Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Das Ehebuch von Graf Keyserling [Rezension]
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 148 (sequence 3)
- Language
- German
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148 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 sie stimmt der Ansicht Thomas Mann zu, daß die neue Ehe Verständnis, Güte und Nachsicht verlange. Jacob Wassermann, der Gatte der Frau Karlweis, schreibt über die bürgerliche Ehe: Wir haben eine geistige Umwälzung durchgemacht, wir müßten zu neuen Gestaltungen kommen. Um zu ermöglichen, daß möglichst viele Paare Zusammenkommen, die restlos zueinander paßen, will er die Möglichkeit der Wahl völlig frei geben. Es soll die Möglichkeit gegeben werden, alle Formen der Liebe durchzuleben, um zur richtigen Form zu kommen. Aus Wassermanns Worten spricht ein hoher Glaube an das Gute im Menschen, besonders im Schlußwort, wo er sagt: „Es ist etwas im Menschen, etwas Wundersames; eine unauslöschliche Sehnsucht, daß dem Guten in chm Vertrauen geschenkt werde, auch wenn von dem Guten nur ein winziges Korn da ist." Wir kommen zum zweiten Teil des Buches. Die Ehe als zeitloses Problem. Nach der Che als zeitloses Problem fragen, heißt die Frage nach dem Sinne der Ehe stellen. Keyserling nennt die Ehe, wie wir schon hörten, einen bipolaren Spannungszustand, dessen tragische Unaufhebbarkeit akzeptiert werden müsse: Es sind in der Ehe zwei Einheiten vorhanden, die nicht restlos ineinander aufgehen können. Der Sinn der Ehe ist nicht in Liebe und Fortpflanzung restlos erschöpft, sondern jenseits-natürliche Aufgaben bestehen weiter, wie sie Religion und Ethik von jeher verkündet haben. Alfred Adler sieht den Sinn der Ehe in der Gemeinschaftsaufgabe. Der Wert der Ehe liege in der Eignung für die Gemeinschaft, dies gebe den Maßstab für die Beurteilung. Der Wert, den wir der Schönheit bei der Wahl beimessen, gelte für die Zukunft der Gesundheit und der vermehrten Anpassung. Das Verlangen nach Treue und Aufrichtigkeit entstammt der Sehnsucht nach stärkerem Gemeinschaftsgefühl. Der Inzest wird verworfen, well er die gemeinschaftsfördernde Vlutvermischung verhindere. Adler bezeichnet die Ehe als eine Schöpfung des Gemeinschaftsgeistes, als die gesellschaftliche Form des Liebeslebens, als Hort und Vorschule für die Kinder in ihrer Entwicklung zu Mitmenschen. Die Lösung der Ehefrage habe aus Stärke, nicht aus Schwäche zu geschehen. In der Bemühung, eine kurze Formel für die Ausgaben der Ehe zu finden, sagt Adler zum Schluß; die Aufgabe der Ehe bestehe darin, ein rechter Mitmensch zu sein. Während die Ausführungen Adlers mehr die überpersönliche Bedeutung der Ehe beleuchten, geschieht dies in den Ausführungen von M. von Kemnitz und M ä d e r (Zürich) hinsichtlich der persönlichen Entwicklung beider Ehegatten. Die Gemeinschaft der Geschlechter beruht nach Mathilde von Chemnitz nicht so sehr im Gefühl, als in dem Willen zur Wahlverschmelzung. Die erottschen Beziehungen haben große Macht auf die Gestaltung der Seele. Die Ehe bringt über die engen Grenzen der Individualität dem Kosmos näher, sie bringt die Plastizität der Kindheit wieder, eine erhöhte Gefühlsintensität, die die Seele zur vollen Entfaltung bringt. Die vollkommene Seele sei fähig, Leid und Lust im vollen Umfange zu erfahren, es sei ein Fehler und der menschlichen Vervollkommnung schädlich, wenn man die Unabhängigkeit von Leid und Lust als das erstrebenswerte Ziel betrachte. Der Wille zur Wahlverschmelzung werde abgelöst durch den Willen zur Einsamkeit. Es bestehe ein ständiger Wechsel zwischen der Wahlverschmelzung und der Einsamkeit für die schöpferische Tätigkeit des Mannes, in seinem Berufe, in seinen Werken. Man müsse immer wieder Gelegenheit haben, aus der Zweisamkeit der Che in die Einsamkeit zurückzukommen, um seinem Berufe und seiner Arbeit leben zu können. Aber auch die Frau hat die Berechtigung zur Einsamkeit; wenn dieses Bedüfnis auch in dem ersten Jahr der Ehe zugunsten der Mutterschaft zurücktreten müsse, so bestehe das Recht der Frau auf Einsamkeit und Selbständigkeit durchaus, es müsse aufrechterhalten werden. Die Frau müsse auch die Selbständigkeit in der Ehe wahren, sie dürfe nicht auf die Ausbildung ihrer persönlichen Fähigkeiten verzichten. Die Frau, die sich ganz unterordne, werde auch nicht die richtige Gefährttn des Mannes, es fehlt hier an der völlig harmonischen Ausbildung der Charaktere. Die Frau, die in allem dem Manne sich füge, fördere im Manne eine egoistische, rein auf seine Person gerichtete Einstellung. Nur durch Wahrung ihrer Selbständigkeit in der Entfaltung ihrer Entwicklung könne ein völlig harmonisches Verhältnis entstehen. In gleicher Richtung bewegen sich die Ausführungen von Müder (Zürich), der besonders die Tatsache des Aufeinanderangewiesenseins von Mann und Frau betont. Hieraus geht mit Notwendigkeit hervor das Bestreben, möglichst viel füreinander zu tun und zu sein, um nicht Strindbergsche Situationen hervorzurusen. Dadurch werde dem Kampfe der Geschlechter ein Ende bereitet, die Zusammengehörigkeit im Körperlichen ulld Seelischen sei Erlebnis geworden, Die Annäherung und Anpassung der Geschlechter aneinander wird auch. von Müder bestätigt. Nicht Vermännlichung der Frau oder Verweiblichung des Mannes ist das Ziel, sondern Vermenschlichung von Mann und Frau. Auch er tritt für die Selbständigkeit jedes Teiles in der Ehe ein und ist dafür, daß jeder Teil sein eigenes selbständiges Gebiet seiner Sonderinteressen hat, weil nur in dieser Weise die Spannung zwischen den beiden Polen als die beste Gewähr für die Kontinuität des schöpferischen Prozesses aufrechterhalten werden könne, Die ganze Fülle des Materials, die in dem Ehebuch enthalten ist, zu bringen, ist unmöglich. An dieser Stelle wird besonders interessieren, die Stellung, die Leo Baeck in seinem Beitrage „Die Ehe als Geheimnis und Gebot" zum Problem der Ehe einnimmt. Von zwei entscheidenden Grundtatsachen des Lebens, der Geburt und der Ehe, ist jene ohne den Menschen gemacht, diese aber gehört seinem Wollen und Tun zu. Es kommt darauf an, ob die Grundtatsachen des Lebens nur da sind oder ob sie vom Empfinden und Denken erfaßt werden. Indem eine Tatsache im Empfinden und Denken ergriffen wird, wird sie zum Ausdruck und aller Ausdruck im Menschlichen ist Ausdruck des Geheimnisses. Die Ehe wurzelt in dem Gottesgeheimnis, das zwei Menschen ineinander erleben. — Die Treue in der Ehe ist wie alle Treue überhaupt, Treue gegen das Geheimnis. Der Untreue ist der Geheimnislose. Darin, daß es zum Gebote wird und nie ohne das Gebot ist, erweist sich das Geheimnis. Für ihr ganzes Leben verbunden zu sein, ist den Ehegatten zum Gottesgebot geworden; das ganze Leben sollen sie durcheinander verwirklichen und gestalten. Es ist die graue Gefahr der Ehe, daß sie am Alltag stirbt. Es ist dies das große Wagnis der Religion, daß sie auch den Alltag ergreift, auch den Alltag der Ehe: „Wenn Du sitzest in Deinem Hause und wenn Du gehest auf dem Wege, wenn Du Dich niederlegst und wenn Du aufstehst." Nicht vergessen sei endlich eine Stelle des Buches, die wichtig ist, weil einer der führenden Köpfe Deutschlands, Thomas Mann, ein Urteil über das Judentum ausspricht, das, für unsere Stellung zum Judentum unerheblich für die Möglichkeit eines gegenseittgen Verständnisses von größter Bedeutung ist. Er bezieht sich auf den jüdischen Denker Herrmann Cohen, den er wie folgt zitiert: „Ein zeitgenössischer Philosoph dieser sittlichen Rasse, Herrmann Cohen, findet die Synthese von Eros und Ethos, von Geschlechtstrieb und Sittlichkeit in der Treue." S. Der Morgen. Das 1. Heft des zweiten Jahrgangs zeichnet sich wieder durch eine Reihe trefflicher Aufsätze aus. Der beste Kenner chinesischer Kultur und Philosophie, Richard Wilhelm, bringt einen Aufsatz über „Die Juden in China". Hans Driesch bringt in einer Abhandlung über die „Gottesbeweise" diese wieder zu teilweiser Anerkennung. Julius B a b spricht in fesselnder Weise, ohne den Versuch einer Schönfärbung, und trotzdem mit erfreulichem Ergebnis über „Goethe und die Juden". Eine interessante Polemik führt Dr. Dienemann unter dem Titel „Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken" mit dem Münchner Pater Przywara, der in der katholischen Zeitschrift „Stimmen der Zeit", ausgeführt hot, „die jüdische Religionsphilisophie habe den persönlichen Gott verloren, Gott werde nur der Name für Menschenideal, Gott werde ins Innere des Menschen gesperrt und der Mensch zum Herrn auch Gottes gemacht." Nicht unerwähnt kann auch der feine Aussatz von SelmaStern über „Die Jüdin der Gegenwart" bleiben. — Ein ausgezeichnetes Heft! S. Der neue Kirfchnerband. „Ein neuer Kirfchnerband ist erschienen!" Das klingt für die jüdischen Kantoren Deutschlands und darüber hinaus wie eine Fanfare, denn Kirschner bedeutet für uns eine neue Synagogengesangs-Epoche. Wenn man von Sulzer sagte, „er sei der unvergleichliche, gottbegnadete Sänger und Wegweiser auf dem Gebiete der hebräischen Tonkunst gewesen," wenn man Lewandowski als „den Heros unter den Synagogengesangs-Komponisten" bezeich-