Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (1.7.1926)
- Article
- Die Judenflurnamen in Unterfranken
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 196 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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.106 Bayerische Israelitische Gcmeindezeitung Nr. 7 (— eines davon). Und so man das Buch hat, so soll man einen andern Juden auf seinen jüdischen Eid fragen, ob das das rechte Buch sei. So soll man dann den, der schwören soll, kehren gegen der Sonne Aufgang und soll ihm die rechte Hand bis an den Knorren in das Buch legen und soll dem Juden also vorsprechen: Also dich N.N. anspricht um die Sach etc., daß du ihm daran nit schuldig' bist, daß du ihm wiedergeben .... sollest ohn Gefährde, also bitt dir Gott zu helfen und die Ehe (— Gesetze), die Gott gab hie zu Moses auf dem Berg Sinai an zweien steinernen Tafeln. Und wo (— wenn) du nit wahr (sprichst) und Recht Haft an der Sache, daß dir der wahre Gott, der Lamm und Gxas erschaffen hat und alle Dinge, nimmer zustatten komme an keinen Dingen, wo du ihn anrufend bist (= anrufeft). Und wo du nit wahr und Recht habest an der Sache, daß dich das Feuer übergehe (= über dich komme), das Sodoma und Gomora überging. Und wo du nit wahr und Recht habest an der Sache, daß dich alle Flüche übergehn die an der Thora geschrieben stehen. Und also du wahr und Recht habest an der Sache, also helfe dir der wahre Gott Odonai und anders nit." Je mehr man die Iudenflurnamen, wie es sich gehört, im Zusammenhang mit den im vorstehenden genannten und ähnlichen Dingen betrachtet, desto weniger kann man das Bestimmungswort Juden mit Jütten, Iötun, Gutten gleichsetzen. Die Spuren altgermanischen Heidentums und Götterglaubens sind in der Namenwelt ganz andere und eS gehört reichlich viel Phantasie, Erfindungsgabe und vorgefaßte Meinung dazu zu leugnen, daß die Iudenflurnamen in allererster Linie den ortS- und amtsansässigen, handeltreibenden Israeliten ihre Entstehung zu verdanken haben. Die Entstehung der Iudenflurnamen steht jedenfalls im engsten Zusammenhänge mit ihrer allmählichen Verbreitung in Franken. Anscheinend von den großen Städten am Rhein her haben sich die Juden auch allmählich über Oftfranken verbreitet und saßen schon seit dem 11. Jahrhundert in Würzburg unter einem eigenen Iudenmeifter (— Rabbiner), dem die Familien in den umliegenden Städtchen und Dörfern unterstellt waren. Die arg zerstreute SiedelungSweise — es wohnten zumeist nur 2 bis 3 Familien an einem Orte — zwang die Juden zum Zusammenschluß, um wenigstens einen gemeinsamen Friedhof für ihre Toten zu erlangen. Auch in Kitzingen a. M. existierte vor der Anlage des israelitischen Friedhofs bei Rödelsee ein solcher, denn die Plannummern 4939 — 45 führen im Grundbuchsachregifter die Bezeichnung: „am Iudenkirchhof" oder „Iudengottesacker", dort wo am Roten Bach die sog. Pfarrwiesen (6 Mg.) liegen. Nach dem Urbar- und Saalbuch vom Jahre 1535 scheint dieser Friedhof damals noch im Gebrauch gewesen zu sein; denn eS heißt z. B.: „2 Morgen Acker im Kleinfeld beim Iudenkirchhof," dagegen in der Topographie CodomannS (um 1625): „Etliche Wiesen, der Iudenkirchhof genannt". Vielleicht ist der Friedhof auch infolge der zwischen 1540 und 1622 wiederholten markgräflichen Verordnungen auf „Abschaffung" der Juden aus den brandenburgischen Landen eingegangen. Sicherlich lag er auf kloftereigenem Grund und Boden. Ebenso besaß Würzburg wie Gerolzhofen und Allersheim seinen „Iudengarten zu P l e i ch a ch ," wo die unglücklichen Opfer der Judenverfolgungen des Jahres 1243, darunter auch die aus Kitzingen, ihre letzte Ruhestätte fanden. Ein Teil der Ursachen, die zu den Judenverfolgungen geführt hatten, bestimmte auch später Rat und Bürgerschaft der Städte das Anwachsen der Juden an den einzelnen Orten möglichst zu unterbinden. So oft aber auch die gnädigen Herrschaften ihren christlichen Untertanen die „Abschaffung" der Juden versprachen, so oft ließen sie sie wieder zu des lieben Geldes wegen, „da mancher Iud der Herrschaft das Jahr über mehr Schutzgeld gibt und Strafe zahlt, als viele christliche Untertanen zusammen einbringen." Zur beschichte der Vortrag, gehalten am 4. März 1926 von Eduard Sch Goethe läßt seine Iphigenie im ersten Austritt sagen: „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenket von ihren Taten, ihrer Größe den Hörer unterhält, und still sich freuend geschlossen an das Ende dieser Kette sieht!" Damit zeigt er, wie er die Geschichte der Ahnen schätzt und wenn ich in nachfolgendem kurz und gedrängt einiges zusammenstelle, was ich bei dem blättern in alten Akten, Urkunden usw. über die Juden in München gefunden, so geschieht es, um der Allgemeinheit vor Augen zu führen, was diese auszuhalten, wie sie in stetem Hangen und Langen, in Ungewißheit das Leben durchzukämpfen hatten; wie wechselvoll und auf welchen Grundlagen sie ihr Dasein sristeten. Die Bedingungen, unter welchen sie sich in einzelnen Gegenden überhaupt ansässig machen dursten, waren genau vorgeschrieben, und, um sich überhaupt an bestimmten Orten niederlassen und aushalten zu dürfen, mußten sie den Fürsten, Bischöfen, sonstigen Landesherrn oder freien Reichsstädten, zu deren Eigentum das betreffende Gebiet gehörte, einen Schutz- oder Leibzoll entrichten, sie waren trotzdem aus bestimmte kleine Teile des Ortes, die Judenviertel, Ghettos genannt, angewiesen. Aus diesen durften sie nur tagsüber und bis zur Schließung ihrer Quartiers- oder Straßentore zur Erledigung ihrer Geschäfte gehen. Später wurden die Tore abgebrochen, ihre Viertel durch Draht abgegrenzt. An hervorragenden christlichen Kirchen- Juden in München ö p f l i ch, Juwelier und Goldschmiedemeister, München. festen durften sich die Juden überhaupt nicht blicken lassen, mußten Türen und Fenster geschlossen halten, und innerhalb ihrer Häuser verborgen bleiben. Auch Auszeichnungen in der Kleidung mußten sie tragen, den sogenannten Judenhut, Judenmantel, Judenstreifen und später Juöensleck (ein viereckiger, meist in gelber Farbe vorgeschriebener Stofflappen der aus der Schulter, oder am Rücken aufgenäht sein mußte). In zeitlicher Reihenfolge will ich nun die Ereignisse, wie sie sich in München abgespielt haben, folgen lassen. Es darf wohl als erwiesen gelten, daß da, wo heute München steht, auf der linken Seite und in der Nähe der Isar, früher schon einzelne Ansiedelungen bestanden, es waren wohl meist Fischerhütten, deren Bewohner Fischfang und Floßfahrt betrieben. Die Anwohner vennehrten sich nur wenig, weil das Wichtigste, der Übergang über den Fluh fehlte. Die Römer hatten für ihre von Augsburg nach Salzburg führende Heeresstraße sich den Brückenübergang südlich von Grünwald geschaffen, während Bischof Otto von Freising 1140 hauptsächlich für den Transport von Salz bei Böhringen (dem heutigen Föhring), eine Brücke erbauen ließ. Der Bischof erhob für die Benützung, d. h. für jede Überschreitung, einen nicht unerheblichen Zoll. Dies war den Herzögen von Bayern natürlich nicht genehm, da sie die beträchtliche Einnahmequelle gerne für sich gehabt hätten. Als Herzog Heinrich der Löwe mit einem Transport italienischer Pferde über diese Brücke wollte, wurde auch von ihm die Zahlung des Zolles gefordert; er weigerte sich dessen, ließ die Brücke zerstören, zog mit seinem Gefolge weiter