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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-07-01 · 7 (1.7.1926) · p. Seite 200

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
7 (1.7.1926)
Article
Ein Doppeljubiläum in Uffenheim
Date
1926-07-01
Page
Seite 200 (sequence 3)
Language
German
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200 Bayerische Israelitische Gcmcindezcilung Olr. 7 unter Mithilfe seiner ihm gleichgesinnten und gleichstrebenden Gattin führte und das sich eines guten Rufes erfreute, förderte die ihm anoertrauten Zöglinge allseitig und war durchschnittlich von 15 Schülern besucht, so daß 80—100 Jungen chm als Männer noch dankbar' sind. Im jüdischen Lehrerverein Bayerns spielte Hauptlehrer Strauß ^.eine Rolle, sowohl als langjähriges Verwaltungsmitglied — er" gehörte diesem bereits 25 Jahre an — wie auch durch feine rege-Tätigkeit auf sozialem Gebiete zur Besserung der materiellen Lage seiner Amtsbrüder. Last not least sei auch seiner Feder gedacht, die er stets in den Dienst der Schule, des Lehrers, der Allgemeinheit stellte. So blickt der Jubilar, der jahrzehntelang auch wacker an der Verbandssache mittat, auf ein reich gesegnetes Leben zurück. Möge ihm an der Seite seiner Gemahlin wie bisher auch weiter körperliche Rüstigkeit und geistige Frische beschieden bleiben und beiden ein ungetrübter Lebensabend erblühen. Ad multos annos! Der Jubelgemeinde wie dem Jubilars gelten zur bevorstehenden Feier, über die näherer Bericht erfolgt, heute schon die herzlichsten Glück- und Segenswünsche. ärztliches und Erzieherisches aus dem Kinderheim in Wollratshaujen Dr. Oppe Wenn die heutigen Ausführungen unter obigem Titel erstattet werden, so geschieht dies aus der Überzeugung heraus, daß ärztliche und pädagogische Fragen manchesmal kaum voneinander zu trennen sind, wo von der Anstaltsbehändlung 6—14jähriger Kinder die Rede ist. Mehr noch als in der Familie hat der Arzt in einem Kinderheim dafür zu sorgM, daß der Einfluß der mit der Erziehung betrauten Kräfte die' ärztlichen Maßnahmen stützt und wirksam macht. Der Erfolg eines Genesungs- und auch Erholungsurlaubs hängt bei Kindern wie bei Erwachsenen zum großen Teil von der Stimmung, von der seelischen Verfassung ab; um diese günstig zu beeinflussen, gilt es den Kindern den Heimaufenthalt heiter und gemütlich zu gestalten, damit auch diejenigen unter ihnen sich wohl suhlen, die vielleicht zum erstenmal vom Elternhaus weg sind. „Freude ist Alles",.wie ein moderner Schulmann sagt. Aus diesem Gefühl heraus kann ich auch jenen Eltern nicht beipflichten, die meinen, Meinem Kinderheim müsse militärischer Drill herrschen, die Kinder müßten von früh bis nachts streng beaufsichtigt und unaufhörlich beschäftigt werden. Die Kinder, die ihre Ferien bei uns verbringen, sind das ganze Jahr hindurch unter dem strengen Zwang der Schule gestanden; da sollen sie doch in den kurzen Urlaubswochen wenigstens sich frei fühlen; nur dann können sie neben der körperlichen Ruhe die noch viel wichtigere geistige und seelische Erholung finden, deren sie bedürfen. Ein liebevoller und doch konsequenter erzieherischer Einfluß muß in einem Kinderheim dauernd, aber möglichst unaufdringlich am Werk sein, nur so kann die in einer Anstalt unbedingt nötige Ordnung und Disziplin aufrechterhalten werden, ohne daß die Kinder das köstliche Gefühl der Freiheit einbüßen. Würde man uns gesunde Kinder schicken, so wäre ein Ferienaufenthalt von 3—4 Wochen zur Erholung vollkommen genügend. In dieser Zeit kann ein gesundes, nur durch die Schädigungen des Stadtlebens und durch die Anstrengungen der Schule ermüdetes Kind sich erfahrungsgemäß vollkommen erholen. Die besten Resultate lassen sich in kurzer Zeit bei Kindern erzielen, die an den Folgen schlechter und ungenügender Ernährung leiden; sie blühen in einigen Wochen bei unserer guten, reichlichen Kost förmlich auf. Das erwies sich mit besonderer Deutlichkeit bei den Kindern, die man uns zur Zeit aus Oberschlesien und aus dem Ruhrgebiet in einem bejammernswerten Ernährungszustand zusandte. An dieser Stelle soll betont werden, daß durchaus nicht in allen Fällen eine starke Gewichtszunahme erstrebenswert erscheint. Bei Kindern, die schon mit normalem Gewicht zu uns kommen, möchte ich als Beweis für die erfolgte Erholung gelten lassen: Vertiefung der Atmung, frischere Gesichtsfarbe, erhöhte Leistungsfähigkeit in körperlicher und geistiger Beziehung — lauter Faktoren, die nicht physikalisch genau meßbar sind. Unter unseren Ferienkindern befinden sich stets eine größere Anzahl vom.Kindern, bei denen sich schon nach der ersten ärztlichen Untersuchung mit größter Wahrscheinlichkeit Voraussagen läßt, daß hier eine so kurze Aufenthaltsdauer die erhofften Resultate nicht wird zeitigen können. Ohne daß sie direkt krank sind, kann man alle Kinder, die ich hier im Auge habe und die ich in verschiedene Gruppen einteilen möchte, auch nicht als gesund bezeichnen. . Da sind in erster Linie die nervösen Kiyder; meist handelt es sich um einzige Kinder, die zu Haufe den Mittelpunkt ihrer Umgebung gebildet haben und die durch ein Übermaß von Liebe oft nrehr gequält als beglückt worden sind. Sie werden sehr häufig zu Uns gebrächt ipit dem Bemerken, daß sie schlecht essen oder sehr Heitel sind. Die Behandlung solcher Kinder bildet eine dankbare Aufgabe für das Heim. In der Umgebung neroengefunder Kinder ftiimen sie sehr bald an, tüchtig zu essen und sind auch nicht mehr nsahlerisch. Solche Kinder kann man meist nach 4 Wochen als gute Ester nach Hause schicken, doch zeigt die Erfahrung, daß die chäush e i m e r. liche Erziehung oft den guten Erfolg sehr bald wieder zunichte macht. Ein längerer Heimaufenthalt wäre hier sehr anzuraten, da ja das mangelhafte Esten meist nur ein Symptom einer nervösen Erkrankung darstellt, deren Nährboden im häuslichen Milieu zu suchen ist. Ein Beispiel soll klar machen, wie das zu verstehen ist. Aus Norddeutschland wurde uns ein lOjähriges blasses, überzartes Mädchen gebracht. Die sehr intelligente Mutter erzählte, die Kleine sei ein spät geborenes Kind, das im Mittelpunkt der Liebe und des Interesses der ganzen Familie stünde. Sämtliche Familienmitglieder seien unglücklich über den schlechten Appetit der Kleinen und suchten sie auf alle mögliche Weise zum Essen zu bewegen. Resultat: Das Kind nähme jetzt fast gar nichts mehr zu sich und klage über Leibschmerzen und sonstige Beschwerden. Die Untersuchung ergab, daß das Kind organisch gesund aber stark abgemagert war. Die Muskulatur war schlaff, die Körperhaltung schlecht, der Gesichtsausdruck müde und verdrossen. Das Kind schreckte vor der kleinsten körperlichen Anstrengung zurück und ermüdete auch geistig sehr rasch. Die Behandlung mußte sich hier vor allem auf die Hebung der darniederliegenden Willenskraft des Kindes richten. In eingehenden Unterredungen suchte man der Kleinen klar zu machen, daß es ihr bei einiger Selbstbeherrschung gelingen würde, die vielen Schmerzen zu überwinden, über die sie klagte und für die keine nachweisbare Ursache vorhanden waren. Der Appetit hob sich rasch ohne weiteres Zutun. Nach 3 Monaten schon sah das Kind viel bester aus und aß alles, was auf den Tisch kam und verlangte ein zweites und drittes Mal. Auf ihre Selbstbeherrschung im Ertragen von Schmerzen war sie sehr stolz und hatte gerade im Gefühl, etwas erreicht zu haben, einen sehr günstigen Einfluß auf eine Altersgenossin mit ähnlichen Beschwerden gewonnen. Wenn es — wie in diesem Fall — gelingt, den Willen eines Kindes zu stärken, so haben wir ihm unter Umständen für sein ganzes Leben einen wertvollen Dienst geleistet. Der eben beschriebene Fall ist typisch. Er ist mehrfach bei uns vertreten, wobei betont werden muß, daß die betreffenden Kinder durchaus nicht nur aus wohlhabenden Familien stammen. Ebenso wie bei der hier beschriebenen Gruppe kann auch bei einer anderen Kategorie, nämlich bei den überempfindlichen sensiblen Kindern, die sich stets beleidigt und gekränkt fühlen, ein Dauererfolg nur bei längerem Aufenthalt erhofft werden. Hier gelingt es durch liebevolles Eingehen auf die Eigenart allmählich, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen und ihnen klar zu machen, daß man in einer Gemeinschaft das eigene Selbst nicht zu sehr in den Mittelpunkt stellen darf und daß man sich gerade durch dieses freiwillige Zurückstellen viele Kränkungen ersparen kann. In der Erweckung des Gemeinschaftsgefühls erblicken wir nicht nur ein Heilmittel für sensible Kinder, sondern mit das wichtigste Erziehungsmittel für unsere sämtlichen Pfleglinge. In diesem Sinne ist es gewiß auch zu begrüßen, daß Kinder, die aus verschiedensten sozialen Schichten stammen, einander kennen lernen und miteinander kameradschaftlich verkehren. Besonders sensible Kinder leiden häufig sehr stark an Heimweh; in einem einzigen Fall versagte unsere Behandlung hier vollkommen und wir mußten den Eltern raten, das Kind zurückzunehmen, da es unter seinem Heimweh zu stark zu leiden hatte. Meist vergeht das Heimweh in den ersten 24 Stunden, wird aber manches Mal durch allzu häufige Besuche der Eltern wieder geweckt. Eine Kategorie, die wir häufig sehen, sind die Kinder mit schlaffer Körperhaltung, schlaffer Muskulatur, bleichem Gesicht. Die Schleimhäute sind nicht blaß, woraus man schließen darf, daß die

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