Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (2.4.1926)
- Article
- Gedenket der Tage der Vorzeit
- Date
- 1926-04-02
- Page
- Seite 89 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2727810-2727823-2727827-2729597--00891-2729652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 89 Jünglingen und einem Knabenchor, verstärkt durch Sänger de6 Hoftheaters. Den Höhepunkt der musikalischen Darbietungen aber bildete eine von Friedrich Wilhelm Bruckbräu gedichtete, vom Hoftheater-Intendanten Freiherrn von Poißl für Soli, Chor und Orchester komponierte Hymne. Trotz eifriger Nachforschungen in Bibliotheken und bei verschiedenen Behörden, ist es noch nicht gelungen, die Musik zu dieser Hymne ausfindig zu machen, von der ein zeitgenöffischer Berichterstatter sagt: „Über die vollkommene Gediegenheit dieser Musik herrschte nur eine Stimme. Kunstvoll gebaute Chöre wechseln in ihr ab mit Rezitativen und Arien, die von ersten Kräften der Hofbühne zum Vortrag gelangten. Ein mächtiger, fugierter Chor preist den Synagogenneubau als einen emporfteigenden Hoffnungsschimmer, als einen Strahl des Lichts in unserer Herzen dunkler Nacht mit Dank gegen, den himmlischen Vater, der uns erhebt." Der Rüsttag zum Peßachfeste 5586 — 21. April 1826, ein Freitag, brach an und mit ihm einer der bedeutungsvollsten Tage, ein weithin leuchtender Markstein in der Entwicklung der Münchner jüdischen Gemeinde. An die Stelle der armseligen, die finft-ere mittelalterliche Zeit versinnbildlichenden Betstube trat das Symbol des anbrechenden Freiheitsmorgens, die vom Baurat Johann Metivier erbaute, prächtige Synagoge. (Siehe Abbildung.) Eine Vorhalle führte in den majestätisch gewölbten Tempel, der ein Viereck bildend, an der Ostfront seinen halbkreisförmigen Abschluß fand, in dem die mit Säulen verzierte, aus Stein erbaute heilige Lade sich befand. Längs der Seitenwände und der Westfront zog sich die Frauengalerie hin, auf 16 Marmorsäulen ruhend, von denen die ersten vier der erste Bayernkönig Max Joseph der jüdischen Gemeinde gespendet hattö: Auch sein Nachfolger König Ludwig I. und seine Gemahlin-Therese bekundeten ihr Wohlwollen durch persönliche Teilnahme an der Synagogeneinweihung, die um vier Uhr nachmittags beginnend, unter begeisternden, von Kapellmeister Stuntz geleiteten Gesängen, unter Mitwirkung des ftimmbegabten KantorS-Löb- Sänger und mit einer wirkungsvollen deutsche Preoigt des Rabbiners Hirsch Aub einen glänzenden Verlauf nahm. Ein Bericht über dieses epochemachende Ereignis schließt mit den Worten: „Die herzerhebende Feierlichkeit und die musterhafte Ordnung fand allgemeinen Beifall und läßt nur den einzigen Wunsch übrig, daß die Israeliten die Ordnung uno Feierlichkeit dieses Abends als Muster für den Gottesdienst au Sabbath und Feiertage nehmen möchten und daß ihre spätesten Enkel diesen Tag als einen neuen Abschnitt in der Geschichte unserer Glaubensgenossen hoch feiern mögen." KÄMM NA frcriträ s#rvx V än * •>.. Cine ernste frage Peffachpredigt von Rabbiner Dr. Stein (Schweinfurt). B’chol daur wodaur aumdim olenu l’chalausenu w’hakodausch boruch hu mazzilenu mijodom „In jeglichem Geschlecht stehen sie gegen uns auf, um uns zu vernichten; aber der Heilige, gelobt sei er, errettet uns aus ihrer Hand." Die Betrachtung der wuttderbaren Befreiung aus Ägypten ist eine heilsame Quelle für die Gewinnung wirksamen Gottvertrauens. Dieses Gottvertrauen haben Israels Söhne und Töchter zu allen Zeiten gerade aus der diesem Feste zugrunde liegenden Tatsache gewonnen und der Dichter der Peffach-Hagadah drückt das auch in zutreffenden Worten aus: „Zu allen Zeiten stehen sie wider uns auf, um uns zu vernichten, aber Gott rettet uns aus ihrer Hand." Rettung aus Tod und Verderben brachte das Pessach-Feft dem einzelnen in der Gemeinde Israels; Freiheit aus martervoller Knechtschaft ergab sich für das ganze Volk. Wie sollten wir in Erwägung alles dessen nicht Kraft und Mut, Vertrauen und Zuversicht gewinnen! Wir fragen aber, meine Andächtigen, reicht dieses Vertrauen und diese Zuversicht auch in unseren Tagen aus, um uns beruhig sein zu lassen hinsichtlich Israels Zukunft und seines 'Bestandes? Kann dieses Vertrauen unö auch dann beseelen, wenn wir erwägen, daß heute es nicht äußere Feinde sind, die Israels Volkskörper bedrohen und seine soziale Persönlichkeit zu vernichten, Miene machen? Können wir auch dann zuversichtlich sein, wenn wir uns sagen müssen, daß Israels Söhne selber die schlimmsten Feinde ihres Volkes, ihrer Gemeinschaft sind, wenn wir uns sagen müssen, daß die Gefahren und Schäden für Israel heute aus seinem religiösen und moralischen Verhalten sich ergeben? Hier kann uns nicht Gott helfen; denn ein allgemeiner Satz lautet: Hakaul bijde schomajim chuz mijiras schomajim „Alles ist in die Hand Gottes gegeben, ausgenommen die Gottesfurcht." Wir haben schon vor vier Jahren an einem Roseh hascho- "ob-Feste an dieser Stätte von den Todfeinden gesprochen, welche Israels Bestand untergraben; wir sprachen von Mischehen und Glaubenswechsel und waren glücklich, dabei bemerken zu können, daß diese Gefahren — Gott sei Dank! — so sehr sie auch in den großen Zentten jüdischen Lebens verheerend wirken, zu uns noch nicht gedrungen sind; wir sprechen aber auch von dem bedauerlichen Umstande, daß die alten Lebenswerte des Judentums, die Kinder, nicht mehr in der alten Geltung stehen, daß vielmehr die reißend abnehmende GeburtSziffer beweist, daß man das Glück des Kindersegens schon lange nicht mehr als solches betrachtet. Wir wollen heute nur diesen letzteren Punkt in das Bereich unserer Betrachtung ziehen, von der wir wünschen, daß sie Gott segnen möge. Als Pharao in seiner Grausamkeit den Befehl an die jüdi-