Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Der Ursprung und die Entwicklung der jüdischen Familiengräber bei Jerusalem
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 121 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 121 "täoß aas. lÄsruiA Abb. 3 ist das in der Nebenzeichnung II schematisch veranschaulicht. Die Platte mit dem Klotz, eigentlich steinernem Stöpsel, ist dort schwarz gezeichnet. Wenn die meisten Gräber heute auch erbrochen und geplündert sind, so hat man aber doch noch einige solche Verschlüffe gefunden, die das klar beweisen; ein Verschluß durch einen „Rollstein", wie man ihn heute noch bei den sogen. Königsgräbern sehen kann, war recht unpraktisch und daher selten. Im Hauptraum wurde die Leiche auf ein Brett gelegt und in eine der Nebenkammern gebracht, um dort in einen Kukh geschoben zu werden, den man dann, ähnlich wie die Tür zwischen Halle und CC., mit einer Steinplatte verschloß. Nach einem Jahr nach dieser „vorläufigen Beisetzung" wurde der Kukh dann wieder geöffnet, und die inzwischen von den verweslichen Bestandteilen befreiten Gebeine in einen kleinen Korb, oder aber in ein Osiuar, d. h. eine etwa 60 Zentimeter lange, 35 Zentimeter breite und hohe, durch einen Deckel verschließbare Kiste aus weichem Stein gesammelt. Der Talmud enthält diesbezügliche Vorschriften, die nicht nur jeden Luxus verbieten, sondern auch solche, die besagen, daß die Gebeine von Männern nur von solchen, die von Frauen ebenso nur von Frauen berührt werden dürfen. Ehe man die Knochen in die Ossuarien legte, salbte man sie mit Ol und Wein und wickelte sie in frisches Linnen. Dann wurde das Kiftchen in der allerhintersten, in der Beinkammer, endgültig beigesetzt. Man nennt diesen Vorgang „doppelteBeisetzung", woher aber diese Sitte stammte, wiffen wir leider noch nicht, wohl aber warum sie geübt wurde; einfach aus ökonomischen Gründen. Denn in einem Grabe des oben geschilderten vollkommenen Typs sind höchstens 30 Kukhim vorhanden; da nun zwar strengstens die Beisetzung von Fremden verboten, dagegen die von treuen Dienern und Sklavett erlaubt war (ein schönes Zeichen echt patriarchalischer Gesinnung), so wären, besonders bei großen Familien, die 2Va Dutzend Schiebegräber wohl schon nach einem Menschenalter voll besetzt gewesen und man hätte eine ganz neue Anlage schaffen müssen. Ich habe nun auf Grund von Angaben dortiger Steinmetzen berechnet, daß etwa 50 bis 60 Arbeiter ein Jahr lang arbeiten müßten, um ein solches Grab fertigzuftellen, wobei noch moderne Stahlwerkzeuge, nicht die antiken aus weniger harter Bronze in Rechnung gestellt sind. Das war also natürlich eine sehr große Ausgabe, die sich, auch außer den Kosten des Platzes selber usw. jede Generation unmöglich leisten konnte. Wurden aber die Kukhim immer wieder benutzt, so dauerte es schon recht lange, bis eine Beinkammer voll kleiner Ossuarien stand, und sebst wenn das der Fall war, konnte man immer noch sehr viel leichter und billiger wie die ganze Anlage eine neue Beinkammer Herstellen'? Wann sind nun solche Gräber errichtet worden? Woher hat man das Vorbild genommen? Denn es ist doch klar, daß so ein komplizierter Grundriß, wie ihn die Abbildung 2 zeigt, nicht plötzlich und unvermittelt entstanden sein kann. Ich habe unter den vielen Gräbern in der Umgebung von Jerusalem (es mögen ungefähr 200 sein, die noch ganz oder gut rekonstruierbar erhalten sind), einige gefunden, die sich von dem geschilderten Typ deutlich unterscheiden. In ihnen sind nämlich entweder gar keine, oder nur 2 bis 3 ganz „nebensächliche" und flüchtig gearbeitete eigentliche Grablager oder Kukhim vorhanden, und ist bei diesen Anlagen die Türöffnung zwischen Vorhalle und Hauptraum so groß, daß man sie unmöglich mit einer Steinplatte verschließen 2 Eine ganz ähnliche Art der Bestattung findet man heute noch, und zwar aus denselben Gründen, in Süd-Italien, für Leute, die keinen Grabplatz bezahlen können. Nach einem Jahr werden die Gebeine ausgegraben und dann in der Jossa, comune" deponiert.