Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (2.4.1926)
- Article
- Gedenket der Tage der Vorzeit
- Date
- 1926-04-02
- Page
- Seite 88 (sequence 1)
- Language
- German
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88 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 bedenket der tage der Vorzeit 5. B. M. 32, 7. Erinnerungswerte zum 100. Jahrestage der Synagogen-Einweihung in München, am 21. April 1826. Von Emauel K i r s ch n e r. Nach 75jährigem Bestehen wurde die in der Iudengasse zu München — seit 1442 in Gruftgaffe umbenannt — befindliche Synagoge am 11. Oktober 1285 von einer durch Verbreitung eines Ritualmordmärchens irregeleiteten, fanatisierten Volksmenge durch Feuer in einem Trümmer- und Schutthaufen verwandelt. 180 Juden, die in dieses Gotteshaus geflüchtet waren, erlitten hierbei den Märtyrertod. Mit dieser Schreckenstat beginnt auch für die Münchener Judenschaft jene unheilvolle, Jahrhunderte hindurch währende Knechtung und Entrechtung, jene gewaltsame Absonderung von allgemeiner Kultur und Sitte, jene brutale Lieblosigkeit, die den Juden durch Abzeichen für minderwertig erklärt, ihn dem Spott, der Verachtung einer unduldsamen Bevölkerung preisgibt. Trotz der vielen Verfolgungen versuchen Juden immer wieder in München sich seßhaft zu machen. Allein, ein jüdisches Gemeinwesen mit dauernden Institutionen konnte naturgemäß sich nicht entfalten bei der ständigen Angst und Sorge, jeden Augenblick aus Staot und Land vertrieben zu werden, namentlich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. War doch selbst die Wiedererbauung einer Synagoge, des sichtbaren Wahr- und Erkennungszeichens einer jüdischen Gemeinde, zur Unmöglichkeit geworden. Fünf und ein halbes Jahrhundert gab es in München nur Privatandachtsstätten, sogenannte Miryanim, in denen von einem Gottesdienste, wie ihn die modernen Anschauungen voraussetzen, kaum die Rede sein konnte. Die letzte dieser Betstuben, eine lange, unverhältnismäßig schmale, viereckige Stube, die eine kleine, hölzerne, ärmliche Lade hatte, befand sich feit 1765 im Tal Nr. 15, jetzt Mohrenapotheke, beim sogenannten „Judenbranntweiner" mtt etwas über 50 Männerbetftühlen. Eine kulturhistorische Skizze aus jener Zeit findet sich in einem Bericht der Allg. Zeitung des Judentums vom 21. Oktober 1857, in dem u. a. heißt: „Man fühlte es, daß man nur geduldet war, man wußte es, daß man einst die Stadt habe verlaßen müffen, undso lebte man so stille, so bescheiden, so eingezogen als nur immer möglich war. Man erzählte sich die lächerlichsten und sonderbarsten Anekdoten aus jener Zeit, in welcher man scheu und furchtsam zuerst wagte, die jüdischen Zeremonialgesetze in Ausführung zu bringen. So wurden, um nur eine einzige zu erwähnen, als man zum ersten Male die Posaune am NeujahrStage blies, kleine Buben gemietet, mit hölzernen Trompeten beschenkt und, ihnen aufgetragen, immerwährend zu blasen, um den Lärm der Posaune zu übertönen." Der Gottesdienst, nach alter hergebrachter Weise abgehalten, konnte einer Generation nicht mehr genügen, die im Begriffe stand, moderne Bildung, moderne Kultur in sich aufzunehmen. DaS Bedürfnis nach einer eigenen Synagoge mit einem zeitgemäßen Gottesdienste machte sich immer fühlbarer geltend. Aber erst das Edikt vom 10. Juni 1815 über die Verhältniffe der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern erlaubt ihnen die Bildung einer eigenen, rein kirchlichen Gemeinde und eine eigene Synagoge. Trotzdem sollte noch mehr als ein Jahrzehnt verstreichen, bis der Bau des langersehnten Gotteshauses in Angriff genommen werden konnte. Die Uneinigkeit in bezug auf die Wahl eines geeigneten Bauplatzes verschuldete nicht nur diese Verzögerung, sie drohte vielmehr auch eine Spaltung der Gemeinde herbeizuführen. Während das erste Mitglied der Kultus-Adminftration, der Großhändler Israel Hirsch Pappenheimer, von dem Doktor der Medizin Johann Baptist Sax als Synagogenbauplatz besten Garten an der Theater- — nachmalige Weftenriederstraße — und Frauenftraße erworben hatte, bekämpft das zweite Mitglied oer Administration, der dänische Kommerzienrat Eduard Marx, die Ausführung dieses Planes aufs heftigste, unter Hinweis auf die ungünstige Lage des Bauplanes und gestützt aus die seinen ablehnenden Standpunkt teilende entschiedene Majorität der Gemeindemitglieder. Nahezu ein Jahr tobte der Parteienkampf mit ungeminderrer Heftigkeit weiter, bis am 4. Juni/ 1824 die Polizeidirektion der Administration bekanntgibt, daß die Erbauung einer Synagoge auf dem Platze an der Theaterstraße, nach den vorgelegten Plänen und der Aufsicht der kgl. Lokalbaukommiffion definitiv genehmigt worden sei. Damit ging Pappenheimer als Sieger aus dem langjährigen Kampfe hervor. Am 26. Juli desselben Jahres eröffnete er in Gegenwart von hohen Staatsbeamten, Magiftratsmitgliedern und Gemeindebevollmächtigten mit einer Ansprache die Feier der Grundsteinlegung. Nun galt es, noch vor Fertigstellung des Baues, für die Festlegung einer Synagogenordnung Sorge zu tragen, bei deren Beratung die Kultus-Administration beseelt war von dem Wunsche, in der neuen Synagoge einen in jeder Beziehung zeitgemäßen Gottesdienst zu schaffen, während besten Abhaltung die ehrfurchtsvollste Stille zu herrschen habe und die Gebete mit Andacht und Wohlanständigkett zu verrichten seien. Ein Streben, des Schweißes der Edlen wert; denn wie überall in unserem Vaterlande, trug damals auch in München der liturgische Gesang die Ghettospuren ästhetischer Rückständigkeit an sich. Er glich einem verwahrlosten Garten, in dem wohl unter wuchernden Ranken, unter wild wachsendem Gestrüpp, Tonblüten von wundersam leuchtender Pracht in unverwüstlicher Kraft Herz und Ohr erregten und bewegten, die aber einer ordnenden, veredelnden Hano entraten mußten. Da war es denn der Sohn des damals, 1825, bereits verstorbenen Rabbiners Heßel, David Heßel, der von einem gütigen Geschick ausersehen war, noch vor der segensreichen Wirksamkeit des großen Reformators des Synagogen-GefangeS, Salomon Sulzer, die Brücke zu schlagen zwischen der bisherigen gottesdienstlichen Form und einer zeitgemäßen Gottesverehrung, wie sie in der neuen Synagoge Verwirklichung finden sollte. Für die denkwürdige, überaus eindrucksvolle Synagogeneinweihung am 21. April 1826 schuf er Melodien, die zum Teil noch heute in unserer Gemeinde sowie in vielen anderen Gemeinden gesungen werden und. die Kapellmeister Struntz für 2-, 5- und 4stimmigen Chor mit Orchesterbegleitung bearbeitete und arangiert für Pianoforte mit Gesang, im Druck erscheinen ließ. Neben Heßel bemühte sich auch eifrig der begabte Musikliebhaber Isidor Neuftätter um das Einstudieren dieser Gesänge sowohl, wie des von Stuntz komponierten 24. Psalms mit einem für diesen Zweck gebildeten Chor, bestehend aus 24 jüdischen