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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-06-08 · 6 (8.6.1926) · p. Seite 165

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
6 (8.6.1926)
Article
Rückblick und Ausblick über Synagogengesang
Date
1926-06-08
Page
Seite 165 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Eemeindezeitung 6^ Rückblick und Ausblick über Synagogengesang Ansprache, gehalten beim Synagogenkonzert in München am 2. Mai 1926, anläßlich der hundertsten Wiederkehr des Einweihungstages der Synagoge an der Weftenriederstraße,. von Emanuel Kirschner. „Einst Haft du uns verstoßen und zerstreut. Auf uns lag schwer des Zorngerichtes Hand; wie sehr wir auch gebüßet und bereut, wir blieben fremd und ohne Vaterland. Beschlossen schien ein gänzliches Verderben, der Stamm von Israel versank in Nacht. Der göttlichen Verheißung alte Erben beschirmte nirgends des Gesetzes Macht. Da schenktest du Erbarmen deinen Kindern, und für die Leiden der Vergangenheit, um ihres Lebens lange Qual zu lindern, schenktest du die Morgenröte einer bessern Zeit." Diese Worte, meine sehr verehrten Zuhörer, sie sind entnommen der von Friedrich Wilhelm Bruckbräu gedichteten und vom Hofmusikintendanten Freiherrn von Poißl vertonten Hymne, die den musikalischen Glanz- und Höhepunkt bildete bei der Einweihung der von Baurat Motivier erbauten Synagoge an der Weftenriederstraße vor nunmehr 100 Jahren am Rüfttage des Peffachfeftes, am 21. April 1826. Mit nahezu greifbarer Plastik schildert der Dichter in den soeben zitierten Worten das fast übermenschliche Leid, unter dem Jahrhunderte hindurch unsere Ahnen leben, nein, schmachten mußten. Durch Ghettomauern gewaltsam abgesondert von allgemeiner Kultur und Sitte, durch Abzeichen für minderwertig erklärt, darf es uns nicht wunder nehmen, wenn kulturelle Rückständigkeit eine ganz naturgemäße Folge war, wenn auch die gottesdienstlichen Veranstaltungen einer ästhetischen Verwilderung anheimfallen mußten. Betrat doch der Ghettojude kummergebeugten Hauptes, zitternd und bebend, sein meist kellerartiges, von mattem Kerzenschimmer kümmerlich erhelltes Gotteshaus, trat er hin vor seinen Ständer und seinem lew nischbor wenidke, seinem gepreßten, gebrochenen Herzen entragen sich Laute und Worte, die mehr einem unaufhaltsamen Schluchzen, mehr dem Aufschrei einer todeswunden Seele glichen. Der ganze Körper geriet in ekstatische Erregung und Bewegung, Bewegungen, die wohl den Gesetzen und Regeln der Ästhetik nicht entsprechen mochten, ja ihrer spotteten, ebenso wie die auf- und niederwogenden Wellen eines fturmgepeitschten Meeres, die aber trotzdem auf den Wissenden, auf den Verstehenden mit elementarer Gewalt erschütternd und zugleich erhebend, atembeklemmend und zugleich befreiend wirkten. Denn die damaligen Beter waren erfüllt, durchdrungen von aufrichtiger Kawonoh, von jener Wahrheit und Echtheit der frommen Gefühle, unter deren Macht und Einwirkung die Leidenden, Schmerzgebeugten Trost, die Verzagenden und Verzweifelnden unerhörte Widerstandskraft und todesverachtenden Mut fanden. — Ein so gearteter Gottesdienst jedoch mußte seine Anziehungskraft verlieren gegenüber einer Generation, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Morgenröte einer besseren Zeit anbrechen sah, einer Zeit, in der die trennenden Ghettomauern niedergelegt wurden, Lust und Licht auch in die engen, finsteren Iudengassen drang, gegenüber einer Generation, 'die im Begriffe stand, deutsche Bildung, moderne Kultur in sich aufzunehmen, die bemüht war, auffallende Eigentümlichkeiten abzulegen und sich den Landessitten anzupassen. Das Bedürfnis nach einem zeitgemäßen Gottesdienst macht sich immer fühlbarer geltend. Erft das Edikt von 1813 erlaubt unseren Glaubensgenossen die Bildung einer rein kirchlichen Gemeinde und einer eigenen Synagoge. Aber trotzdem mußten noch 13 Jahre verstreichen, bis an die Stelle der armseligen, die finstere mittelalterliche Zeit versinnbildlichenden letzten Betstube im Tal Nr. 13, das Symbol des anbrechenden Freiheitsmorgens, die prächtige Synagoge an der Weftenriederstraße, treten durfte. Israel Hirsch Pappenheimer und Eduard Marx, die damaligen Führer der Kultusadminiftration, verfolgten, wenn auch religiös verschieden denkend und fühlend, das gemeinsame Ziel, die Schaffung eines zeitgemäßen Gottesdienstes, in dem Würde und Anstand zu herrschen habe. Da lifne mi attoh omed. Wisse, halte dir stets gegenwärtig, vor wem du stehst. Diese Mahnung, die in goldenen Lettern vom Oron hakodesch der Gemeinde entgegenstrahlte, sollte nicht nur Geltung haben für den Vorbeter am Schulchau, Anstand und Würde, sie sollten, sagen wir's nur unumwunden, sie sollen und müssen auch heute noch Geltung haben für alle Männer, für alle Frauen, die sich im Gotteshause zum gemeinsamen Gebete vereinigen. Dieses Ziel wird nach vorhandenen Berichten in bemerkenswerter Weise erreicht bei der denkwürdigen, überaus eindrucksvollen Einweihungsfeier. Ihre musikalische Ausgestaltung, soweit sie die Kunftmusik betraf, erhielt sie durch Künstler eines anderen Bekenntnisses, wie durch den bereits genannten Freiherrn von Poißl, dessen groß angelegte Hymne für Chor, Soli und Orchester bisher leider unauffindbar geblieben ist, und durch den Theaterkapellmeifter Stuntz. Diese Tatsache steht weder vereinzelt da, noch ist sie eine zufällige; vielmehr ist sie begründet in der gewaltsamen Absonderung der Juden auch vom Studium der musikalischen Theorie, wie überhaupt von der Teilnahme an der Entwicklung des allgemeinen Musiklebens. Ich darf nur auf die Einweihung des Tempels in Wien, wenige Tage vor der Münchener Synagogeneinweihung, Hinweisen, wo ebenfalls die Einweihungsgesänge aus christlicher Feder geflossen sind, weil der aus Hohenems geholte junge Kantor Salomon Sulzer, der spätere große Reformator des Synagogengesanges, seine Schwingen in größeren musikalischen Formen damals noch nicht regen konnte. Da lagen die diesbezüglichen Verhältnisse in Italien, und zwar schon Jahrhunderte früher, unvergleichlich besser. Durch die gesanglichen Darbietungen des jüdischen Gesangvereins konnten Sie heute auch eine vom Paläftrinaftil beeinflußte, kunstvoll erhabene Schöpfung fynagogaler Musik des jüdischen Komponisten Salomon Rossi aus dem 16. Jahrhundert auf sich wirken lassen. Keineswegs aber fehlte es in Deutschland an dilettantischen Begabungen, die befähigt waren, Melodien zu erfinden, Melodien, die in gar viele Synagogen Eingang fanden. Ein solches Naturtalent war David Hessel, der Sohn des ersten Münchener Rabbiners Hesekiel Hessel. Er lieferte die Melodien zu dem überwiegenden Teile der Einweihungsgesänge, die Stuntz dann mehrstimmig bearbeitete, mit Instrumentalbegleitung versah und im Druck erscheinen ließ. Noch bis zum heutigen Tage haben sich diese Gesänge ihre Frische bewahrt und ein Teil von ihnen findet

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