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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-08-07 · 8 (7.8.1926) · p. Seite 230

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
8 (7.8.1926)
Article
Das Jüdische in meinem Wesen und Schaffen
Date
1926-08-07
Page
Seite 230 (sequence 3)
Language
German
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230 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 schen Literatur" damit desavourieren muß. Hermann Gutzeit, der Gegenspieler des Dr. Herzfeld, ist trotz seiner blonden christlichen Frau, nämlich ein Jude. Nur an der äußersten Grenze, ein am weitesten vom. Judentum degenerierter geistiger Typ. Und der Kamps, den Dr. Herzfeld im „Schnee" brieflich mit ihm führt, würde mein Herr Rezensent besser verstanden haben, wenn er dabei mal an jene spätere Bewegung gedacht hätte, an deren Spitze sich mein alter Schulfreund Naumann gestellt hatte. Hermann Gutzeit hätte ihm sicher heute seine etwas ausgeschriebene Feder zur Verfügung gestellt. Dr. Herzfeld sicher nicht. Was ich aber so geschaffen habe, wurde also, ohne daß ich es zuerst beabsichtigte, eine Geschichte des Berliner Juden verschiedenster geistiger Typen, (auch getaufter, wie in Heinrich Schön jr.) des 19. und 20. Jahrhunderts in einer Reihe von Romanen. (1840, 1845, 1880, 1900, 1905 usw.) Und was ich noch schaffen möchte, und dieses Mal in voller Absicht, soll nichts weiter tun, als der Kette jener Glieder einfügen, die ihr noch fehlen, d. h. ich will den Roman des Berliner Juden der Gründerzeit schreiben und weiter einen solchen, der bis in die letzte Gegenwart hinein spielt und in dem bekannte Schicksale unter dem Druck der Zeit ihr Ende finden. Dann hätte ich eigentlich genug getan. Wie weit also das Jüdische für mein Schaffen Bedeutung hat?! Es steht ganz unter diesem Stern — so wie ich das Jüdische verstehe. Und es muß das tun, weil ich völlig egocentrisch bin, weil alles was ich schreibe, nur eine Kristallisationsform meines Jchs ist, die mal so, mal so sich auskristallisiert, aber dabei stets, auch wenn man dies nicht aus den ersten Blick bemerkt, aus der gleichen Grundmasse gebildet ist. Stefan Zweig: Ihre interessante Frage ist schwer zu beantworten: man müßte tief in sich hinabgreifen, um deutlich des gemeinsamen Elements bewußt zu werden. Und man mühte vorerst — schon dies unsagbar schwierig! — zu formen versuchen, was man überhaupt als das Jüdische im geistigen Sinne ansprechen will. Nur dies scheint mir in meinem Wesen als jüdisches Erbteil vollkommen gewiß: der Mangel an Heimatsgefühl, der fehlende Nero für das Vaterländische im Sinne einer einzelnen Nation. Ich fühle mich bloß wohnhaft, nicht aber wahrhaft heimisch in den fast durch Zufall gewählten Ländern und hatte niemals selbst in meinem eigenen Garten den Gedanken, daß auch nur ein Baum davon mir „gehört". Ich empfinde nicht die Grenzen innerhalb Europas, vermöchte ebenso in Paris wie in Rom wie in Deutschland wohnhaft zu sein; noch geistern die zweitausend Jahre Wanderschaft vorzeitiger Geschlechter mir in den Adern; jeder Aufenthalt scheint mir bloß Rast, keiner wahrhaftes Zuhausesein. Dem danke ich vielleicht ein besonderes Offensein für das Vielfältige dieser Erde, eine gewisse Nicht-Borniertheit — Unruhe des Geistes manchmal und doch Glück der Wanderschaft, Unfähigkeit zu vollkommener Ablehnung und Leidenschaft des immer wieder Erkennens. Diese Art der Freiheit von der Erde unter dem eigenen Fuß haben, glaube ich, nur Geschlechter, die durch Jahrhunderte nomadisch mit allen Winden gewandert sind. Und obwohl seßhaft zur Zeit, lebe ich dies jüdische Schicksal ohne Bedauern und ohne Neigung, es mit anderer Form zu tauschen, innerlich weiter im Blute, in den Nerven und im Geist. Kurt Hiller: Wahrscheinlich dürfte das, wie man's wohl nennnt, Kritisch- Analytische meiner Denksorm und sehr wahrscheinlich die Dominanz der ethischorganisatorischen Idee („Änderung der Welt") im Denkinhalt..... jüdisches Erbgut sein. Trifft Max Brods geniale Konzeption des Judentums in seiner authentisch-synthetischen Beziehung zu „Christentum" und Heidentum" das Richtige, dann bin ich ganz gewiß Jude, und zwar hundertprozentiger; denn sowohl die „heidnische" Bejahung des Naturgegebenen wie die „christliche" Gleichgültigkeit gegenüber dem Diesseitigen sind meinem Wesen polar. Es kommt auf Umgestaltung des Gegebenen unter der Optik einer transzendenten Idee, aber auf reale, handgreifliche Umgestaltung in der erfahrbaren Welt, nicht auf imaginierte Verwirklichungen in irgendeiner Transzedenz an. — Diese Grundhaltung ist ganz gewiß mosaisch, und mag sein, daß sie deshalb auch jüdisch ist. Bemerkt zu werden verdient, daß Mose und die Propheten gerad' so in ständigem Gegensatz zu ihren Juden wirkten, wie Nietzsche zu seinen Deutschen, wie jeder Große zu seinem Volk. Und akzeptiere ich die Deutung des Wesentlichen in meinem Schassen als „jüdisch", so bin ich mir bewußt, daß auch unter Germanen, Lateinern, Slawen, Indern, Mongolen „jüdische" Charaktere lebten, leben und leben werden, während die breite Masse der ethnologisch als Juden bezeichneten Menschen genau so wenig blutsverwandt mit Mose und den Propheten sind, wie die breite Masse, das heißt der Pöbel, anderer Völker. Die entscheidenden Verwandtschaften (und Gegensätze) gehen quer durch Völker und Rassen: weshalb die „Judenfrage", wie jede andere Nationalsrage, im Grunde uninteressant ist!' Weinberg. 2K., Der Sulzbacher Volkskalender für 5384 (1722/23). Sonderabdruck aus: Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft. Der gelehrte Verfasser, der als Spezialist für jüdische Geschichte und Buchdruck in Bayern auch den Lesern dieses Blattes nicht unbekannt ist, entreißt einen interessanten, über 200 Jahre alten Kalender, der in Faksimiledruck beigelegt ist, der Vergessenheit. An das Erscheinen dieses Kalenders hatte sich seinerzeit ein lebhafter Streit angeschlossen, da der Kalender angeblich eine Anzahl vom Standpunkt des Christentums aus anstößiger Stellen enthielt. Vielleicht ist es mit eine Folge dieses Streites, daß späterhin die Nachlässigkeit, die man in hebräischen Druckwerken des 18. Jahrhunderts vielfach antrifft, verschwindet und einer größeren Sorgfalt Platz macht. -ld. Neues Heft der „Zedakah". Die Verhandlungen der Tagung der Z en t r.a l wohlf a h r t s st e l l e der deutschen Juden vom 6.—8. Juni in Düsseldorf werden in einer Sondernummer der „Zedakah" (Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege) veröffentlicht. Außer den Vorträgen bei der Tagung und in den Arbeitsgemeinschaften der jüdischen Tuberkulosefürsorge und Jüdischen Gefährdetensürsorge, wird die „Zedakah" auch die Begrüßungsansprachen enthalten. Der Preis der Nummer (ca. 60 Seiten) ist JL 1.50. — Bestellungen werden an die Geschäftsstelle der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin C 2, Rosenstraße 2/4 baldigst erbeten. Feine Qualitätsstoffe und Tuche i m p o' R'f kür Damen und Herren Import WEINBERGER ft BISSINGER Rindermarkt 7 MÜNCHEN / AUGSBURG beim Fuggerdenkmal

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