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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-07-01 · 7 (1.7.1926) · p. Seite 195

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
7 (1.7.1926)
Article
Die Judenflurnamen in Unterfranken
Date
1926-07-01
Page
Seite 195 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 195 bloße Behauptung, daß an dem und dem Orte niemals Juden ansässig gewesen seien. Die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit solcher Deutung ist erst dann gegeben, wenn gründliche und gewissenhafteste Studien unter Verwertung des gesamten erreichbaren Materials den Nachweis erbringen, daß an einem Orte, wo einer der genannten Iuden-Flurnamen üblich ist, weder selbst je Juden ansässig waren, noch in der Umgebung. Denn wie leicht kann eine Quelle, ein Acker, ein Holz den Beinamen Juden durch irgend einen Zufall oder Frevel erhallen haben. Ein beachtenswertes Beispiel ist die Entstehung des Namens Iudenkirchhof in Mariaburghausen (Mitteilung des Forstwarts Zipperer): Im Jahre 1878 wurde durch einen jüdischen Viehhändler die Lungenseuche eingeschleppt, der alles Rindvieh zum Opfer fiel. Die Tiere wurden auf einem Acker verscharrt, der darnach Iudenkirchhof im Volksmunde heißt. Dagegen sollen im Iudenloch am selben Orte einige Juden nächtlicherweise vom Wege abgeirrt und umgekommen sein. Ganz abgesehen von diesen Erwägungen fordern auch gleichartig geprägte Flurnamen wie Diebspfad, Katzen - oder Pfaffenfte(i)g zum Vergleich heraus und mahnen zu vorsichtiger, zurückhaltender Deutung. Man weiß, daß die Pfarrer in früheren Jahrhunderten viele Filialen zu versehen hatten und daß sie sich zum Gottesdienst nach diesen oft entlegenen Ortschaften der kürzesten Wege zu bedienen pflegten. Auch in unruhigen Zeiten gingen sie meist zu ihrer Sicherheit Seitenwege, die nur den Einheimischen vertraut waren. So heißt, um nur ein Beispiel aus der allernächsten Umgebung anzuführen, der durch die Klinge an der Eheriedermühle vorbeiführende Fußpfad heute noch Pfaffenfteig, weil ihn der jeweilige Pfarrer von Sulzfeld zu benützen pflegte, um seine Filiale in Repperndorf zu pastorieren. Wie die zum Unterhalt des Gotteshauses und Friedhofs oder zur Besoldung des Pfarrers gehörigen Grundstücke, Äcker, Wiesen, Weinberge und Huben (vgl. Hilgartshub und -setz —. dem Gotteshaus (hl. Garten) gehörige Hufe oder Weingarten) heute noch Pfarräcker usw. heißen, so erhielten diese vom Pfarrer (lat. papa — Vater, eingedeutscht Pfaffe ohne den späteren unangenehmen und gehässigen Beigeschmack) begangenen Pfade nach ihm ihre Bezeichnung. Gerade dort, wo sich keinerlei mündliche Erinnerung an die frühere Anwesenheit von Juden erhalten hat, ist diese Untersuchung doppelt nötig, bevor man altgermanisch - heidnische Spuren wittert. Das menschliche Erinnerungsvermögen ist beschränkt und reicht meist kaum bis zum Großvater zurück. Es ist heutzutage geradezu eine Seltenheit, daß das Andenken an Ereignisse, die etwa 100 Jahre zurückliegen und tief in das Leben eines Ortes eingriffen, in einer Familie eines Dorfes lebendig geblieben ist. Nur dort, wo die alte, beschauliche und sinnierende Art sich erhalten hat, ist eine solche mündliche Überlieferung noch wahrnehmbar. So habe ich in meinem Geburtsorte noch in einem Falle mündliche Nachrichten über die Franzosen und Russen aus der Napoleonischen Zeit entdeckt, die hinterher durch schriftliche Berichte ergänzt und bestätigt wurden. Hingegen war jede Spur der Erinnerung an die frühere Anwesenheit von Juden erloschen. Und doch waren sie da, wie der Flurname Iudenpfad vermuten ließ und wie sich dann im Steuerprotokollbuch des Jahres 1742 fand, wo Jakob und Mofchel Iud mit je 18 Kreuzern Vermögenssteuer erschienen, natürlich neben dem alljährlich fälligen Schutzgeld von 3 fl. und 1 fl. Gewerbesteuer. Und im Zins- und Gültbuch des Jahres 1691 wird auch schon der Flurname Iudenpfad erwähnt, begreiflicherweise, denn in einer Urfehde etlicher Soldaten aus dem Jahre 1622 (Kitzinger Archiv Nr. 291 b) heißt es, daß sie außer einem räuberischen Überfall auch in der äußeren Eheriedermühle etliche den Juden zu Kalten sondheim gehörige Sachen gewalsam weggenommen halten. Ähnlich wie hier mag auch an anderen Orten, wo die Iudenflurnamen auftraten, die tatsächliche Anwesenheit den Anlaß zur Entstehung der betreffenden Bezeichnungen gegeben haben. Ich nenne aus der näheren und weiteren Umgebung von Kitzingen folgende Orte mit hierher gehörigen Flurnamen' Iudenhügel in Kleinbardorf, Sulzfeld i. Gr. Iudenkopf in NeustädleS. Iudenpfad in Bürgftadt, Gädheim. Hammelburg, Heimftadt, Kaltensondheim, Kleinrinderfeld, Seifriedsburg, Winterhausen, Würzburg, Rimpar, Oberdürrbach. Iudenweg in Dipbach, Ebenhausen, Frankenwinheim, Maidbronn, Willanzheim, Wittighausen, Steinbach, Rimpar. Iudengraben in Lindflur, Rimpar. Iudenloch in Mariaburghausen. Iudengarten in Gerolzhofen, Gützingen, Allersheim. Iudenäcker in Großhausen, Gützingen, Rödelsee. I u d e n w i e s e in Augsfeld. Iudenkirchhof (Begräbnis) in Kitzingen, Ettingshausen, HundSfeld, Mariaburghausen, Miltenberg, Thulba, Heidingsfeld, Heufurt, Roth, Stockheim, Würzburg. I u d e n b ü h l in Würzburg um 1620 nach dem Standbuch' 91 qq im Staatsarchiv Würzburg. Am Juden in Repperndorf (schon im Urbar des Jahres 1535). Iudenhand in NeuwirtShauS. Iudenbrunnen (weg) in Bürgftadt. Judenteich in Thulba. Ebenso natürlich erklären sich die Pflanzennamen mit dem Bestimmungsort Juden. Ich erwähne Sarifraga( Iudenbart, Zizyphus (Iudendorn) und besonders Physalis (Jude n k i r s ch e). In Schwaben heißt z. B. die weiße Clematis Juden ft rik, während man dort unter der Bezeichnung Judenkirsche auch Lonicera Hylofteum versteht. Sehr kennzeichnend und treffend heißt die bei uns hier in den Weinbergen als Unkraut vorkommende Pflanze mit ihrer mennigroten Frucht Iudendocke. Um das zu verstehen, braucht man sich nur an die im Mittelalter behördlicherseits den Israeliten vorgeschriebene spitze Kopfbedeckung, den Iudenhut von orangegelber oder weißer Farbe mit weißer bzw. gelber Krämpe, zu erinnern. Diese Bezeichnung erscheint hier sogar als Familienname. So heißt in dem Steuerbuch des Jahres 1651 ein in der Fischergasse wohnhafter Weißbüttner Sigmund Iudenhut. Schließlich mag hier auch eine volkskundlich sehr interessante Benennung Platz finden: in Aubstadt (B.-A. Königshofen im Grabfeld) heißen die Hummeln und Hornissen,;. T. sogar die Wespen gelbe Juden, eine Bezeichnung, die nur von der gelben Farbe der Kleidung hergenommen sein kann. An den sogenannten I u d e n e i d , den die Israeliten in eigener Form vor den mittelalterlichen Zentgerichten zu leisten hatten, sei auch hier erinnert. Er lautete an der Kitzinger Zent nach der Fassung des Gerichtsbuches vom Jahre 1510/11 Fol. 2 folgendermaßen: „Wann ein Iud schwören soll, so muß man dazu haben ein Buch, das heißt . ... die fünf Bücher Moses oder ein eines

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