Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (8.6.1926)
- Article
- Rückblick und Ausblick über Synagogengesang
- Date
- 1926-06-08
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
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166 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 noch immer Verwendung in unserem Synagogen-GesangSprogramm. Gleichwohl kann und darf nicht verkannt werden, wie diese Gesänge eine jüdische Eigenart vollkommen vermissen lassen. Sie sind geradezu typische Beispiele einer jahrzehntelang und zu überwiegendem Teile heute noch herrschenden Richtung, die im Aufbau des Kunstgesanges für die Synagoge ein überaus wichtiges, ja das entscheidende Stilprinzip nur zu oft übersieht. Der Kunstgesang in der Synagoge wird nur dann eine jüdische Physiognomie bekommen, wenn die künstlerisch zu verarbeitenden Motive entnommen sind dem alten, jüdischen Traditionsgesange, hem ehrwürdigen Chasonus. Bei dem Festpräludium von Lewandowski, bei den Nummern von Eduard Birnbaum im heutigen Programm, bei manchen Neuerscheinungen auf synagogalgesanglichem Gebiete mehren sich erfreulicherweise die Anzeichen, die darauf schließen lassen, daß diese nicht nur berechtigte, sondern eigentlich selbstverständliche Forderung auf dem Wege zu allgemeiner Anerkennung sich befindet. Leider aber waren die früheren Chasanim nicht immer treue, gewissenhafte Hüter und Wahrer des überlieferten heiligen Schatzes. Gar oft hatte ein verhängnisvolles Virtuosentum die Keuschheit, die Innigkeit dieser Weisen verzerrt und verunstaltet. Da sei es denn in diesem Augenblicke und an dieser Stelle mit Nachdruck verkündet, daß es Münchener Chasanim waren, die mit an erster Stelle erfolgreich das süddeutsche ChasonuS von den ihm anhaftenden Schlacken zu befreien sich bemühten. Ich nenne den in der neuerbauten Synagoge wirkenden Kantor Lob Sänger, dessen Vortragsweisen Samuel Naumburg, weiland Pariser Oberkantor, in seinem Werke Semiroß-Iisroel verwertete; ich nenne Maier Cohn, der durch die Herausgabe der Münchener Synagogengesänge dem Wunsche vieler Gemeinden entgegenkam, die bei ihren eigenen gottesdienstlichen Veranstaltungen den Münchener zeitgemäß ausgestalieten Gottesdienst zum Muster und Vorbild nehmen wollten; ich nenne schließlich Max G. Löwenftamm, dessen Synagogengesangswerk Semiroß leel chaj reiche Anerkennung, weite Verbreitung gefunden hat und der in in unserem heutigen Programm mit zwei dramatischen, sehr beachtenswerten Nummern vertreten ist. Die Verdienste dieser Männer würden sich noch segensreicher auswirken bei intensiverer Verwendung ihrer Sammlungen und Aufzeichnungen des alt-überlieferten Chasonus. Wer aber die Möglichkeit bezweifeln wollte, aus so uralten musikalischen Elementen einen Kunftgesang mit modernen Kunftmitteln schaffen zu können, der sei hingewiesen auf den katholischen und protestantischen Kirchengesang. Aus den einfachen motivischen Elementen des gregorianischen Gesanges, der, wie wissenschaftlich nachgewiesen, mit dem ältesten Synagogengesange verwurzelt ist, schufen große und kleine Meister Wunderwerke strengen kirchlichen Stiles. Johann Sebastian Bach, der unerreichte Meister des protestantischen Kirchengesangcs, baute seine musikalischen Riesendome zumeist mit Motiven aus dem protestantischen Choral. Sowie nun die Komponisten der Kirchenmusik bei ihren Arbeiten von jeher sich stützten auf ihren traditionellen Gesang, so müssen auch wir mehr und allgemeiner als bisher unseres vorhandenen musikalischen Erbgutes uns bewußt bleiben bei der Schaffung synagogalen Kunftgesanges. Der traditionelle Synagogengesang, er muß der Stamm bleiben, um den sich neue Weisen, moderne Chöre, wie farbenreiche Blüten ranken, wie Blüten, die durch künstlerische Verarbeitung synagogaler Motive organisch aus dem Stamm hervorwachsen. So aufgefaßt, bliebe der jüdische Traditionsgesang in seiner Altertümlichkeit sowohl, wie in moderner künstlerischer Gewandung gleichsam ein Jungbrunnen, unerschöpflich für die drei musikalischen Hauptfaktoren eines zeitgemäßen jüdischen Gottesdienstes: für den Vorbeter, für den Gemeindegesang und für den Chor. Aber nur dann wird diese Entwicklung für die musikalische Liturgie in der Synagoge ein Segen sein und bleiben, wenn die berufenen und verantwortlichen Vertreter, erfüllt von glühender Begeisterung, ausgerüstet und urteilsfähig gemacht durch umfassendes musikalisches Wissen und Können, wenn diese Vertreter, trotz modernen Fortschreitens, als vornehmstes Ziel unentwegt im Auge behalten: die Pflege des jüdischen Geistes und Empfindens, die Erhaltung der jüdischen Eigenart in unseren gottesdienstlichen Veranstaltungen. Haben sich auch in dem abgelaufenen Jahrhundert die Anschauungen über Wesen und Werden des Kunftgesanges in der Synagoge von Grund aus gewandelt, vermögen wir Ietztlebenden seine charakteristisch jüdische Eigenart sehr wohl in Einklang zu bringen mit moderner Aufklärung, so schulden wir dennoch Dank den ersten Reformern des jüdischen Gottesdienstes, auch wenn die Radikalen unter ihnen den Kardinalfehler begingen, bei ihren Bestrebungen nicht an das historisch Gewordene anzuknüpfen. Dank gebührt aber auch unserer gegenwärtigen Gemeindeverwaltung und unserem Jüdischen Gesangverein, dessen Offiziere und Mannschaften unter bewährter Leitung auch heute wieder bezeugten, mit welchem Ernst in unserem Kreise d.er synagogale Gesang gepflegt wird. Ihnen allen gebührt herzlicher Dank für die Veranstaltung dieser Feier zur Erinnerung an die Einweihung jener Synagoge an der Weftenriederstraße, in der <5 Jahre hindurch als erster Kantor zu wirken auch mir noch vergönnt gewesen ist. 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