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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-02-08 · 2 (8.2.1926) · p. Seite 29

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
2 (8.2.1926)
Article
Ergebnisse der Erhebung des Münchener Ausschusses für Kriegsstatistik der Juden
Date
1926-02-08
Page
Seite 29 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 29 heraus. Eine wirkliche Kriegsstatistik darf aber keine Zählung, sondern sie muß eine Fortschreibung (Registrierung) sein, wenn sie nicht, wie dies in obigen Ziffern geschehen ist, erst nach dem Kriege vorgenommen wird. Ferner: Die Statistik wurde von einem statistischen Ressort ohne Hinzuziehung von sachverständigen, d. h. hier statistisch geschulten Kräften in Angriff genommen und durchgeführt (als sekundäre unausgelöste Statistik, wie der Fachausdruck lautet). Es kann , jedoch nicht genug betont werden, daß, auch wenn das Ergebnis für die Juden minder befriedigend wäre, hieraus doch kein Schluß auf die Vaterlandsliebe oder das Pflichtbewußtsein der Juden in ihrer Eigenschaft als Staatsbürger und Militärpersonen oder auf ihre militärische Tätigkeit und biologische Wertigkeit gezogen werden könnte. Denn auch dann, wenn sich herausgestellt hätte, etwa daß der Prozentsatz der Frontsoldaten oder Gefallenen bei den Juden erheblich geringer gewesen wäre als bei den deutschen Soldaten überhaupt, so ließen sich hierfür andere Gründe angeben als die obigen. Ein besonders naheliegender Grund wäre der, daß manche Juden wegen beruflicher oder sonstiger persönlicher Eigenschaften aus rein sachlichen Erwägungen in der Heimat oder in der Etappe verwendet worden sind, weil ihre Vorgesetzten der Ansicht waren, daß sie hier ihrem Vaterlande größere und wertvollere Dienste leisten können als an der Front. Auf diese Gründe hat May in seiner Schrift „Konfessionelle Militärstatistik"'^ aufmerksam gemacht. Die Juden sind nun einmal im wesentlichen ein städtisches Element und in der heutigen Gesellschaft ein Kommerzialisierungsfaktor. In der Zeit der amtlichen Erhebung über die Juden im Heer waren eine Menge organisatorischer Umgestaltungen, namentlich auch in der deutschen Kriegswirtschaft, im Gange, für welche man die Juden sehr gut brauchen konnte. „Der Drang aus dem Heer in die Heimat, der schon im Gefühl der persönlichen Sicherheit seine Erklärung findet", schreibt Ludendorff in seinen Kriegserinnerungen Bd. I, S. 259, „besaß im Familiengefühl eine ideale Grundlage." Da gerade bei den Juden ein besonders stark ausgebildeter Familiensinn, wie auch von ihren Gegnern zugegeben wird, anzutresfen ist, so ist es um so anerkennenswerter, wenn die Zahlen eine für sie so günstige Sprache sprechen. u Archiv f. Sozialwissenschaft, Ergänzungsheft XIII, 1917, vgl. die Besprechung von A. Cohen im „Jüd. Echo" V4, 1918. Kundert jahre Wiffenjcbaft vom Judentum Von Felix PerleS. (Fortsetzung und Schluß.) Einen erfreulichen Aufschwung brachten die 5Oer Jahre. 1852 erschien der erste Band der Frankelschen „Monatsschrift für Geschichte und Wiffenschaft des Judentums", die sich mit kurzer Unterbrechung bis heute erhalten hat. 1853 gab Grätz den ersten Band seiner „Geschichte der Juden" heraus, der den 4. Band des Gesamtwerts bildet. Über die Bedeutung von Grätz ist gelegentlich seines hundertsten Geburtstages so viel gesagt worden, daß ich mich heute kurz fasten kann. Seine Geschichte ist nach ihrem Umfang das größte Werk der Wiffenschaft vom Judentum, und wenngleich sie in kritisch-methodischer Beziehung nicht überall auf der Höhe steht, ist sie doch bis heute das am meisten gekannte und gelesene Werk auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiet geblieben. Denn keiner unserer großen Forscher hat so wie Grätz den Weg auch zum Herzen der Laien gefunden und dadurch einen unberechenbaren Einfluß auf die Stärkung des jüdischen Bewußtseins geübt. Von entscheidendem Einfluß wurde die Eröffnung des jüdischtheologischen Seminars in Breslau 1854. Mit Frankel als Direktor und mit Männern wie Grätz, Joel, Jakob Bernays als Dozenten stellte es das Beste dar, was unter den damaligen Verhältniffen geschaffen werden konnte. Es wurde für die nächsten zwei Jahrzehnte der Mittelpunkt der Forschung und hat eine Reihe bedeutender Jünger der Wiffenschaft ausgebildet, von denen die ältesten Güdemann und mein Vater waren. 1855 gründete Philippson das „Institut zur Förderung der jüdischen Literatur", das 18 Jahre hindurch neben belletristischen Veröffentlichungen auch eine Anzahl wissenschaftlicher Werke, darunter auch mehrere Bände von Grätz' Geschichte, HerauSgab und sich so um die Verbreitung unserer Wiffenschaft große Verdienste erwarb. Die Zahl der Mitarbeiter an der Wiffenschaft und die Zahl ihrer Leistungen ist seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in einem solchen Maße gewachsen, daß es nicht mehr möglich ist, im Rahmen eines Vortrags auch nur ihre hervorragendsten Vertreter zu würdigen. So seien hier nur drei besonders charakteristische Beispiele angeführt, die zugleich zeigen, wie viele Spezialgebiete schon damals die eine Wissenschaft vom Judentum in sich schloß. An erster Stelle ist hier Moritz Steinschneider zu nennen, der 1852— 60 seinen gewaltigen Katalog der hebräischen Drucke in' der Bodleianischen Bibliothek in Orford HerauSgab. Durch dieses Werk in Verbindung mit seinen Katalogen der hebräischen Handschriften in Leiden, München, Berlin und Hamburg ist er der Schöpfer der modernen hebräischen Bibliographie geworden, die einen der wichtigsten Zweige unserer Wiffenschaft ausmacht. Denn erst durch eine Inventarisierung der in den Bibliotheken aller Länder zerstreuten Literaturschätze wird ein Überblick über die Gesamtausgaben der Wiffenschaft möglich. Welche Fülle von Gelehrsamkeit, methodischer Arbeit und kritischem Scharfsinn in den genannten Katalogen und in den 21 Bänden seiner „Zeitschrift für hebräische Bibliographie" niedergelegt ist, kann der Laie gar nicht ahnen. Noch in hohem Alter krönte Steinschneider seine Leistungen durch das große, von der Pariser ^cndcmic des Inscriptions preisgekrönte Werk über die „Hebräischen Übersetzungen des Mittelalters".*) Mit einem geradezu erdrückenden Material zeigt er darin den Anteil der mittelalterlichen Juden an der wissenschaftlichen Arbeit aller Länder und erweist dadurch gleichzeitig den Wert der Bibliographie, die nicht nur Stoff sammelt, sondern auch der Wiffenschaft ganz neue Gebiete erschließt, durch neue Fragestellungen den Kreis der Forschung erweitert und so imstande ist, neue Aufgaben zu stellen und selbständig zu lösen. Das zweite bedeutsame Werk im gleichen Zeitraum ist Geigers 1857 erschienene „Urschrift",**) die den namhaftesten Beitrag zur ReligionSgeschichte und Bibelkritik von jüdischer Seite darftellt. Bezeichnenderweise blieb das Werk, das in tief eindringender Forschung aus der Geschichte des Bibeltertes und seiner Übersetzungen die ganze innere Entwicklung des Judentums zu rekon- *) XXXIV + 1077 S. Berlin 1893. **) Der vollständige Titel lautet: „Urschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums." VI 500 Seiten. Breslau 1857.

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