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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-09-08 · 9 (8.9.1926) · p. Seite 240

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
9 (8.9.1926)
Article
Die Ehe als Geheimnis und Gebot
Date
1926-09-08
Page
Seite 240 (sequence 2)
Language
German
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240 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 Das ist die Antwort auf die Frage der Ehe auch: Ehe ist Ausdruck des Geheimnisses. Jene Linie zwischen dem Banalen und Heiligen dehnt sich hier. Wenn die Ehe nur als etwas da ist, was zwischen M>ei Menschen ist,, von ihnen geschlossen, wie so viele sich zusammenschließen, dann kann sie, gewiß, eine ehrbare und nützliche sein, die beiden Menschen können viel füreinander tun, und sie können das auch erfüllen, was so oft als die moralische Aufgabe der Ehe bezeichet wird, das Natürliche in den Bereich des Sittlichen emporzuheben. Es gibt eine Ehe, welche bewußte Trivialität ist, und vielleicht ist sie von manchem Standpunkte aus die beste; die sogenannte gute Ehe ist meist sie. Was sie entbehrt, ist das Ethische, das doch ein anderes' ist als moralische Wohlanständigkeit, als Einfügung in die Sitte der Zeit und Gesetz des Staates. Ethik der Ehe ist Ethik der Offenbarung, zu der die Ehe wird, sie wurzelt in dem Gottesgeheimnis, das zwei Menschen ineinander erleben. Das schließt sie für das Leben zusammen. Die Ethik der Ehe kann, man möchte fast sagen, nur eine mystische sein. Verbundenheit im Geheimnis, Verbundenheit für immer, sucht ja jede Mchstik, so gern nimmt darum die religiöse Mystik ihre Bilder von der Ehe her. Wie wenig ist doch, was selbst ein Kierkegaard als das Besondere der Ehe hinstellt/ daß sie dauernde Offenheit und volles Vertrauen bedinge und fordere. Nur das Banale kann die stete Offenheit haben. Das Letzte im Menschen kann sich wohl offenbaren, aber n i e aussprechen. Zwei Menschen, jeder mit seinem Ich, mit seinem innersten Glück und Leid, zwei Schicksale stehen einander gegenüber und wollen zu einem werden. Diese Spannung reicht über alle gepredigte Moral hinaus. Das Geheimnisinihr erleben und es hüten und aneinander glauben, das ist die Ethik der Ehe. In dem, was sie fordert, ist dann lebendige Kraft, und nicht bloß der Satz des Tugendkatechismus, auch deshalb schon, weil darin die stete Sehnsucht lebt. Alle Sehnsucht auch ist Sehnsucht nach dem Geheimnis. Sie ist nicht ein Begehren danach, etwas zu gewinnen, was man nicht hatte, etwas, dessen man entbehrte, zu erlangen. Sie kommt nicht von den Sinnen her und ist nie auf ein Körperliches, Begrenztes, Irdisches gerichtet, sondern immer auf das Verborgene, auf das, was unter allem Erfaßbaren, als die Tiefe des Lebens, lebt. Sie will nicht eine Vermehrung, eine Hinzufügung, eine Ergänzung, ein Füllen eines Leeren. Sehnsucht kommt aus der Fülle; die Erfülltheit, die Ganzheit des Menschen hegt sie. Sie fft eine Spannung: eine Gewißheit, die ein Fragen, eine Habe, die ein Suchen ist, ein Glück, welches dichtet; alles Glück dehnt sich zu Gcheimnis hin. So hat der Mensch die Sehnsucht nach dem Geheimnis seines Ich, nach der Unendlichkeit und Ewigkeit, aus der er geschaffen, die Sehnsucht zu jenem höheren, weiteren Leben, das sein Leben ist. So hat er die Sehnsucht nach dem Geheimnis des Du, die Sehnsucht, daß er das Geheimnis, welches er in sich erfährt, in der Verbindung mit dem anderen Menschen erlebe. Mancher vermag von jener ersten Sehnsucht so ganz in die Tiefen geführt zu werden, daß diese andere in ihm sich nicht regen mag. Dem Genie kann es so gefügt sein. Ihm allein kann das Recht und die Macht der Ehelosigkeit gewährt bleiben. Aber diese andere Sehnsucht, die, welche sich in der Ehe offenbart, ist Sehnsucht, gleich wie jene, und in ihrem Tiefsten auch ein Geniales wie sie, ein Geniales, das in dem Menschen auch, der ohne das Genie des Gestaltens ist, sich begibt. Sie erhält die Ehe zwischen zwei Menschen lebendig, in ihr spricht sich jenes Ethische der Ehe aus. Sie hat ihr Bleibendes, weil es sie zum Ewigen hinzieht: Sehnsucht ist Lebenssehnsucht. Es gibt keine Sehnsucht für Stunden. Sie ist die Treue der Ehe. Auch alle Treue ist in ihrem Grunde Treue gegen das Geheimnis. Der Oberfläche, dieser wandelnden, brechenden, alternden könnten wir nicht treu sein. An dem Ergänzenden könnte uns nur die Stetigkeit des Gewohnten, die so oft mit der Treue verwechselt wird, festhalten, Wir können treu sein nur gegen das Geheimnis, das immer gleiche, immer gegenwärtige, immer junge, das sich immer offenbarende. Der Untreue ist der Geheimnislose. Ihm offenbaren die Tatsachen seines Lebens nichts, nicht die eine, welche er empfangen, und nicht die andere, welche er bereitet hat. In der Treue beweist der Mensch, daß ein Seiendes, ein Wesen seines Daseins in ihm ist, ein Bleibendes im Kommen und Gehen seiner Tage. Das Wesen der Ehe ist: Treue von Geheimnis zu Geheimnis. Um des Geheimnisses und der Treue willen ist die Ehe in unserem Leben. Ohne die Treue würde sie nur Ergänzung fiir schwindende Stunden sein und nur Gelegenheit der Sinne, Erregung, die in der Niedergeschlagenheit endet, etwas, was durch fein Werden stirbt — nicht stirbt, um zu werden, sondern wird, um zu sterben. Durch die Treue ist sie der Glaube von Mann und Frau aneinander, an das Geheimnis, das beide umfängt. Alles Geheimnis ist das eine. So fern der eine Gott ist von den Göttern, so fern und geschieden ist das Gcheimnis von den Geheimnissen, Geheimnisse sind Geheimnisse der Stunden und Augenblicke, das Geheimnis ist das Geheimnis des Lebens. Auch der Tod endet es darum nicht. Er endet die Geheimnisse, aber nicht das Geheimnis, wie er die Stunden beschließt, aber nicht das Leben. In den Geheimnissen wird der Sinn für das Geheimnis vernichtet. Sie sind das, was nur unter der Oberfläche ist und an ihr bleibt und an ihr festhält; sie scheinen Tiefe und sind Seichtheit. Sie enthüllen und zeigen, aber sie offenbaren nicht; ils parlent toujours et ne disent jamais rien, Geheimnisse sind Spiele mit ihren Zwielichtreizen, das Geheimnis ist das emste Heiligtum der Seele, das Eine, welches das ganze Herz verlangt. Heimat des Geheimnisses ist die Ehe, und darum kann sie nur die Ehe des einen mit der einen sein. Der Bruch der Ehe ist der Verrat des Geheimnisses an die Geheimnisse. Darum wird er den Propheten Israels ein Gleichnis für den Verrat gegen Gott. Gott, der Eine, wird verkauft für die Götter. Geheimnisse haben ihre Verlockungen, das Geheimnis hat sein Gebot. Keine Offenbarung kann dem Menschen zukommen, die nicht auch forderte. Darin, daß es zum Gebote wird und nie ohne das Gebot ist, erweist sich das Geheimnis; seine Wahrheit, seine Echtheit hat darin das Kennzeichen. Geheimnis ohne Gebot ist Trugbild der Tiefe. Der ewige Grund bedeutet immer auch die ewige Ausgabe, diese stete Richtung mit ihrem Ziel, ganz wie das allein wahrhaft Ausgabe und Ziel ist, was aus dem Geheimnisse hervorkommt. Wieder tritt hier die Ethik der Ehe hervor, und sie gewinnt nun ihr Unbedingtes, ihr Kategorisches. Das gibt ihr das Unbeirrbare und Unminderbare, daß sie nicht aus menschlicher Einrichtung kommt, sondern aus dieser Tiefe hervorwächst. Menschen, die zum Geheimnis der Ehe einander geworden, sind damit einander zum Gebote der Ehe geworden. Sie haben sich verbunden, und für ihr Leben verbunden zu sein, ist ihnen damit zum Gottesgebot geworden. Ihr ganzes Leben sollen sie durcheinander verwirklichen und gestalten. Das Geheimnis hat sie an dieses Gebot gebunden, ohne dieses Gebot kann keine Ehe fein. Sie wäre sonst nur ein Spiel mit einem Schemen des Geheimnisses. Das Gebot ist das Absolute

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