege und auch Austausch ihrer kulturellen Schöpfungen, in gegenseitiger Wechselwirkung standen; wobei dann aber die geistige Affinität immer eine große Rolle spielte, und die Einwirkung um so stärker war, je deutlicher jene hervortrat. Ich möchte da noch ein Gebiet erwähnen, das man wohl noch immer zu wenig beachtet hat, obgleich sich sein Einfluß noch bis in die modernste Zeit erstreckt: So merkwürdig das auch klingen mag, es ist die Gnosis, sowohl die jüdische, mit dem starken Einschlag der K a b a l a, als auch die sogenannte anti-jüdische, mit mehr griechischem. Hat sich doch in der „orthodoxen" Kirche selbst, stark beeinflußt von diesen Strömungen, die Paulinische Richtung, also eigentlich das Iuden-Christentum durchgesetzt. Diese Fragen aber haben einen großen Teil des ganzen Denkens, während des Mittelalters, wie man heute sagen würde, der intellektuellen Kreise beherrscht, und damit direkt oder indirekt auch die sozialen Entwicklungsreihen, deren letzte Evolutionen wir heute erleben. Und zwar gilt das nicht nur für Rom allein, sondern für ganz Europa. Das Christentum selbst hat einen ungleich stärkeren Gärungsstoff in die sozialen Verhältnisse der ganzen Welt geworfen, als es seine Begründer geahnt haben, und ahnen konnten; heute sogar stärker wie je! Sein Stifter aber war ein Jude; der eigentliche Begründer der Kirche Paulus auch; aber weder die Religion, noch die Kirche hätten eine so umfassende Wirkung haben können, sich derart gerade in Rom auszubreiten vermocht, wenn Juda und Rom nicht innerlich wesensverwandt gewesen wären. Dadurch aber, daß in Rom, dem damaligen Mittelpunkt der Welt, die „Menschenrechte", die Gleichheit der Sklaven und Freien erklärt wurde, brach die antike Welt zusammen — die Geschichte der sozialen Kämpfe begann und ist noch heute nicht am Ende! Daß Christus, als er die Gleichheit aller Menschen verkündete, dies nicht nur aus „sich selbst heraus tat", sondern daß ihm dabei auch das sehr milde jüdische Sklavenrecht vor Augen stand, braucht nicht gesagt zu werden; letzteres war, wie man weiß, durchaus verschieden von dem der anderen orientalischen Völker, denn es ging selbst so weit, daß treue Sklaven in den Begräbnissen ihrer Herren beigesetzt wurden, was in anderen Ländern unmöglich gewesen wäre. So brauchte der Gründer der neuen Religion dieses Recht eigentlich nur zu vollenden. Durch die Übertragung dieser Prinzipien über auf die „affinierte" Weltmacht Rom begann die neue Zeit. Aus alldem aber können wir sehen, daß jene Kulturströmungen, wie wir es anfangs sagten, alle Länder umspannten, und Um so stärker wirkten, je näher sie sich innerlich standen, je ähnlicher sie waren. Wäre diese Ähnlichkeit zwischen Juda und Rom aber nicht so stark gewesen, so hätte die Lehre eines zu seiner Zeit im eigenen kleinen Land nur einer kleinen Anzahl von Menschen bekannten Idealisten auch nicht diese welterschütternden Wirkungen auölösen können! Das ist ein noch weit stärkerer Beweis für meine zuerst aufgestellte These, als die Ähnlichkeit von ein paar Grotten! — Zur Schäckltrage von Staatsanwalt Dr. Bretzfelder In der Nummer der „Münchner Neuesten Nachrichten" vom ly. September 1926 hat sich Rabbiner Dr. Bamberger in einer sehr ruhigen und sachlichen Weise mit den Ausführungen des Ober-Veterinär-Rats Dr. Müller auseinandergesetzt. Die Schristleitung der „M. N. N." hat an die Darlegungen Dr. BambergerS Bemerkungen angehängt, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Ich will mich dabei gar nicht weiter mit der Forderung der Schriftleitung befassen, daß der strenggläubige Jude eben kein Fleisch zu essen brauche und sich rein vegetarisch ernähren könne. Ich will ganz von dem Fall absehen, daß ein infolge schwerer Krankheit entkräfteter strenggläubiger Jude nur dadurch wieder gesunden kann, daß er kräftige Fleischnahrung zu sich nehmen muß und der nach der Forderung der Schriftleitung lieber sterben soll, als daß ein Tier gequält werde. Ich will versuchen, die Rechtsauöführungen der Schriftleitung rechtlich zu widerlegen. Die Schriftleitung der „M. N. N." gibt zu, daß ein religiöses Speisegesetz für den strenggläubigen Juden besteht, daß er Fleisch von einem nicht geschächteten Tier nicht essen darf. Aber weil nirgends geboten sei, daß er sich überhaupt von Fleisch ernähren müsse, so bedeute ein Schächtverbot keinen Eingriff in

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