Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (1.7.1926)
- Article
- Ein Doppeljubiläum in Uffenheim
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 199 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2727810-2727823-2727830-2729949--01163-2730011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 199 Nr. 7 des Dekanats Uffenheim zufolge waren 1751 dortfelbst sieben Judenfamilien, welche 77 Seelen ausmachten. Sie wohnten in der noch bestehenden „Judengasse". Im Seligmann Lazarus'schen Haus (Nr. 112) befand sich eine Synagoge, welche dessen Vater ohne „herrschaftlichen oder magistratischen Konsens, also propria uutoritate hatte einrichten lassen. Wenn nun Uffenheim im Jahre 1808 nur 1 Familie mit 5 Seelen zählte, so beweist dies, daß bis vor die Tore der neuen Zeit der Geist jenes „Privilegiums" von 1699 noch nachwirkte, nach welchem Uffenheim „keine Juden mehr aufnehmen braucht". Anno 1833 noch bestand für Uffenheim nur eine Matrikel und um die mußte Salomon Hirsch Forchheimer 3 Jahre kämpfen, um von Welbhausen nach Uffenheim ziehen zu dürfen. Man machte dem Gesuchsteller damals geltend, daß „einem im Stadtbuch enthaltenen, beständigen und unwiderruflichen Privilegio zufolge (§ 2) zu ewigen Zeiten keine Juden mehr in die Stadt ausgenommen werden, die Juden aber, so darinnen in wirklichem Schutz sind, ad dies vitae darin gelassen werden." Nun die „ewigen Zeiten" änderten sich bald. 1840 wirkte schon ein jüdischer Arzt in Uffenheim, Dr. Rosenthal; etwas später der 1865 nach München verzogene Advokat Aub. In der Zeit von 1866—70 nahm die Zahl der Juden in Welbhausen immer mehr ab und die der Uffenheimer zu. Werfen wir darum einen flüchtigen Blick auf die vor den Toren Usfenheims gelegene jüdische Nachbar- und Rabbinatsgemeinde Welbhausen? Während Uffenheim anno 1808 nur eine Matrikel besaß, zählte Welbhausen 36 Familien mit 181 Seelen. Zum Rabbinat zählten die 13 Gemeinden: Welbhausen, Ermetzhofen, Weigenheim, Gordstadt, Nenzenheim, Bullenheim, Hüttenheim, Sugenheim, Jkelheim, Dornheim, Lenkersheim, Kaubenheim, Burgbernheim. Zur Zeit der Blüte (1820—30) wirkte dort der Parnoß, d. h. Kreisparnoß Simon Schutzmann. Lehrer Königshöfer verläßt Welbhausen am 22. August 1875, da die Schule nach Uffenheim verlegt wurde und im gleichen Jahre siedelte auch das Rabbinat nach Uffenheim über. Der letzte im Rabbinat war RabbinerHaas, Vater des Kultusvorstandes der Gemeinde Würzburg, des I u - stizrates Dr. Haas. Rabbiner Haas starb schon am 2. Juni 1878 in Uffenheim. Das Rabbinat Welbhausen wurde 1879 offiziell aufgelöst und seit 1880 gehört Uffenheim zum Distriktsrabbinate Ansbach. Ganz formell blieb Uffenheim zwar noch mit der Zwerggemeinde Welbhausen verbunden? Nachdem aber in den 70er Jahren infolge der Gewerbefreiheit auch aus Ermetzhofen, Weigenheim und anderen Orten Familien in Uffenheim zuzogen und deren Zahl bereits auf 12 gestiegen war, konnte man daran denken, einen eigenen Lehrer anzustellen und zwar in der Person des Lehramtskandidaten Abraham Strauß, der nun — wer hätte es damals gedacht — volle 50 Jahre dort wirkt. Das Jahr 18 7 6, in welchem Schule und Rabbinat von Welbhausen nach Uffenheim übersiedelten, und da man den ersten Lehrer dort anstellte, kann also mit Recht als das Wiedergründungsjahr der jüdischen Gemeinde gelten, nach dem 590 Jahre vorher die erste Judengemeinde in Uffenheim bestand. 1883 gründete man einen Frauenverein, 1886 die Männer-Chevro („Chevro Kadischa") und 1890 wurde die jetzige Synagoge gebaut. 1885 zählte Uffenheim 18 Familien mit 29 Schulkindern, bei Beginn des Weltkrieges 28 Familien. Sie stellten im Laufe des Krieges nicht weniger als 22 Krieger. Davon waren 14 an der Front, 4 in der Etappe- und 4 in der Garnison. Den Heldentod fürs Vaterland starben 4, darunter 2 Brüder, Max und Ludwig Flamm. Die 1919 in der Synagoge enthüllten Gedenktafeln erinnern an die Heimgegangenen Söhne und an die übrigen Kriegsteilnehmer der jüdischen Gemeinde. Wenn auch infolge Kriegs, Inflation und Wirtschaftslage die Entwicklung der Gemeinde — wie allerorts — gehemmt wurde, so zählt sie heute doch noch 24 Familien mit 76 Seelen. Die Zahl der jüdischen schulpflichtigen Kinder ist von früher 34 auf 6 herabgesunken. Als Hauptursache der auffälligen Abnahme muß auch in 1 Als Rabbiner, wirkten in Welbhausen: Bierheim, Weimann, Flamm, Haas. 2 Die verwaiste Synagoge in Welbhausen kaufte Salomon Forchheimer, gestorben 1904 als Holzgroßindustrieller in Nürnberg, Enkel des erwähnten Salomon Forchheimer, der Kultusgemeinde Welbhausen ab als Geschenk für die politische Gemeinde dort. Diese machte daraus ein — Armenhaus! Judengasse MM dieser Gemeinde der den Bestand und die Existenz der gesamten deutschen Judenheit bedrohende Geburtenrückgang bezeichnet werden. Und nun zum Lehrerjubilar! 50 Jahre in einer und derselben Gemeinde, 50 Jahre auf der ersten Stelle, ein halbes Jahrhundert am gleichen Orte, das heißt mit einer Gemeinde verwachsen und verwoben sein, das bedeutet die Lebensarbeit eines Mannes, eines Menschen. Welche Veränderungen und Entwicklungen birgt doch ein solcher Zeitraum in sich, im persönlichen, im familiären, gemeindlichen und privatlichen Leben. Da sieht der Lehrer bereits das 3. Geschlecht unter seinen Augen heranwachsen. Kein Wunder, daß bei solchem festlichen Anlaß die Herzen zusammenklingen in jubelnden Akkorden! Strauß, der mütterlicherseits einer Lehrergeneration entstammt, ist am 4. Mai 1858 in Rineck bei Lohr a. M. geboren, besuchte von 1870—73 die israelitische Präparandenschule Höchberg seines Großonkels Rabbi Lazarus Ottenfoßer s. A., dann bis 1876 das Würzburger jüdische Seminar unter dessen unvergeßlichem Stifter Distriktsrabbiner S. B. Bamberger s. A. und absolvierte im Juli 1876 am Bayerischen Schullehrerseminar Würzburg. Seitdem amtiert der Jubilar in Uffenheim. Damals wirkte als Vorstand Meier Goldschmidt, ihm folgten Samuel Zucker, Justin Stark, Meier Zucker, Josua Flamm, der erst vor 4 Monaten dahinging. Jetzt ist Herr Gustav Stark I. Führer der Gemeinde. Sie alle ohne Unterschied lernten die Wirksamkeit ihres verdienstvollen Lehrers schätzen- Gelegentlich der Neujahrsauszeichungen 1913 verlieh die Regierung dem Jubilar den Titel „Hauptlehrer". Strauß hatte durch seine Unterrichtstätigkeit an der Lateinschule, dem späteren Progymnasium in Uffenheim, ständig Kontakt mit den Schulbehörden, nahm lebhaften und regelmäßigen Anteil an den Fortbildungs- und Bezirkslehrerkonferenzen, und wenn die auch im Umkreise tosende Welle des -Antisemitismus in Uffenheim nie recht Fuß fassen konnte, so ist das nicht zum geringsten Teile dem Respekte vor der Persönlichkeit des Jubilars zu verdanken. Bei Begründung des Heimatmuseums war Hauptlehrer Strauß die treibende Kraft und sein eifrigster Förderer. Sein Knabenpensionat, das er 20 Jahre