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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-02-08 · 2 (8.2.1926) · p. Seite 35

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
2 (8.2.1926)
Article
Mensch und Welt
Date
1926-02-08
Page
Seite 35 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 3^ öemeindliche Lehrkurse Mensch und Welk. In zwei Vortragsabenden, den 12. und 13. Januar sprach Rabbiner Dr. Leo B a e ck über das Thema „Mensch und Welt". I. Religion ist im Grunde ein zu Ende Denken. Dies schließt ein Doppeltes in sich. Es bedeutet zunächst, daß dem Denken keine Grenzen gesetzt werden sollen. Dem Denken werden Grenzen zunächst gesetzt durch die Selbstsucht. Alle Selbstsucht ist vorzeitiges Beenden des Denkens. Auch alle Zugehörigkeit zu einer Gruppe kann das Denken vorzeitig beenden. Denn auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe kann im Grunde nur erweiterte Selbstsucht sein. Dies kennzeichnet manchen falschen Patriotismus. Ebenso verlangt die exakte Wissenschaft, daß das Denken da aufhört, wo die Möglichkeit des exakten Rechnens und Messens aushört. Alle Religion ist dem gegenüber ein zu Ende Denken, ein Denken, das sich keine Grenzen setzen läßt. Zu Ende Denken bedeutet wissen, daß man nie bis an das letzte Ende hin zu denken vermag, es heißt wissen, daß es ein Unbegreifliches, ein Unergründliches gibt, daß alles Denken ein Hindenken zu dem Unendlichen, Unausdenkbaren ist. Dies ist die neue Bedeutung, die das Wort „Welt" in der Bibel erhalten hat. In der Bibel bedeutet dieses Wort: Unendlichkeit. Die Welt denken heißt zu Ende denken, sich keine Grenzen setzen lassen. In derselben Zeit, in der sich im biblischen Denken der Begriff Welt-Unendlichkeit gestaltet, hat sich in Griechenland das Wort Kosmos gebildet. Aber hier ist Kosmos, was durch Zählen und Messen errechnet werden kann. Ein Kosmopolit ist der, der in der erkannten großen Welt heimisch ist. In der Bibel ist „ein Mensch der Welt" ein Mensch, der in der Unendlichkeit und Ewigkeit lebt, der das Wissen und den Sinn der Tiefe sucht. Dostojewski hat einmal gesagt, die höchste Aufgabe des Künstlers sei, immer neu zu entdecken. Auch Religiosität ist ein immer neu Entdecken. Das Oberflächliche, das Äußerliche ist immer dasselbe. Hier gilt: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Aber etwas im Unendlichen sehen, bedeutet immer neu entdecken, immer neu begreifen. Denn das Unendliche, wenn es im Endlichen sein Symbol hat, macht das irdisch Begrenzte zu einem anderen, immer Neuen. Das Äußerliche wird entäußerlicht, Sinn und Wesen treten her- Man hat von der Gotik gesagt, sie sei ein Versuch, die Materie zu entmaterialisieren. Dies gilt aber von aller Kunst. Und weil Kunst und Religiosität im letzten identisch sind, gilt das auch von aller Religiosität. Die Gestalten Michel Angelas, Raffaels in ihrer letzten großen Zeit sind solche Versuche. Ihre Deckengemälde sind ein Versuch, in das Unendliche hineinzumalen. Oder wenn Rembrandt bei seinen Porträts alles Licht auf eine bestimmte Stelle des Gesichtes konzentriert und das übrige im Dunkel und Halbdunkel läßt, so ist dies ein Symbol der Unendlichkeit und Ewigkeit. Von Max Liebermann wird erzählt, er habe zu einem, den er malte, gesagt, er male die Menschen ähnlicher als sie sind. Der wahre Künstler malt den Menschen ähnlicher als er ist, er entmaterialisiert die Materie. Er sucht das Tiefste aus dem Menschen herauszu- Auch im Denken gibt es gewissermaßen eine Photographie und eine bildende Kunst des Denkens. Photographie des Denkens ist Denken im Endlichen, im Begrenzten. Bildende Kunst des Denkens ist Denken, das Sinn und Wesen zu suchen sich bemüht. In der Unendlichkeit und Ewigkeit erscheint der Mensch zunächst einsam. Allein inmitten der unendlichen Welt, inmitten des unendlichen Raumes inmitten der unendlichen Zeit. Bedeutet dieses in die Unendlichkeit denkend nicht ein Denken in die Einsamkeit hinein? Darin liegt etwas Richtiges! Sowie der Mensch zu denken beginnt, erwacht in ihm die Einsamkeit. Wir können in vielem mit anderen Menschen verbunden sein, gemeinsame Wünsche, Bestrebungen und Hoffnungen haben. Aber im Innersten ist jeder Mensch ein Anonymes, kann kein Mensch von dem anderen verstanden und begriffen werden. Wenn die Unendlichkeit nur Unendlichkeit wäre, dann wäre, wie der Anfang alles Denkens Einsamkeit wäre, das Ziel alles Denkens die einsamste Einsamkeit. Aber Unendlichkeit und Ewigkeit sind nicht nur Unendlichkeit und Ewigkeit, sondern sie haben ihren Sinn, der immer neu entdeckt werden muß. Diese Welt der Unendlichkeit und Ewigkeit ist die Schöpfung Gottes. Damit ist die Einsamkeit überwunden. Mit Menschen können wir uns berühren, nahekommen, aber erkannt in unserem Tiefsten, Persönlichsten werden wir nur von Gott. Mit Menschen verständigen wir uns, Gott versteht uns. Und nun gewinnt das Wort „Welt" erst seine ganze Bedeutung, Welt ist nicht bloß Unendlichkeit und Ewigkeit, sie ist die Schöpfung Gottes. In ihr sind wir immer der Gewißheit, verstanden und begriffen zu werden. Für den, der nicht zu Ende denkt, ist das, was jenseits des anderen Zieles liegt, Einsamkeit und Alleinsein. Es ist der Weg, von dem keiner künden kann, der ihn gegangen. Wer zu Ende denkt, für den Welt Unendlichkeit und Ewigkeit und die Schöpfung Gottes ist, ist sie nicht nur dies, sondern auch die andere, kommende Welt. Die Welt ist Unendlchkeit und Ewigkeit, aber alles Menschliche ist ein Irdisches und Begrenztes und darum ist alles Irdische ein Kompromiß. Jeder Mensch ist hineingestellt in einen Kreis von Menschen, er ist Mitmenschen verbunden und arbeitet mit Menschen zusammen — und alles zusammen ist ein Kompromiß. Auch alle Freundschaft, auch alle Ehe. Der Kampf, den jeder Mensch zu führen hat, der Kampf der jeden aufreibt, ist der Kampf gegen den Kompromiß. Alle genialste Kunst ist Kompromiß, ein Kompromiß mit der Leinwand, mit dem Stein. Zu Ende denken ist der große Widerspruch gegen den Kompromiß. Zu Ende denken heißt, über die Welt der Kompromisse hinauszudenken in die Welt der Unendlichkeit und Ewigkeit, in die Schöpfung Gottes. Wenn zu dem „zu Ende denken" ein anderes, gleichbedeutendes Wort gefügt werden soll, so ist dies das Wort Ganz! „Ganz" ist der große Gegensatz zum Kompromiß. Mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft! Ein Ganzes immer sich wahren, ein Ganzes ergreifen in der Welt der Kompromisse, das ist Religiosität. Alle Selbsterkenntnis beginnt damit, daß die Frage vor den Menschen tritt: Was ist Dir die Welt? Was ist Deine Welt? Der Mensch und die Welt! Was ihm die Welt ist, das ist das Entscheidende. Die Welt ist ihm die Welt Gottes, wenn er sie ergreift mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. II. Mit der Erklärung, daß aller Glaube ein zu Ende Denken im Grunde ist, ist noch nicht alles gesagt. Ein zu Ende Denken kann ein Denken sein nur um des Denkens willen, ein Denken, das in sich eine Befriedigung findet. Dies war das Denken für die alten griechischen Philosophen. Denken war für sie l’art pour l’art. Das Denken sollte eine Schau sein und nichts anderes. Diese „Theoria" ist für Aristoteles das Wertvollste und Beste, das Höchste, was dem Menschen gegeben sein kann. Dieses Schauen, das an sich Genüge findet, ist auch wie das Vernehmen einer Musik. In seinem Buch über die Unsterblichkeit nennt Platon die Philosophie die erhabenste Musik. Aber in dieser Schau, in diesem Denken als Musik liegt doch ein Mangel beschlossen. Alle, welche die Harmonie der Sphären hörten, haben nichts davon gewußt, daß um sie herum die Welt stöhnte und seufzte, haben nichts gewußt von allem Elend und Leid der Welt. Ein naives Wort, das Kungtfe (Confucius), der chinesische Denker, gesprochen hat, lautet: Was nützt Musik ohne gute Tat? Der Welt des biblischen Denkens ist alles Denken eine Forderung, aus allem Denken spricht ein: Du sollst! Die Griechen besahen kosmische Menschen, die in einer Welt des Unvergänglichen zu leben vermochten. Ein kosmischer Mensch aber ist das Ganze noch nicht. Der kosmische Mensch soll auch der ethische Mensch sein. Zu Ende Denken ist im Grunde alle Religion, aber das zu Ende Denken schließt immer ein zu Ende Handeln in sich. Weil dieses zu Ende Handeln in die Welt hinausgeht, so ist alles Handeln den Frommen ein Handeln in die Unendlichkeit und Ewigkeit hinaus. Das Gebot ist nie fertig, nie beendet, ein Gebot zeugt das andere. Die Ethik des bürgerlichen Menschen hat gewisse Grenzen, die Ethik des religiösen Menschen ist von dem Bewußtsein erfüllt, daß es nie eine Vollendung gibt. Darum gibt es kein unreligiöseres Wort als das Wort vom guten Gewissen. Gutes Gewissen ist Gegensatz und Widerspruch zur Religiosität. Das Wort von Julian Apostata: Ich sterbe ohne Reue, wie ich ohne Schuld gelebt habe! ist gleichsam das Schlußwort der Antike, deren Denken nicht belastet war von dem Gebot, von diesem unruhigen, treibenden, immer erneutem: Du sollst, Du sollst!

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