Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (8.2.1926)
- Article
- Mensch und Welt
- Date
- 1926-02-08
- Page
- Seite 36 (sequence 2)
- Language
- German
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36 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 Damit erhält der Begriff der Welt seinen neuen Inhalt und seinen neuen Charakter. Die Welt ist die Stätte des zu Ende Handelns, dieser Pflicht ohne Abschluß. Dies ist die andere und neue Bedeutung, die das Wort Welt nun erhält: Die Welt ist voll der Herrlichkeit Gottes, voll der Offenbarung des Ewigen, voll darum seines Gebotes. Der Mensch soll in der Welt dieses Gebotes zu Ende Handeln, er soll sie zu einer Welt Gottes, zu einem Reiche Gottes werden lassen. Alle Kultur ist noch ein Begrenztes, für alle Kultur gilt das Wort: In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Das zu Ende Denken braucht nicht im Widerspruche mit der Kultur zu stehen. Aber das Gebot des zu Ende Handelns, wie sollen wir es erfüllen in der Kultur mit ihren Beschränkungen, wie es erfüllen in der Familie mit ihren Einengungen, wie im Staate mit den Mauern, die er aufrichten muß. Und aus diesen Gedankengängen heraus erschien es Bielen, als gebe es nur eine Rettung, den Verzicht auf die Kultur. Dies ist Rousseaus Gedanke: Zurück zur Natur! Dieser Gedanke ist, wenn auch aus anderen Motiven, schon Jahrtausend vorher gedacht worden. Und es erscheint beinahe, als ob diese Folgerung unabwendbar sei. Und doch liegt hier nicht die Lösung. Denn alles: Du sollst! hat ein Ziel und alles Gebot hat nur eine Richtung: Die Richtung zum Menschen! Mit Menschen ist der Mensch zusammengefügt, mit Menschen und an ihnen soll er das unendliche Gebot erfüllen. An Menschen, um ihretwillen, mit ihnen soll er zu Ende denken und zu Ende handeln. Dies ist die Aufgabe, die die Lösung des Problems in sich schließt: An Menschen zu Ende handeln! Nun ist die Bindung kein Kompromiß mehr. Sie ist die einzige dem Menschen gegebene Erfüllung des Unendlichen. Dann ist alle Lebenszusammenfügung, das Tragen für andere, das Empfinden für andere, das Erfüllen und Schaffen für andere, die erhabenste Erfüllung des Gedankens und der Aufgabe, welche die Welt dem Menschen stellt. Und damit ist auch alle Einsamkeit beseitigt. Alle Einsamkeit in der Unendlichkeit bedeutet nichts gegenüber der Einsamkeit inmitten der Kultur, mit ihrem Schweigen und ihrem Sprechen, ihrem Sprechen, wo sie schweigen, und ihrem Schweigen, wo sie sprechen sollte. Dies ist die einsamste, die furchtbarste Einsamkeit. Wer nur denkt, wird dieser Einsamkeit nicht entgehen können, wer aber vermag zu Ende zu handeln, zu tragen, zu empfinden, zu erfüllen für andere und um anderer willen, für den gibt es keine Einsamkeit mehr. Mensch und Welt. In die Welt ist der Mensch hineingestellt. Entscheidend für jeden ist, was Welt chm bedeutet. Ob sie ihm das Gefüge des Irdischen ist oder Schöpfung Gottes, Unendlichkeit und Ewigkeit. Im Kompromiß untergehen, ist die Flucht aus der Religion. Über den Kompromissen die Welt des Unendlichen und Ewigen besitzen, die Welt dessen, was der Mensch erfassen soll mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft, das ist der Weg zur Religion. Diesen Weg kann nur der gehen, der das Zuende Handeln kennt, der das Gebot kennt, das immer neue Gebote zeugt. Nur wer so zu Ende handeln kann, geht diesen Weg und alles was Bindung zunächst war, wird ihm nun zum Unendlichen und damit zur Befreiung und, was Kompromiß ihm dünkte, wird ihm zum Ewigen und damit zur Versöhnung. 8. „Gesellschaft und Nation bei den Ostjuden". Am 15. Dezember sprach im „Bayerischen Hof" als Gast der „jüdischen Lehrkurse", deren Leitung für diesen Abend Herr Rabbiner Dr. Elk übernommen hatte, Geh. Rat v. Zwiedineck-Südenhorst, der Nationalökonom und Soziologe an der Münchener Universität, über das Thema: „Gesellschaft und Nation bei den Ostjuden". Grundlage und Ausgangspunkt für den ganzen Vortrag war die Toennies'sche Unterscheidung von „Gemeinschaft" und „G e - sellschaf t", d. h. einer Form menschlichen Zusammenlebens, die wesentlich auf traditionaler oder asfertueller (also: subjektiv gefühlter) Zusammengehörigkeit beruht, und einer solchen, die mehr beruht auf rational motiviertem Interessenausgleich (bzw. Jntsrefsenverbindung); diese letztere Definition wurde vom Vortragenden, über die Toennis'sche Begrisfsbildung noch hinausgreifend, erweitert durch das Kriterium einer arbeitsteiligen und klassenmäßigen Untergliederung der gesellschaftlichen Gesamtheit. Einen Schritt weitergehend, kam Prof. v. Zwiedineck zu einer, gerade in unserer Epoche eines völkisch verzerrten Nationalismus, besonders aufschlußreichen Klarstellung des Begriffs der „N at i o n". In vorzüglicher Analyse — hier vielfach Max Weberschen Gedankengängen folgend — wurde dargetan, wie weder die Gemeinsamkeit der Sprache, noch die des Staates, noch auch die der Rasse für sich allein und auch nicht in (tatsächlich ohnehin kaum möglicher) Kombination aller drei Faktoren eine „Nation" konstituieren könne, sondern primär der von (religöser wie profaner) geistiger Überlieferung genährte Wille zur Gemeinsamkeit, so daß „Nation" als eine Unterform der Tönnies'schen „Gemeinschaft" erscheint, deren Vorhandensein bei den Ostjuden der Vortragende durchaus bejahte und zu der die maßgebenden jüdisch-politischen Parteien des Ostens, Volkisten und Zionisten, jede in ihrer Art, als „Jiddischisten" wie als „Hebraisten", in der Forderung der Autonomie und einer aktiven Sozialpolitik, wie in derjenigen eines palästinensischen Nationalheims, sich doch gemeinsam bekennen. Ob man dagegen von dem Vorhandensein einer „Gesellschaft" im obendefinierten Sinne bei den Ostjuden sprechen könne, sei nicht ganz so unzweifelhaft. Denn eine reiche und differenzierte Berufsgliederung sei, obwohl vorhanden, doch aus äußeren wie aus inneren Gründen (antisemitische Gesetzgebung und innerjüdischer — vor allem chassidischer — Traditionalismus und wirtschaftlich-politischer Passivismus) gehemmt und zum mindesten einseitig entwickelt und das Bewußstein von Klassengegensätzen sei, trotz starker tatsächlicher Proletarisierung und Verelendung der Massen, kaum erst im Entstehen begriffen. Hier freilich ist der Punkt, wo der getreue Rezensent wohl für einen kleinen Augenblick zum Kritiker werden darf. Denn hier scheint ein Widerspruch zu bestehen: nach der eingangs erwähnten Definition sind Arbeitsteiligkeit und also auch die aus ihr resultierende Klassenlage „gesellschafts"bildende Faktoren, nicht aber ist das „V e w u ß t s e i n" dieser „Klassenlage" als dazu notwendig erfordert. Aber darüber noch hinausgehend; ist überhaupt die Frage auszuwerfen, ob „Arbeitsteilung" etwas nur der „Gesellschaft" Eigentümliches sein muß, oder ob sie nicht vielmehr für alle Formen menschlichen Zusammenlebens möglich ist; freilich, arbeitsteilige „M a r k t"beziehungen können (weil auf Interessenausgleich beruhend) wohl nur als in einer „Gesellschaft" vorkommend gedacht werden. Kein Bericht — wollte er nicht vollkommen wortgetreu sein — könnte die zahlreichen, interessanten und leider auch und gerade in jüdischen Kreisen viel zu wenig bekannten Einzeltatsachen, statistischen, historischen, soziologischen Daten, die der Vortrag brachte, auch nur einigermaßen wiedergeben. Aber nicht nur eminente Sachkenntnis, großenteils aus der Beobachtung an Ort und Stelle gewonnen, war das Bewundernswerte, nicht nur der künstlerisch vollendete Aufbau der Gedanken; ebenso sehr war es die kühne und zugleich taktvolle Einfühlungskraft, mit der der Vortragende sich in Geschichte und gegenwärtige Lebensbedingungen der Juden des Ostens versenkt hatte. Herr Geh. Rat von Zwiedineck-Südenhorst hat uns den Beweis gegeben, daß ein fruchtbares gegenseitiges Verstehen und gemeinsames Arbeiten gerade auf der Basis möglich ist: daß der Wille zum Judentum in dem Lande ihrer Heimat respektiert wird; und daß er ihn gegeben hat in einer Stadt, in der wir, nach mancherlei niederdrückenden Erfahrungen, zum erstenmal seit langer Zeit solche mutigen und verständnisvollen Worte von einem Nichtjuden zu hören bekamen, dafür müssen wir ihm besonders dankbar sein. Werner Cahnmann. Aussprache-Abend der pädagogischen Arbeitsgemeinschaft am 20. Januar 1926. Die Erörterung der in der pädagogischen Arbeitsgemeinschaft bisher besprochenen Themen hat eine Reihe weiterer Fragen berührt, deren Klärung durch eine Aussprache nach vorausgegangenem Referat sich als eine Notwendigkeit erwies. Die Leitung der Lehrkurse glaubte der Wichtigkeit des zunächst in Betracht kommenden Problems vom jüdischen Milieu in Schule und Haus durch Festsetzung eines eigenen Aussprache-Abends Rechnung tragen zu müssen, in dem eine Mutter und ein Schulmann zu Worte kommen sollten. Da die in der Ankündigung dieses Abends genannte Referentin, Frau Dr. Erna Straus durch Erkrankung an der Übernahme des Vortrags verhindert war, trat in liebenswürdiger Weste Frau Studienrat Schaalmann für sie ein, während Studienprosessor Dr. Klugmann vom Standpunkte des Schulmannes aus das angekündigte Thema: „Wie schaffen wir unseren Kindern ein jüdi-