Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (1.7.1926)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in München
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 198 (sequence 3)
- Language
- German
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198 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 In einer Urkunde vom 29. März 1416 heiht es: „Wir Ernst und Wilhelm v. G. G. Pfalzgrasen bey Rhein und Herzoge in Bayern bekennen, daß unsere Judengemeinde hier zu München zu uns kam und fleißig bat, ihr ein Erdreich zu einem Freithof anzuweisen. Auf ihr Bitten zeigen wir ihnen einen Freithof aus bey dem berg zwischen Moosach und dem Rennweg, sie und alle Nachkommen sollen von da an begraben werden... Sie solln jedoch hyfür und allen unfern erben an yedem St. Martinstag 4 ungar. Goldgulden Zins geben."... Nachdem die freie Reichsstadt Augsburg" alle Juden ausschaffte", verwies auch Herzog Albert III im Jahre 1440 die noch wenigen jüdischen Familien von München und noch von 40 anderen Orten aus Bayern. Nach einer Urkunde vom 14. September 1442 schenkten Herzog Albrecht III. und seine Frau Anna von Braunschweig ihrem Leibarzt Dr. Johannes Hartlieb, Lehrer der Arzney: „das Haws hie zu München an der Judengassen gelegen, dainn vor Zeiten die Juden-Schuel gewesen ist, mit aller Zugehörung, daz da stoßet zu der einen an den Speberg das Haws daz iezo des Waldeckers ist, und zu der andern seiten an des Wilprechts Haws." Dieser gestaltete diese frühere Synagoge zu einem Wohnhaus um, mit einer Marienkapelle im Keller. Dieselbe fand solch starken Zulauf, daß sie zu klein wurde, weshalb der Besitzer das Haus abbrechen, den Keller — die Kruft, wie es damals hieß —, überwölben ließ und darauf eine Kirche erbaute. Daher stammte der Name Kruft — später Gruftkapelle, der nach deren Abbruch auf die Straße (Gruftstraße) übertragen wurde. Langsam hatten Juden wieder versucht sich in München ansässig zu machen, weshalb die Landschaft Klage bei Herzog Albert V. führte, u elcher ihnen befahl „das Land zu verlassen und zu meyden" und „Jesel gemeiner Judischaft Benelchhaber in Deutschland gelobt im Namen aller Juden auszuwandern, und daß fortan keyn Jude mehr nach Bayern komme, weder um da zu wohnen, noch um Handlung oder igrend ein Gewerbe zu treiben, und so schnell als möglich durch das Land zu reysen, wenn es notwendig sein sollte, durch dasselbe zu ziehen. Kein Bayer solle sie beherbergen." Für die Durchreise war ein Geleitgeld zu zahlen, das nach Meilen berechnet wurde, außerdem mußte jeder Jude für sich und sein Gepäck einen Zoll entrichten. „Die Judenverbote seyn so scharf, daß man ihre Wiederkehr nimmermehr erwartet", heißt es in einem Bericht. Mit der Vergrößerung der Stadt ließen sich Ende des 17. Jahrhunderts doch wieder Juden in München nieder. Nach seiner Rückkehr von dem spanischen Erbsolgekrieg befahl ihnen jedoch Maximilian Emanuel durch eine Verordnung vom 22. März 1715, das Land innerhalb 24 Stunden zu raumen. Fast ihre ganze Habe hatten sie an der Stelle ihrer Seßhaftigkeit zurücklassen müssen, so, daß es naturgemäß erscheint, wenn sie sich bald wieder dorthin wenden und versuchen, sich an den Orten ihres früheren Besitzes ansässig zu machen. Nur allmählich und unter schweren und drückenden Bedingungen werden sie wieder zugelassen. Die Judenverzeichnisse des 18. Jahrhunderts zeigen: Deren Kinder Dienerschaft Oberhäupt. Weib, männl. weibl. männl. weibl. Zusammen 1728 8 1 1 6 1 17 1750 9 1 1 8 2 20 1781 23 6 2 13 7 52 1782 30 6 2 1 16 9 64 1788 30 16 24 22 25 14 131 1792 29 22 34 29 18 19 151 1798 35 33 54 44 20 30 216 Es scheint, daß erst in den achtziger Jahren die Zeit sicher genug geworden ist, daß sich die Männer getrauten, ihre Familien in die Stadt zu nehmen. (Fortsetzung folgt.) Lin voppeljubiläum in Uffenheim Von Hauptlehrer A. Mannheimer in Dettelbach. Noch ist kein Jahr dahin, daß in diesen Blättern von dem Doppeljubiläum in Rothenburg o. d. T. berichtet wurde. Ist es nun nicht ein eigentümlicher Zufall, daß ganz in der Nähe Rothenburgs sich das gleiche Fest wiederholt? Gemeinde und Lehrer begehen dieser Tage — 24. Juli — das goldene Jubiläum in der mittelfränkischen Stadt Uffenheim. Und wenn der Ort — gleich viel größeren und größten Städten — auch nicht von der Gloriole eines „Maharam" umflossen ist, dessen Licht und Name Rothenburg weltberühmt machte, soweit die jüdische Diaspora reicht, so bietet die geschichtliche Vergangenheit Uffenheims doch Interessantes genug für die bayerische Judenheit, bei der das Gefühl der Zusammengehörigkeit — das ist nicht abzustreiten — seit Gründung des Verbandes eine intensive Steigerung erfuhr. So mag in bescheidenem Rahmen ein kurzer geschichtlicher Rückblick zunächst auf die Jubelgemeinde geworfen werden. In äußerst fruchtbarer Gegend, rings umgeben mit Gärten und Wiesen, geziert mit zehn Türmen, umgürtet von einer altersgrauen Ringmauer und teilweise noch von tiefen — jetzt trockenen — Wassergräben, liegt an der Bahnstrecke Würzburg-Ansbach das mittelfränkische Städtchen Uffenheim, Sitz eines Bezirksamtes. Es gehört keine besondere historische Schulung dazu, beim Anblicke des Stadtbildes zu fühlen, daß hier wohl einmal ein Adelsgeschlecht „derer von Uffenheim" geherrscht haben mag. Später kam Uffenheim unter die Regierung der Grafen von Hohenlohe. Ein Hohenlohe verpfändet 1378 Uffenheim an den Burggrafen Friedrich V. von Nürnberg, dem bekannten Ahnherrn der Hohenzollerndynastie, welche von Nürnberg aus nach der Markt Brandenburg kam. Friedrich V. (1357—1397) war ein Gönner der Juden. Von ihm stammen die ersten Judenschutzbriefe, von denen noch eine ziemliche Anzahl vorhanden ist. Die Aufnahmen erfolgten unter den liberalsten Bedingungen und lauten in der Regel auf ein bis vier Jahre. Die jüdischen- Einwohner bilden eine organisierte „Judenschaft" unter einem ^Hochmeister" (Rabbiner). Auch unter seinem Nachfolger Friedrich "VI.. (1397—1440) war man duldsam gegen Juden. Aber schon 1515 beginnen unter Casimir die sogenannten „Abschaffungen^ der Juden. Der Landtag zu Baiersdorf beschließt, binnen Weihnachten „die Juden aus dem Lande zu entfernen und jeden mit dem Bann zu belegen, der ihnen Geld borge". Georg der Fromme (1515—1527) duldete — trotz des Einspruchs des Rats von Nürnberg — die Juden in Fürth, Ansbach, Schwabach, Kitzingen, Sommerach und anderen Orten, auch in Uffenheim. Unter Georg Friedrichs Nachfolger wurde 1560 auf abermaliges Andringen des Landtags auf allen Kanzeln und Rathäusern verkündet, daß die Juden bis Pfingsten 1561 das Land zu verlassen haben, doch soll ihnen bis dahin ziemlich geraume Zeit und Dilation gelassen werden zum Verkaufe ihrer Habseligkeiten." Da aber die Befehle 1564 und 1566 erneuert wurden, scheint die Austreibung doch keine vollkommene gewesen zu sein. 1609 erfolgte sogar eine förmliche Aufhebung des Ausweisungsdekrets. In Uffenheim, das 1336 — durch die sogenannten „Judenschläger" — eine Judenverfolgung sah, wurden Juden 1528, 1530, 1532 und 1536 wieder ausgenommen, in dem benachbarten Ermetzhofen um die gleiche Zeit, ebenso in Welbhausen, dem späteren Rabbinatsfitze und der Muttergemeinde für Uffenheim, die von letzterem allmählich ausgesogen wurde wie Dispek beispielsweise von Neustadt a. Aisch. Wie 1298 die von dem unseligen Edelmanne Rindfleisch aus Nöttingen ausgegangene mörderische Judenverfolgung, welche sich bis nach Böhmen fortwälzte, selbstredend auch Uffenheim heimsuchte, so waren die Schicksale dieses Ortes im großen ganzen jenen von Rotenburg gleich und wir können in diesem Punkte an die diesbezüglichen Darlegungen vom Vorjahre erinnnern. Eines mag jedoch der besonderen Beachtung würdig sein: das Institut der „B a r n o ß i m". Unter dem Oberrabbiner stand im Ansbachschen der Landrabbiner, so vom Anfänge des 17. Jahrhunderts an. Schwabach war der Sitz des Oberrabbiners und Ansbach Sitz des „O b e r b a r n o ß". Zu den „L a n d b a r n o s s e n„ zählten der von Uffenheim, vom Markgrafen von Ansbach ernannt. Nach dem ältesten Landjudenschaftsregister von 1741 hatte Uffenheim damals sechs steuerbare Familienhäupter*. Einer Aufzeichnung * 1632 wird von den Juden in Ermetzhofen gesprochen. Die sehr alten Grabsteine seines jüdischen Friedhofs deuten auf ein viel höheres Alter der jüdischen Gemeinde zurück. (Siehe Haenle, Geschichte des Judentums im ehemaligen Fürstentum Ansbach, S. 147.)