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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-03-17 · 3 (17.3.1926) · p. Seite 57

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
3 (17.3.1926)
Article
Die Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden zu Augsburg
Date
1926-03-17
Page
Seite 57 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeind ezertung 57 Anschließend an die Besichtigung des Gotteshauses begab man sich in den großen Börsensaal gegenüber dem Rathaus, wo die Eröffnung der Tagung stattfand. Im folgenden bringen wir eine eingehende Darstellung der anläßlich der Eröffnung gehaltenen Ansprachen, des religionswissenschaftlichen Vortrages von Rabbiner Dr. Stein (Schweinfurt) und des Berichtes des Präsidenten des Rates. Über den Gang der sachlichen Beratungen, über deren wesentliche Ergebnisse der Leitartikel dieser Nummer informiert, bringen wir in der nächsten Nummer Ausführlicheres. Am Abend des ersten Tages hatte die Kultusgemeinde Augsburg die Mitglieder des Rates und der Tagung sowie sonstige im jüdisch-gemeindlichen Leben Augsburgs und seiner näheren Umgebung stehende Persönlichkeiten zu einem Festabend in den „Drei Mohren" eingeladen, wo sie von der Gastgeberin in großzügiger Weise bewirtet wurden. Die am Nachmittag in den Sitzungen des Rates und der verschiedenen Ausschüsse gepflogenen Beratungen hatten bereits positive Ergebnisse gezeitigt, so daß man auf ein gutes Gelingen der Tagung hoffen konnte und eine zuversichtliche Stimmung auch über dem Festabend lag. Neben den einleitenden Worten des Vorsitzenden der Kultusgemeinde Augsburg Dr. Eugen Strauß fielen besonders auf die humorvolle Tischrede des Schatzmeisters Rosenzweig, die launigen den Damen gewidmeten Verse von Oberlandesgerichtsrates Wilmersdoerfer und ein lustiges Poem des Iustizrats Sinauer. Die Dankbarkeit gegen die bewährten Führer, Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, den Präsidenten des Rates und Oberftlandesgerichtsrat Professor Dr. Silberschmidt, den Präsidenten der Tagung, kam spontan zum Ausdruck. Gegen das Ende vereinigten Musik und Tanz die Erschienenen noch einige Stunden in fröhlichster Stimmung, welche der Gastgeberin wohl der beste Dank für ihre vielen und großen Bemühungen gewesen sind. Protokoll der IV. Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, am Sonntag, dem 21. und Montag, dem 22. Februar 1926 in Augsburg. 1. Sitzung, Sonntag, vormittag Ilst/? Uhr. OberstlandesgerichtsratProfeffor Dr. Silberschmidt (München): Die Tagung des Verbandes Israelitischer Gemeinden Bayerns ist zur letzten Sitzung dieses Wahlabschnittes nach Augsburg einberufen. Sie sind dem Rufe gefolgt, und ich begrüße Sie an dieser Stelle aufs herzlichste. Möge der Segen des Himmels auch auf dieser Tagung ruhen und möge auch sie in Einigung und Harmonie verlaufen wie die bisherigen. Das walte Gott! Cs ist uns die hohe Ehre seitens des Ministeriums für Unterricht und Kultus zuteil geworden, daß dieses Ministerium einen Vertreter zu unserer Tagung abgeordnet hat. Wir begrüßen Herrn Oberregierungsrat Mezger aufs herzlichste. Das Kultusministerium und sein Referent haben unsere Beratungen stets mit Interesse verfolgt, aber nicht nur das, sie sind auch in jeder Weise uns behilflich gewesen bei der Erfüllung der schweren Aufgaben, die uns obliegen. Wir haben zu danken für die stete Bereitwilligkeit, mit der sie unsere Wünsche und Bitten entgegengenommen haben. Ich danke Herrn Oberregierungsrat Mezger für sein Erscheinen, vor allem aber auch dem Herrn Minister selbst für das große Interesse, das er stets unseren Bestrebungen entgegengebracht hat. Auch die Kreisregierung hat es sich nicht nehmen lassen, einen Abgeordneten zu senden. Ich begrüße Herrn Oberregierungsrat Tiedgen in unserer Mitte und freue mich, daß ich die Ehre habe, ihn bei uns zu sehen. Endlich hat auch die Stadt Augsburg, die alte, ehrwürdige Stadt, in deren Mauern wir zu tagen die Ehre haben, einen Vertreter zu unseren Beratungen entsandt. Ich begrüße Herrn Bürgermeister Ackermann und danke den Herren allen für ihr freundliches Erscheinen in unserer Mitte. Möge diesen Beratungen, die die Krone dessen zu bilden haben, was in den letzten fünf Jahren geschehen ist, ein guter Erfolg beschieden sein. Wir haben zu beraten über die endgültige Verfassung des Verbandes: damit ist schon die Wichtigkeit dessen, was in diesen Tagen jetzt zu geschehen hat, genügend ausgedrückt. Wir haben das Beamtenrecht zu ordnen und die Verbindung mit dem übrigen Deutschland in religiösen Fragen aufrechtzuerhalten, um nur die wichtigsten Themata kurz zu nennen. Und so wollen wir uns denn vereinen in dem Bestreben und dem Wunsche, daß diese Beratungen zu einem guten Ende gedeihen mögen. Ich gebe das Wort dem Vertreter der Kultusgemeinde Augsburg, die fo liebenswürdig war, die Vorbereitungen zu dieser Versammlung zu übernehmen, die in schönster Weise die Anordnungen hier getroffen hat und deren Gotteshaus wir heute früh schon zu bewundern Gelegenheit hatten, ein Schatzkästlein religiöser Kunst, das den Beifall all derer gefunden hat, die es besichtigten. Dr. Eugen Strauß (Augsburg): Hoher Rat, hohe Tagung. würdige Gäste, verehrte Gemeindeangehörige! Es ist für unsere Gemeinde heute ein Ehrentag. Sie darf diewürdigsten Vertreter des bayerischen Judentums heute als ihre Gäste begrüßen. Ich begrüße Sie im Auftrag der Gesamtgemeinde und begrüße gleichzeitig die Gäste, die dieser Tagung anwohnen. Der Ott, an dem sich heute die bayerischen Juden versammeln, hat eine besondere Bedeutung auch für uns. Hier in dieser Stadt, wenige Schritte von hier entfernt, war ein Forum Romanum und noch heute spricht der Volksmund vom „Hohen Weg", der ehemaligen via alta. Genau so, wie mit den römischen Legionen die ersten Juden an den Rhein nach Worms kamen, so sprich: auch die Sage davon, daß schon in dieser alten Zeit Juden hier auf diesem Boden gelebt haben. Der alte Augsburger Rat der späteren Jahrhunderte war sich der alten Tradition bewußt und hier auf diesem Platze, vor diesem Hause, steht die Statue des Kaisers Augustus, der seine Kolonie, die Augusta Vindelicorum segnen soll. Dann kam die Zeit des alten Deutschland, und zwar des Deutschlands der Stämme, und auch da ist Augsburg für uns Juden bedeutend. Über dem Lech drüben, da wohnen die Altbayern: hier die Schwaben, hinüberreichend bis nach Württemberg, ihrem Hauptlande; und dem Ufer der Wertach entlang vom Allgäu herab wohnen die Alemannen, die wieder hinüberreichen bis nach Vorarlberg und der Schweiz. Auch dies ist von Bedeutung: diese Stammesart, die sich nicht verleugnet hat und heute noch erkennbar ist, sie war nicht das Ensscheidende für die Entwicklung dieses Bodens und seiner Geschichte. Entscheidend für dieses Land war vielmehr die Abwickelung einer deutschen Geschichte, durch die dieses Land über alle Stämme hinweg zu einem Teil von dem geworden ist, was wir heute Deutschland nennen. Die großen, geistigen Bewegungen im Reich trafen sich mit dem Geist dieser Stadt. Und dieser Geist hat ein einzigartiges Gepräge, das auch für uns Juden von weittragender Bedeutung ist. Diese Stadt, an der Stelle des alten Forum Romanum an der via Claudia gelegen, die über die Alpen führte, war die letzte Stadt vor den Alpen, bevor man den Weg beschritt zu dem alten, mittelländischen Kulturkreis, in dem auch das alte Volk der Juden gelebt hat. Die alten Augsburger Fugger und die Peutinger haben bewußt diesen Weg genommen. Augsburg war aber auch die erste Stadt, wenn man über die Alpen zurückgekommen ist. Dort hatte man die wunderbare Architektur gesehen, die gebändigte Form der romanischen Renaissance, und weife Lenker dieser Stadt haben diese Kunst durch große Baumeister hierhergebracht und so Augsburg zu der Stadt der deutschen Renaissance gemacht. Das waren die Männer dieser Stadt, die, von ihrer Art ausgehend, den Blick auf die Welt gerichtet hatten und dadurch befähigt waren, in ihrer Zeit die größten deutschen Leistungen zu vollbringen. Dadurch ist in dieser Zeit Augsburg ein Mittelpunkt derjenigen deutschen Geschichtsepochegeworden, die für uns Juden die Pforte zur deusschen Kulturwelt gewesen ist. Was wir in den Straßen als den Geist der Renaissance sehen, das war in den Köpfen der Geist des Humanismus, der Geist, der an die Verbundenheit von Mensch zu Mensch geglaubt hat. Das ist die geistige Grundlage auch unserer heutigen Existenz. Damit ist der Eintritt in das deutsche Geistesleben und die Verbundenheit mit dem deutschen Kulturleben erfolgt, fußend auf dem Geiste, der spezifisch für die

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