Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-09-08 · 9 (8.9.1926) · p. Seite 245

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
9 (8.9.1926)
Article
Geh. Justizrat Dr. Sigmund Held
Date
1926-09-08
Page
Seite 245 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2727823-2727832-2730150--01309-2730217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 245 aber in ebensolchem Maße und neidlos von seinen eigenen Berufsgenossen geteilt. Sie wählten ihn zum Vorsitzenden des Anwaltsvereins und beriefen ihn in den Vorstand der Anwaltskammer, deren Vorsitz er seit dem Jahre 1919 führte. Die Staatsbehörden anerkannten feine Tätigkeit gleichfalls in ehrender Weise; nachdem er bereits 1901 Justizrat geworden war, wurde er 1920 zum Geheimen Rat ernannt. Eine hervorragende Stellung nahm er auch in freimaurerischen Kreisen ein, die ihn mit den höchsten . Ehrenstellen und Ehrungen betrauten, über welche sie verfügen. Vor allem aber wirkte sich die Persönlichkeit von Sigmund Held in der Kultusgemeinde aus. in deren Verwaltung er bereits 1895 eingetreten war und in der er von allem Anfang an sich neben Gustav Josephthal in hervorstechendem Maße betätigte. Es war ganz selbstverständlich, daß er nach dem Rücktritt dieses Altmeisters sein Nachfolger im Amt des Vorsitzenden der Gemeinde wurde. Er war der Berufenste. Gab es doch keine Persönlichkeit, die in so idealer Weise alle Vorzüge eines Führers in sich vereinigte wie die von Sigmund Held. Ganz abgesehen von der Fülle der Kenntnisse und Erfahrungen, die er mitbrachte, stand er auch als Mensch auf leuchtender Höhe. Von vornehm durchgeistigter, äußerer Erscheinung, von umfassender allgemeiner Bildung gehörte er zu den seltenen Naturen, die das Wort des Philosophen zur Wahrheit machten: Werde fort und fort der Lehrer und Bildner deiner selbst. Eine wohltuende Abklärung und harmonische Ausgeglichenheit, die schon von früh auf bei ihm einsetzte, wurde durch diese fortwährende intensive Arbeit an sich selber immer ausgeprägter die Signatur seines ganzen Wesens. Es lag ein vornehmer Hauch geistigen, seelischen und sittlichen Adels über seiner ganzen Gestalt und trat in jedem Wort, das er sprach, in jeder Anschauung, die er bekundete, in jeder Haltung, die er einnahm, in jeder Handlung, die er zu vollziehen hatte, eindrucksvoll zutage. Man stand bei ihm stets im Banne eines vollwertigen Edelmannes, vor dem kein Schein und keine Unwahrheit bestehen konnte und vor dem auch aller Hader und Haß zerstob, weil seine Persönlichkeit eine bewußte Verkörperung von Friedensliebe und Gerechtigkeit war und darum auch unbewußt als solche wirkte. So genoß er ganz von selber selbst bei denjenigen, die anderer Anschauungen waren als er, volles Vertrauen und höchste Wertschätzung; er hatte nie persönliche, höchstens sachliche Gegner und auch diese wußte er durch sein kluges Wort und durch den Scharfsinn seiner Gründe zu entwaffnen, zum mindesten aber versöhnlich zu stimmen und alle Schärfen des Gegensatzes abzumildern. Diese Eigenschaften stempelten ihn zu einem geradezu idealen Versammlungsleiter, und wer je einer von ihm geleiteten Sitzung beigewohnt hat, wird sich freudig dieser Geschicklichkeit, Klugheit und Unverdrossenheit, dieser seiner taktisch, wie taktvoll so glänzenden Kunst erinnern, die den geborenen Führer offenbarte. Sie bewährte sich auch besonders auch in den durch Jahre hinziehenden Verhandlungen zwischen der Hauptgemeinde und dem orthodoxen Verein in Nürnberg, die oft genug auf einem toten Punkt angelangt waren und doch zuletzt unter seiner Leitung zur Einigung und zur Aufrechterhaltung der Einheit der Gemeinde führten. Daß unter dem Vorsitz von Sigmund Held die Einrichtungen der Nürnberger Gemeinde nicht bloß auf der Höhe blieben, auf die Gustav Josephtal sie hinaufgehoben hatte, sondern auf vielen Gebieten des religiösen, sozialen und geistigen Lebens zu weiterem Ausbau gelangten, lag an dem Weitblick, den er besaß, und an dem vollen Verständnis, das er allen dahingehenden Anregungen entgegenbrachte. Jeder arbeitete gerne mit ihm und unter ihm, denn jeder wurde von ihm trotz seiner großen Berufsarbeit zu aller Zeit mit unverdrossenem Wohlwollen und herzlicher Freundlichkeit ausgenommen und jedermann war bemüht schon um dieses vortrefflichen Mannes willen sein Bestes zu geben, für das jener dann auch ebenso gerne freudige Anerkennung zollte. Wie Sigmund Held keine Überhebung kannte, so auch keinen Neid. Ihm war der Allerbeste der Allerliebste. Aber er blieb auch dem weniger Guten gegenüber in seinem Urteil mild und nachsichtig. Eine wahrhaft sittliche, hochstehende Persönlichkeit, der würdigste Repräsentant einer religiösen Gemeinschaft, der er in einer Treue angehörte, die nicht auf bloßer Gewohnheit und Tradition beruhte! Er war Jude aus innerer Überzeugung und tiefem Gefühl, aus dem heraus er auch sein Amt nicht als bloßes Verwaltungsobjekt, sondern als Herzenssache und ebenso den Besuch des Gottesdienstes nicht bloß als Amtsverpflichtung, sondern als Herzensbedürfnis empfand und betätigte. Die Nürnberger Gemeinde hat wahrlich Unersetzliches an diesem ausgezeichneten Mann verloren! Aber auch das bayerische Judentum in weiterem Kreis wird sich allezeit in voller Dankbarkeit eines Sigmund Held erinnern dürfen. Nach dem Vorbild von Gustav Josephthal gingen seine Blicke von jeher über die Mauern Nürnbergs hinüber und umfaßten aufs lebhafteste die großen Gesamtinteressen des Judentums im Land, im Reich und in der ganzen Welt. Alle diese religiösen, sozialen und kulturellen Gesamtbestrebungen fanden in ihm einen ebenso eifrigen Befürworter, wie die Abwehr gehässiger Angriffe auf das Judentum einen stets bereiten, aber auch stets vornehmen Kämpfer. Der Notlage der Gemeinde brachte er besondere Hilfsbereitschaft entgegen. Schon im alten bayerischen Landesverein zeichnete er sich durch eifrige Teilnahme und Mitarbeit aus. In der Konfliktszeit, da die Revision des Judenedikts die Gemüter so lebhaft bewegte und erregte, war e r es, der die größeren Gemeinden zur gemeinsamen Stellungnahme zu dieser Frage zusammenberief. Seine wissenschaftlich und praktisch tiefgehenden Ausarbeitungen bildeten die Grundlage der Besprechungen. Ihm oblagen die Verhandlungen mit den verschiedenen Interessengruppen, besonders mit der Orthodoxie und mit der Rabbinerkonferenz, und er zeigte auch m diesen schwierigen und hartnäckigen Auseinandersetzungen seine Meisterschaft und den klugen und ernsten Willen zum Ausgleich der Gegensätze, der sicher zuletzt zum Erfolg geführt haben würde, hätte nicht die eintretende Umwälzung der öffentlichen Rechtsverhältnisse durch die neue Staatsverfassung eine gänzlich veränderte Basis für alle diese Bestrebungen geschaffen. Zu den nunmehr einsetzenden Vorarbeiten für die Begründung des bayerischen Landesverbandes hat auch Sigmund Held sein Bestes beigetragen. Am 27. und 28. März 1920 fanden zu Nürnberg die entscheidenden Verhandlungen statt, die zu dem großen Ziele glücklich hinführten. Sigmund Held führte den Vorsitz, und jedem Teilnehmer an dieser bedeutsamen Tagung werden die Eindrücke in der Erinnerung immer an der vornehmen Gestalt dieses Mannes haften bleiben, der in jenen für die Geschichte des bayerischen Judentums allerwichtigsten Stunden das schwankende Schiff der neuen jüdischen Verfassung aus den stürmischen Wogen der Verhandlungen in den sicheren Port des Gelingens so geschickt und klug zu steuern wußte. Die bayerische Judenheit und die Nürnberger Gemeinde werden ihres Weges auf diesem von Sigmund Held gebahnten und gewiesenen Wegen sicheren Schrittes weiter gehen, und es wird ihnen auch nicht an Männern fehlen, welche die Führung dabei übernehmen. Aber eine Persönlichkeit wie Sigmund Held wird nicht leicht wieder zu finden sein, eine solch ideale Vereinigung von Vornehmheit, Klugheit und Abklärung wird nicht so schnell wieder uns zur Verfügung stehen. Doch das bedingt ja das Wesen starker Persönlichkeiten, daß sie nicht zu den Alltäglichkeiten gehören. Um so heller wird sein Name in der Reihe derer leuchten, denen die jüdische Geschichte für ihr gesegnetes Wirken ewigen Dank weiß. Wenn aber nach dem bekannten Dichterwort die Persönlichkeit das höchste Glück der Erdenkinder bedeutet, so dürfen wir, die wir Sig- \ H A U S DER QUALITÄTSSTOFFE \!' MÜNCHEN k KARLS PLATZ 5 N. STARK & Cil NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.