Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (8.6.1926)
- Article
- Fortsetzung und Schluss des Verhandlungsberichtes über die Tagung vom 22. Februar 1926
- Date
- 1926-06-08
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
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176 Bayerische Israelitische Gemeirrdezeitung Nr. 6 Die Wahlen zur Berliner Repräsentanten-Versammlung. Die Wahlen zur Berliner Repräsentantenversammlung, die Mitte Mai stattfanden, hatten folgendes Ergebnis: Liberale IO Mandate, Volkspartei- 8 Mandate, Mittelpartei 2 Mandate, Konservative l Mandat. Es wurden gewählt: Liberale: I.-R. Sonnenfeld, R.-A. Stern, Frau B. Falkenberg, Prof. Türk, M. Rosenthal, W. Markus, R.-A. Dr. Seligsohn, E. Pinkus, Studiendirektor Dr. Guttmann, Dr. med. S. London. Volkspartei: R.-A. Dr. Klee, Prof. Dr. Löwe, Ob.- Reg. Goslar, M. Hornstein, Dr. Rau, G. Lösser, Frau L. Wagner-Tauber, Dr. A. Löb. Mittelpartei: Rabb. Dr. Weiße, Geh. Sanit.-Rat Dr. Stern. Konservative: M. A. Loeb. 25 Iahre Hilfsverein deutscher Juden. Das 25jährige Bestehen des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der am 28. Mai 1901 gegründet worden ist, wurde am 16. Mai durch eine Feierstunde begangen, zu der sich die Mitglieder des Präsidiums und des Vorstandes des Hilfsvereins sowie Vertreter der großen jüdischen Organisationen eingefunden hatten. Der Präsident des Hilfsvereins, Herr Dr. James Simon, begrüßte die Erschienenen und sagte, der heutige Tag bilde einen Markstein in der Geschichte der großen Arbeit des Hilfsvereins. Man wirft den Juden vor, sie betätigen sich international; wir akzeptieren diesen Vorwurf als Lob. Die aus engen Fesseln befreiten deutschen Juden konnten ihren Glaubensgenossen in anderen Ländern, genau wie es Katholiken und Protestanten auf humanitärem Gebiet tun, beistehen. Das war ihre Kulturmission. Dieses unzerreißbare Band der Wohlfahrtspflege ist unsere Jnternationalitüt, ist unser Stolz. Der Generaldirektor der Jewish Colonisation Association (JCA), Herr Louis O u n g r e, begrüßte die Versammelten im Namen der JCA. Als Vertreter des Auswärtigen Amtes sagte Herr Legationsrat Prof. Dr. Sobernheim herzliche Worte der Begrüßung und verlas ein Schreiben des Staatssekretärs Dr. Köpke. Herr Justizrat M a k o w e r sprach eine Begrüßung im Namen der Jüdischen Gemeinde Berlin und des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, wobei er die Verdienste des Hilfsoereins bei der Regelung der Durchwanderung, die von so großer Wichtigkeit für die jüdische Gemeinschaft war, heroorhob. Für die Großloge Bne Brith waren Ehren-Großpräsident Geheimrat Timendorser und Justizrat Goldschmidt erschienen. Geheimrat Timendorser, der selbst dem Vorstand des Hilfsvereins angehörte, sprach über die Zusammenarbeit zwischen Hilfsverein und Großloge und dankte in bewegten Worten dem Vorstand des Hilfsoereins. Im Namen des Jüdischen Frauenbundes sprach Frau Henriette May, die zugleich dem Vorstand des Hilfsvereins angehört. Eine Abordnung des Verbandes Russischer Juden in Deutschland überreichte eine vornehm ausgestattete Adresse. Der Präsident des Verbandes, Herr Staatsrat T e i t e l, begleitete die Adressenüberreichung mit einer Ansprache, in der er dem Hilfsverein und seinen Führern im Namen von großen Massen russisch-jüdischer Jugend dafür dankte, daß er ihnen ermöglichte, eine Ausbildung zu erhalten und sich zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft zu entwickeln. Im Namen des Central-Verbandes deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens begrüßte Herr Direktor Dr. Holländer den Hilfsverein, der in einer Weise, wie sie in der Weltgeschichte einzig dasteht, ein Hilsswerk vollbracht hat. Für den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund hob Herr Dr. Solo m o n s k i die innere Gemeinschaft und die Verwandtschaft der Ziele, die sich zwischen Hilfsverein und Gemeindebund herausgebildet haben, hervor und sagte, die deutsche Judenheit, klein an Zahl, war stets stark an Einfluß und Bedeutung innerhalb der Judenheit der Welt. Ihre Devise ist: alles für andere, nichts für sich selbst. Für das Arbeiterfürsorgeamt sprach Herr Dr. H a a s e, der die enge Verbundenheit zwischen der Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes und der des Hilfsvereins kennzeichnete. Unschätzbar ist die Hilfe, die der Hilfsverein, insbesondere Dr. Paul Nathan und Dr. Bernhard Kahn, dem Arbeiterfürsorgeamt leisteten. Prof. M a r k o n aus Leningrad stattete den Dank der jüdischen Gelehrten in Rußland für die ihnen vom Hilfsverein zuteil gewordene Unterstützung ab. — Kandidat R a b i n o w i t s ch dankte im Namen des Verbandes der ostjüdischen Studentenvereine in Deutschland, daß der Hilfsverein Hunderten von Kollegen ermöglicht hat, die Studien zu beenden. Der Vizepräsident des Hilfsvereins, Herr Dr. Paul Nathan, erstattete den Bericht über die Arbeit des Hilssvereins in den 25 Jahren seines Bestehens. Er sprach zunächst den Dank allen jenen Organisationen, insbesondere der JCA aus, die dem Hilfsverein auf seinem Wege Gefolgschaft leisteten. Die Zukunft liegt im Dunkel. Man muß sich für weitere Schwierigkeiten bereit halten. Darum spreche er die Bitte aus, diese wertvolle Mitarbeit auch in Zukunft dem Hilfsverein nicht zu versagen. Der Redner zeichnete in markanten Strichen die 25jährige Tätigkeit des Hilfsvereins im Occident und im Orient. In den drei großen Pogromperioden in Rußland trat der Hilfsverein helfend auf den Plan. Er entsandte eine Abordnung, die inmitten der Straßenkämpfe und Schießereien die Hilfe organisierte. Für Pogromverletzte in Rußland und Rumänien wurden 40 381000 Mark ausgegeben, eine Summe, die nur von den Jointsammlungen in Amerika übertrosfen wurde, wobei zu bemerken ist, daß Amerika ein Weltteil gegenüber Teilen des kleinen Europas ist. Herr Dr. Nathan schilderte seine Erlebnisse auf den Rußlandfahrten und seine Besprechungen mit russischen Staatsmännern, insbesondere mit Witt. Zu den Hilssgeldern steuerten in hohem Maße die JCA, die englischen, die amerikanischen und die Juden in anderen Ländern bei. Das Bild wäre nicht richtig, wenn man sagen würde, daß grundsätzlich nur Juden geholfen wurde. Humanität und Klugheit geboten es, daß auch in Not geratenen würdigen Nichtjuden Hilfe geleistet wurde. Der Hilfsverein sorgte nicht nur für die Gegenwart, sondern arbeitete auch für die Zukunft der Juden im europäischen Osten und im Orient durch Schaffung eines Netzes von Schulen, in denen die Jugend für den Lebenskampf gut ausgestattet wurde. Im Orient, insbesondere in Palästina, begründete der Hilfsverein 50 Schulen und Bildungsinstitute, in die alljährlich 7000 Schüler neu eintraten. Bei der rund 10jährigen Schularbeit des Hilfsvereins wurden demnach 70 000 junge Leute ausgebildet. Eine große Reihe Männer hat im Schulwerk des Hilfsvereins Vorbildliches geleistet. Dieses Schulwerk hatte eine vorbildliche Bedeutung für den ganzen Orient. Herr Dr. Nathan ging auf den seinerzeit viel vermerkten Sprachenkampf zwischen den Zionisten und dem, Hilfsverein betr. der Unterrichtssprache in den Hilfsoereinsschulen ein. Der Hilfsverein setzte sich für die deutsche Sprache, einer Weltsprache, ein, während die Zionisten Hebräisch als Unterrichtssprache forderten. Dieser schmerzliche Zusammenstoß ist überwunden. Das Schulwerk des Hilfsvereins ist intakt geblieben, allein die Ereignisse des Krieges und seine Folgen —der unglückliche Ausgang für Deutschland — stellten den Hilfsverein vor die Frage, ob es noch möglich ist, im Orient deutsche Schulen zu erhalten,' wo das Deutsche Reich im Augenblick nicht in der Lage ist, diese Schulen zu schützen. Die nüchterne Erwägung gebot es, das Schulwerk in Palästina samt dem Technikum in Haifa den Zionisten zu übergeben. Wir wünschen ihnen, daß sie ihr Schulwerk entwickeln und es den Erfordernissen des Orients anpassen. Mit schwerem Herzen hat der Hilfsverein von seinen Schulen, von dem Haifaer Technikum, für das er ein im Orient einzigartiges Gebäude aufführen ließ, Abschied genommen, aber mit dem Wunsche, daß auch unter dem neuen Regime diese Institute zum Segen der Juden und der Kultur des Orients blühen mögen. Der Redner wandte sich der Hilfstätigkeit auf dem Gebiet der jüdischen Wanderungen zu. Neue jüdische Retter waren in den Vereinigten Staaten entstanden, die den Ruhm für sich in Anspruch nehmen können, auch auf dem Gebiete der Wohlfahrt vorbildlich zu wirken. Ein ungeheures Verdienst um die Ermöglichung der Auswanderung von.Juden aus Osteuropa und ihrer Ansiedlung in neuen Ländern hat sich ferner die JCA erworben. Die Auswanderung aus dem Osten ist nicht ein Bedürfnis, sondern eine Not. Das zaristische Regime hat damals die Juden in wenige Bezirke