Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (8.9.1926)
- Article
- Die Ehe als Geheimnis und Gebot
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 241 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727823-2727832-2730144--01296-2730213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 241 der Ehe, und es erhebt damit aber auch über alle bloße Gebundenheit und alles Schicksal. Auch einer Gefahr steht es entgegen, die in die Ehe besonders hineintritt, der Gefahr des Alltags. Auf dem blumigen Pfade der Pofie war die Ehe geschloffen worden, in den Bereich der Prosa wird sie hingeführt. Das ist die graue Gefahr der Ehe. Die Heranwachsenden Kinder, diese sich gestaltenden, sich nahenden, sich entfernenden Rätsel, können neue Poesie in die Jahre hineintragen, aber auch um sie will zu bald sich die Alltäglichkeit herumlegen. Es ist selten, daß die Ehe an der Tragik bricht: es ist ein Häufiges, daß sie an der Prosa stirb t. Im Alltag, der den ganzen Raum gewonnen, leben zwei Menschen, die einander alltäglich geworden sind, nebeneinander — die Ehe als Prosa. Nur das Gebot kann dem begegnen. Das Gebot der Ehe gilt dem ganzen Leben, und es zieht darum auch die kleinen und geringfügigen Stunden in seinen Kreis. Es wird zum „Gesetze" der Alltäglichkeit, alles soll seine Erfüllung sein. Um das Geheimnis zu hüten, um das Gebot zu wahren, soll das Kleine fein Gottesdienstliches haben, feine Poesie gewinnen. Nichts darf neben dem Gebote hergehen. Dem Alltag der Ehe soll seine Freiheit gegeben sein, die ihn über das Begehrende und Niederziehende emporhebt, diese Freiheit durch das Gesetz. Das ist das große Wagnis, welches die Frömmigkeit vollbringt, ihr „sapere amte", daß sie die Religion in den Alltag hineinstellt, mit ihr seine Stunden ergreift, die Stunden der Prosa: wenn du sitzest in deinem Hause und wenn du gehst aus dem Wege, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. Dieses Wagnis erreicht sie auch in der Ehe. Auch die Tragik kann vor der Ehe stehen. In Drang und Rausch oder in der Täuschung des Blicks können Menschen einander finden, ineinander das Geheimnis verlangen, Menschen, die dann einander zum Widerspruch und zur Aufreibung des Lebens werden. Menschen können allmählich auch einander gegensätzlich, einander anders werden. Es ist das Problem der Trennung der Ehe, der Zerbrechung ihres Gebotes, der Auseinanderreißung ihres Geheimmsies, das hier sich erhebt. Dieses Problem ist nicht das der Ehe bloß, es ist ebenso das der Geburt. Auch das eigene Leben mit seinem Gebilde und mit seinem Gemächte kann den Menschen zum Widerspruch und zur Aufreibung werden, und das Problem der Trennung von dem eigenen Leben steigt vor ihm auf. Nicht geringer und nicht minderen Ernstes als die Frage des Handanlegens an das eigene Leben, der Scheidung vom Erdendasein ist die Frage des Handanlegens an den Lebensbund, den man geschlossen, der Scheidung der Ehe. Was die eine bedeutet, dieselbe Schwere, bedeutet die andere. Nur aus diesem ganzen Ernste heraus darf sie an den Menschen herantreten. Können zwei Menschen, die einander zum Geheimnis, einander zum Gebote geworden sind, voneinander gehen? Und wenn die Worte der Tafeln zerbrochen werden — das alte Gleichnis sagt: „Die Buchstaben leben weiter." Das Gebot des Lebens, für das ganze Leben ist immer ein Weg, der zur Tragik auch hinführen wird. Es gibt ein Nein der Tragik, das Nein, welches der Mensch spricht, der, nicht im Wahn oder in der Furcht, sondern aus der Tragödie heraus selbst seinen Erdenweg endet. Und es gibt ein Ja der Tragik, das Ja, welches emporhebt und versöhnt, in welchem das Gebot spricht, das zuletzt doch überwindet und befreit. Geheimnis und Gebot ist die Ehe, ganz wie die Geburt, ganz wie dann das Kind. Die Geburt des Menschen, seine Ehe und dann das neue Leben, das Kind, das von ihm ausgeht, das sind die drei Tatsachen, in denen Leben wird und sich verwirklicht — geboren werden und gebären und der Bund der Ehe, der beides verbindet. Man kann nur sie alle, sie drei zusammen verneinen, nie das eine ohne das andere. Nur wer die Geburt und das Kind verwirft, kann die Ehe verwerfen. Und zusammen nur können sie bejaht sein. Sie sind das große Ja des Lebens. In ihnen spricht das Ja der Antwort, in der der Mensch seinem Gotte antwortet. Und so wird die Ehe selbst zum Gebote. Es ist das Gebot, Leben zu geben und Leben zu erziehen. So hat einer der alten Weisen des Judentums es gemeint, als er sagte: „Der Mensch, das Ebenbild des Ewigen, das ist: Mann und Frau — nicht der Mann ohne die Frau, und nicht die Frau ohne den Mann, und nicht Beide, wenn Gott nicht wohnt, wo sie wohnen." Offenbarung des Ebenbildes des Ewigen, das ist die Ehe in ihrem Geheimnis und ihrem Gebot. * HAUSER’S HOTEL „DER REICHSADLER“ * MÜNCHEN, HERZOG-WILHELM-STRASSE 32 Albert Hauser, Eigentümer In unserem prachtvollen Cafe spielt täglich nachmittags und abends das Original Holländische Attraktions-Orchester Louise Guidemond in Nationaltracht EINTRITT FREI * *