Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Das Ehebuch von Graf Keyserling [Rezension]
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 147 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 147 und der unendlichen Möglichkeit, die Dinge zu betrachten. Man erlebt eine gewisse Befreiung von der Manier, irgendeine Sache nur einseitig und von einem ganz bestimmten Standpunkte her zu betrachten. Das Ehebuch ist in drei Teile eingeteilt. Im ersten Teil gibt . Keyserling eine allgemeine Übersicht unter der Überschrift: „das richtig gestellte Eheproblem". Dann folgen zwei Hauptteile. Der erste Hauptteil ist überschrieschrieben: „Die Ehe in Raum und Zeit", der zweite Hauptteil: „Die Ehe als zeitloses Problem". Im ersten Teil über die Ehe in Raum und Zeit sind zunächst einige geschichtliche Forschungen über die Entstehung der Ehe vorgetragen; als Resümee dieser Abhandlung wird festgestellt, daß die Zustände in den früheren Zeiten nicht wesentlich anders gewesen sind als heute, auch nicht bei primitiven Völkern, daß die Ehe oder ein eheähnlicher Zustand auch im Altertum vorhanden gewesen ist und daß sittenlose Zustände am wenigsten bei primitiven Völkern geherrscht haben. Unter anderem wird eine nette Geschichte erzählt von den Australiern, wo die heiratsfähigen Mädchen ein Totemtier der Männer töten, um eine Schlägerei herbeizuführen. Bei Gelegenheit dieser Schlägereien lernen sich dann gewöhnlich einige Paare kennen und lieben. Rach Indien führt ein Bericht von Rabindranath Tagore, der ein Bild der indischen Gesellschaft hergibt, die rein auf den Gedanken der Gemeinschaft abgestellt sei. Auch die Ehe wird fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkte der Gemeinschaft aufgefaßt, das Individuelle spielt eine geringe Rolle, es besteht der Wunsch, Persönliches dabei zurückzudrängen. Der Indier kennt verschiedene Formen der Ehe. Die sog. Gandharva, die Ehe auf Grund gegenseitiger Wahl, wird nicht als lobenswert anerkannt, weil sie aus der Begierde geboren sei. Die lobenswerte Ehe, das Ideal einer Ehe, ist die Brahma-Ehe, die Che eines Mannes mit einer Frau, um die er nicht geworben hat, die ihm vielmehr auf Grund Familienbeschlusses gegeben wurde. Das persönliche Interesse soll möglichst zurückgedrängt werden. Der Dichter Kalidasa schildert die Ehe als einen Zustand der Disziplin, der Beherrschung der Begierde, deren Gegenstand in der Förderung der Geburt desjenigen bestehe, der das Übel erschlage. Die Ehe soll aus dem Gebiete des Eros in das Gebiet der Sittlichkeit übergeführt werden. Die Eheschließung findet in Indien, um der Begierde zuvorzukommen, schon in sehr frühem Alter statt. Dem jungen Mädchen wird schon in jungen Jahren der Mann als ihre Lebensaufgabe gepredigt; wenn sie ihn dann empfängt, so sieht sie nicht so sehr die Person als das Prinzip. Dies bedeutet für sie infoferne eine Befreiung, als sie sich dem Gatten nur als dem allgemeinen Prinzip unterordnet. Tagore meint allerdings, daß die Gesellschaftsordnung der Indier auf die Dauer nicht zu halten sei, weil sie darauf beruhe, daß fremde Einflüsse abgesperrt werden, was aber auf die Dauer nicht möglich fei. Auch für Indien werde also das Problem neu gestellt werden und eine neue Lösung gesunden werden müssen. Seiner Ansicht nach hat das Weib zwei Aspekte: „Als Mutter und als Geliebte." Ihre Aufgabe als Geliebte fei, den Mann in seiner Aufgabe und Schaffenskraft durch ihre Bezauberungsgabe zu fördern. Dieser Aufgabe müsse mehr als bisher auch im öffentlichen Leben Spielraum gegeben werden, das Tätigkeitsgebiet der Frau müsse erweitert werden. In China, worüber der Forscher Wilhelm berichtet, sind die Sitten ähnlich, die Wünsche der Familien spielen die Haupt-, die der Braut eine sehr geringe Rolle. Bei der Trauungszeremonie erscheint die Braut in einem roten Schleier, der Gatte führt sie in sein Heim, erst dort legt sie den Schleier ab und der Gatte sieht sie zum ersten Male. Wenn wir auf die Probleme der Gegenwart eingehen und hier die im Ehebuch enthaltenen Aufsätze betrachten, so fällt auf, daß ein großer Teil der Aufsätze, die von ganz verschiedenen Seiten herrühren, doch einen einheitlichen Gesichtspunkt enthalten, der in vielen Aufsätzen wieder auftaucht und der offenbar als besonders dringend und brennend erachtet wird. Er ist besonders klar in dem Titel eines Aufsatzes von Frau Martha Karlweis, der Gattin von Jacob Wassermann, herausgestellt: „Die Ehe und die verwandelte Frau." Das ist es auch, wodurch das Problem der Ehe zur Zeit besonders dringend und akut geworden ist, daß die Stellung der Frau in der Entwicklung der letzten Jahre sich stark gewandelt hat. Daß unter dieser Wandlung der Stellung der Frau auch das Problem der Ehe ein neues Gesicht bekommen muß, ist klar. Wenn man mit Keyserling die Ehe als ein bipolares Spannungsverhältnis auffaßt, wird man bei Änderung des einen Poles eine Änderung des ganzen Verhältnisses erwarten. Mathilde Karlweis sieht die Verwandlung der Frau darin, daß sie sich ihres Hörigkeitsverhältniffes zum Manne entledigt. Dies ist am weitesten vielleicht in Amerika vorgeschritten. Es ist daher interessant, was eine Amerikanerin, Beatrice Hinkle, von „der Ehe in der Reuen Welt" schreibt. Sie geht von den puritanischen Siedelungen aus, wo der Mann zusammen mit der Frau gemeinsame, besonders wirtschaftliche Interessen hatte, und so ein starker Zusammenhalt in der Ehe gegeben, also eine gute Ehe vorhanden war. Dies endete mit der zunehmenden Mechanisierung und Jndustralisierung der Wirtschaft. Durch die Mechanisierung und Industrialisierung der Wirtschaft ist die Frau um wichtige Tätigkeitsgebiete gekommen, sie konnte ihre Kräfte nicht verwerten, daraus entstanden ungesunde Verhältnisse, die Frau kam auf Nebenwege, in denen sie ihre Kräfte trotzdem nicht entsprechend verwenden konnte, sie verfiel in ein Luxusdasein, in Neurosen und andere Verirrungen. Die Frau der Vereinigten Staaten hat aber Abhilfe gefunden, sie ist in eine Reihe von Berufen eingetreten und hat sich die wirtschaftliche Selbständigkeit geschaffen. Eine unmittelbare Folge dieser wirtschaftlichen Selbständigkeit ist, daß die Zahl der Ehescheidungen seit einigen Jahren sehr zugenommen hat, weil die Frau in einer unbeftiedigten Ehe, aus der sie mit eigener Kraft herauskommen konnte, nicht länger bleiben wollte. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit hat einen neuen Frauentypus geschaffen, der sein Ideal nicht mehr allein in der Frau als Mutter sieht, sondern in der Frau als Arbeiterin und als gleichberechtigte Gefährtin des Mannes. Beatrice Hinkle begrüßt diesen Fortschritt; die neue Menschheit bedürfte der neuen Mutter, der die Haupterziehung der künftigen Generation obliege. Thomas Mann sieht die sozial-kritische Unterminierung des Herrschaftsverhältnisses des Mannes. Das frühere Verhältnis des Mannes zur Frau hat die Ehe nach seiner Änsicht in gewissem Grade einfacher gemacht, vor allem für den Mann. Die neue Ehe ist schwieriger, sie verlangt mehr Verständnis, Güte und Nachsicht. Thomas Mann verwahrt sich gegen eine Rückkehr zum alten Zustande, gegen eine Restauration; alle Rückkehr in leblos gewordene historische Form verwirft er als Obskurantismus. Auch Frau M. Karlweis kritisiert die Ehe von gestern. Der Mann von gestern habe die infantile Frau gewünscht, ihr Wert sei in ihrem geschlechtlichen Dienste gelegen, der Mann verlangte die unwandelbare Frau auf geistigem — nicht auf seelischem — Gebiete; die geistigen Möglichkeiten seien der Frau versperrt gewesen. Nun aber sei ein neuer Frauentypus aufgetucht, die Frau als Schülerin, als Arbeiterin. Diese Frau wolle den Mann nicht mehr als Schirmherrn, sondern als Gefährten. Auch WEINBERGER & BISSINGER HERREN- UND DAMENSTOFFE Beste Qualitäten / Grösste Auswahl / Billige Preise Rindermarkt 7 MÜNCHEN / AUGSBURG beim Fuggerdenkmal