Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (7.8.1926)
- Article
- Das Jüdische in meinem Wesen und Schaffen
- Date
- 1926-08-07
- Page
- Seite 229 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 229 von mir wissen wollen, war ick kein Kinstler!" Sie wundern sich, was diese Anekdote hier bedutet? Nichts anderes als, wenn ich das, was Sie wissen wollen, genau beantworten könnte, wäre ich keinJude. Sie also wünschen von mir über die Bedeutung des Jüdischen in meinem Wesen und meinem Schassen zu hören; und zwar zudem noch in kurzer Beantwortung. Dazu wäre Voraussetzung, daß der Begriff des Jüdischen seststände, oder daß wir beide darunter das gleiche verstehen, und daß es — sagen wir — eine allen Bekennern jüdischen Glaubens oder Kindern jüdischer Rasse (sofern von solcher zu sprechen) innewohnende seelische Einheit gäbe, mit der wir hier operieren könnten. In Wirklichkeit ist es natürlich nicht so. Das Jüdische hat vielleicht einen uralten geheimnisvollen menschlichen und seelischen Grundklang. Sein Baum aber hat sich in viele Äste zerspalten, die weit voneinander abweichen in allem, so daß man manchmal gar nicht mehr an den gemeinsamen seelischen Stamm glauben mag. Es ist wie der alte Birnbaum bei meinem Nachbar, der xmal gepfropft ist und nun hier große, da kleine, da harte, da weiche, da bittere, kaum genießbare, da süße und auf diesem Ast überhaupt keine Früchte mehr trägt und dazwischen noch allerhand Variationen zeigt. Birnen sind es ja ziemlich alle, aber kein Pomologe, dem man sie vorweisen würde, wird je glauben, daß sie von einem Baum kommen. Und so ist es mit dem Judentum. Sehen Sie, das Judentum, das mir die Grundfärbung gibt, ist ein norddeutsches, mehr noch berlinisches liberales Westjudentum, das vom Religiösen sich ziemlich weit abgelöst hat, ohne ihm unfreundlich gegenüberzustehen. Ein Judentum, das im Äußeren, auch in der Denk- und Redeweise stark verpreußt, ja verberlinert ist, das aber dagegen rassemäßig, gerade bei mir als einem ziemlich rein erhaltenen Mittelmeertyp, völlig unassimiliert ist. Meine Einstellung ist jedoch trotzdem rein deutsch, dem Sprachgut nach. Und im weiteren Sinne westeuropäisch, der Kultur nach. Meine Sympathien gehen nach germanischen Ländern mit älterer Kultur, wie Englanö, Holland und Dänemark, unter deren, im höheren Sinne rationell-vernünftigen und menschlicheren gebildeten Schichten ich mich wohl zu fühlen vermöchte. Än romanischen Völkern, vor allem den Franzosen, reizt mich ihr Difserenzierungsvermögen, ihre Beweglichkeit, ihre starke Beeindrucksamkeit Kunst und Natur gegenüber, die Verwandtes in meiner leicht zum Vibrieren zu bringenden, eben wohl doch südländischen Nervenklaviatur anklingen lassen. Die östliche, slavifche Welt ist mir fast verschlossen und findet kaum Widerhall in mir. Und mit ihr auch jene Welt, die in jahrhundertalter, nämlich die ostjüdische. Das ist kein Werturteil, sondern nur eine Feststellung, die zur Umgrenzung meiner Mentalität dienen soll. Ich möchte hier von einer geistigen und seelischen Mentalität im Judentum sprechen und sie beide voneinander trennen. Die geistige Mentalität ist eine Einstellung des Verstandes und für den jüdischen Kaufmann wie für den jüdischen Wissenschaftler bezeichnend. Die seelische ist eine Einstellung des Gefühls und des Empfindens. Die typische geistige Mentalität des Juden, die sich in Denkschärfe, schnellem Erfassen, Zergliedern, sicherem logischen Folgern ausspricht, geht mir völlig ab. Die seelische Mentalität des Juden, die z. B. in dem anderen den Gleichberechtigten steht, die nicht herrschen, aber auch nicht dienen will, die sich einordnet, aber nicht unterordnet, die aufrecht und ungedrückt ist, die die Leistung achtet, die das Leben als der Güter höchstes anbetet und seine Heiligkeit in jeder Kreatur (geschweige denn nicht im Menschen!) zitternd empfindet, die in sozialen Verschiedenheiten keine Gottgegebenheiten sieht, sondern böser Wille und Unzulänglichkeiten, so geändert werden müssen,... die gerne träumend fabuliert... und die wohl gerade deswegen eine letzte Fremdheit aller Wirklichkeit dieser Welt gegenüber (ob das Menschen oder Dinge sind) nie überwinden kann... diese seelische Mentalität spüre ich in mir als ein sehr altes Geschenk und Erbteil, nicht allein vom Judentum, sondern vielleicht sogar von der späten Antike her. Ich meine immer, wenn sich meine Seele zurückerinnert, so erinnert sie sich nicht an Moses, Salome oder David, sondern an die Zeiten des Marc Aurel oder an jene später in Granada. Wenn ich maurische Fliesen sehe, so habe ich stets das Gefühl wie der Leutnant in der „Weißen Dame", wenn er den Robin Adair hört. Woher kenne ich diese Melodie nur? Vielleicht aus unferner Kindheit. Ich gebe zu, daß vor 1914 diese Stellung zum Judentum als seelischer Begriff, als Mentalität des Gefühls zwar nicht weniger bei mir vorhanden war,. als heute, aber mir weniger bewußt wurde, weil keine Gelegenheit war, eine starke Verschiedenheit von meiner deutschen, spezifisch norddeutsch-berlinischen Umwelt zu spüren, zu der ich in den freundschaftlichsten Wechselbeziehungen stand. Wir sprachen eine Sprache, in allen Färbungen des Dialektes, der Intimitäten zwischen Menschen gleicher wie verschiedener Schichten schuf, und mein Beruf brachte mich mit solchen von oben wie unten genugsam zusammen. Immerhin muß ich mir heute sagen, war unser Verkehr doch nur so, daß er nicht bis zu jenen Tiefen drang, in dem sich die fundamentalen Unterschiede zwischen mir, einem Sohn sehr alter Rasse, und jenen Kindern jüngerer Rasse offenbaren konnten. Auf anderer Seite empfand ich auch schon damals, aber ich hatte keinen Grund, davon viel Notiz zu nehmen, daß ich mit den jüdischen Bekannten und Anverwandten gleicher Kulturschicht leichter eines wurde. Denn sie verstand ich von innen her, und in die anderen tastete ich von außen herein, ohne auch nur dorthin zu gelangen, wo ich bei jenen erst anfing. Trotzdem war ich nie der Ansicht, daß etwa die Möglichkeit bestände, daß ich und der deutsche Mensch meiner Umgebung in grundlegenden Fragen anders empfände. Denn ich hielt das, was dafür bestimmend war, nicht für eine jüdische Mentalität, sondern für eine allgemein-menschliche, die ausnahmslos Geltung hätte. Es war eben noch keine Gelegenheit da, es auf die Probe zu stellen. Aber die Jahre nach 1914 bis zum heutigen Tage haben mich darüber gründlich belehrt und aufgeklärt, daß dem nicht so ist. Und seitdem ich das erkannt habe, hat das Jüdische in meinem Wesen — und danach fragten Sie ja wohl, — nur ein um so stärkere Bedeutung gewonnen. Bis 1914 bin ich mir also kaum bewußt gewesen, daß alle meine führenden Figuren, in fast all meinen Büchern (mit Ausnahme des Kubinke vielleicht, doch auch er steht in einem jüdischen Milieu) Juden sind. Es lag keine Absicht darin, wenn sie es waren. Sie wurden es unbewußt. Und zwar einfach deshalb, weil ich nur sie wirklich und mit völliger Sicherheit von innen her, vom Mittelpunkt aus kenne. Die anderen, z. B. Kößling oder Herr von Maltitz in Heinrich Schön jr. haben etwas im letzten Grunde, das ich selbst nicht verstehe, weil es nicht mein eigen ist. Ich ahne es, aber ich empfinde es nicht selbst. Alle übrigen Figuren hingegen, die jüdischen, sind irgendwelche Seelenspaltungen von mir: So könnte ich sein, wenn ich anders wäre. (Mann oder Frau), wenn ich diese oder jene Seite meines Jchs prävalieren ließe... sodann reagieren, derart handeln. Diese aber sind mir eigentlich unberechenbar. Und deswegen stelle ich sie nur ungern in meine Rechnung ein. Ich kann dann nicht fürs Resultat garantieren. Wie weit es damit geht, daß ich nur jüdische Menschen in meinen Büchern kenne, muß ich festellen, auch wenn ich den liebenswürdigen Verfasser der Studie über „Dr. Herzfeld" in den „Juden in der deut- CRISTALL- 0R4N6E de rßJlörfaßriJzj OJVagisteiy DTCet/erJJfirScÄ v QTüuicfie-rL