Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Article
- Die Behandlung des schwer erziehbaren jüdischen Kindes
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 3)
- Language
- German
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12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 geben die Pflege anschaulichen Gemeinschaftslebens, ferner die Unterstützung aller jüdischen Kultürbestrebungen, die Förderung und Vertiefung der Kenntnis der Vergangenheit. 2. Erziehungsschwierigkeit bedeutet eine Störung des Gleichgewichtes zwischen erzieherischen Einflüssen und Erziehungsbedürftigkeit. Die Ursachen dieser Störung zu erkennen, ist nur der heilpädagogisch Vorgebildete in der Lage. Daher ist es Aufgabe der jüdischen Gemeinschaften, die heilpädagogische Bildung zu organisieren und zu verbreiten. 3. Anwärter für heilpädagogische Vorbildung sind: jüdische Lehrer aller Art, Pflegesamilien, Leiter und Erzieher an Anstalten, Angehörige von Wohlfahrtsorganisationen, Helfer an Jugendämtern, Sozialbeamte u. dgl. Es ist dafür zu sorgen, daß dieser große Personenkreis ausreichend Gelegenheit und Beihilfe zur Fortbildung findet. 4. Die eigentliche heilpädagogische Arbeit bedarf der wissenschaftlichen Fundierung. Hierfür sind jüdische Zentral-Forschungsinstitu-. tionen zu schassen. 5. Mehr als irgendeine andere Gemeinschaft muß die jüdische an ihre Zukunft, an ihre Jugend denken. Sie beweise es durch die Tat! Zur Inventarisierung der jüdischen Srabinschritten in IZavern Von Dr. Michael Berolzheimer. In Nummer 15 (1925) des Notizblattes der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler (S. 411) gibt Erich Toeplitz unter der Überschrift „Jüdische Grabmalkunst" eine kurze Übersicht über die auf diesem Gebiet erschienene Literatur. Vergebens jucht man aber darunter eine Arbeit, die sich mit jüdischer Grabmalkunst in Bayern befaßt hätte. Und doch würde aller Wahrscheinlichkeit nach eine systematische Untersuchung der jüdischen Grabmäler auch in Bayern nicht ohne befriedigendes Ergebnis nach dieser Richtung hin sein. Und noch wichtiger wäre wohl eine solche Untersuchung etwa vom kultur-, wirtschafts-, staats- und familiengeschichtlichen Standpunkt aus. Und gerade auf diesem letzteren Gebiet werden Forschungen und deren Ergebnisse einem besonderen Interesse der bayerischen Juden begegnen. Heute ist das Wissen vieler Juden über ihre Herkunft beschränkt auf die Eltern und Großeltern; was darüber hinaus zurückgeht, ist vielfach legendär oder überhaupt nicht mehr im Bewußtsein der lebenden Generation vorhanden. Sicherlich werden sehr viele Juden gerne etwas und näheres erfahren wollen darüber, wer ihre Vorfahren waren, wie sie hießen, wann und wo sie lebten, wie ihr Familienkreis aussah, in welchen Beziehungen sie zur Mitwelt standen. Aus der Beantwortung solcher Fragen würde sich dann von selbst eine Zusammenfügung der Familienkreise entwickeln, welche je auf einen gemeinsamen Ahnen zurückgehend miteinander blutsverwandt sind, und es würde sich zeigen lassen, daß die Geschichte dieser einzelnen Familienkreise nichts anderes ist als ein Spiegelbild der g e s a m - t e n jüdischen Kultur-, Wirtschafts- und politischen Geschichte, nur daß bei Verfolgung der Geschichte der Familien die einzelnen Phänomene noch plastischer heroortreten, die einzelnen Tatsachen noch klarer erfaßbar sind, als bei der sich doch nur wieder aus der Geschichte der Familien zusammensetzenden Geschichte der Gesamtheit. Die Geschichte einer deutschen Judenfamilie ist uns Dank der ausgezeichneten Arbeit von Kaufmann-Freudenthal über die Familie G o m p e r z einigermaßen bekannt geworden. Wir sehen hier, wie sehr manchesmal die deutsche, ja die europäische Geschichte durch die Leistung einzelner Juden beeinflußt wurde. Möge dieses Buch auch andere aneifern, sich auf dem gleichen Gebiete wissenschaftlich zu betätigen! Hierzu bedarf es allerdings einer sorgfältigen Darbietung des vorhandenen Urkundenmaterials, vor allem der Grabinschriften. Da ist aber in Bayern bisher nur Fragmentarisches geleistet worden. Es sollten nicht etwa nur einzelne zunächst besonders interessant erscheinende Grabinschriften herausgegriffen, sondern es sollten die sämtlichen alten bayerischen Judenfriedhöfe nach sämtlichen Grabinschriften, natürlich einschließlich der nur teilweise erhaltenen und der ganz oder teilweise ins Erdreich eingesunkenen Monumente, durchsucht und wenigstens teilweise photographiert werden; die sämtlichen Inschriften aber sollten nicht nur inventarisiert, sondern auch wissenschaftlich durchforscht werden. Solche Arbeiten könnten dann im Auftrag des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden veröffentlicht werden. Freilich müßten sich Gelehrte finden, welche die für solche Arbeiten erforderliche Befähigung und Liebe zur Sache haben. Üm ihnen ihr Werk zu erleichtern, wäre es vielleicht angebracht, Preise für je eine bestimmte Aufgabe auszuschreiben. So könnten dann am Ende wissenschaftliche Ergebnisse erzielt werden, die dem mustergültigen Vorbild, dem Werk von Bernhard Wachstein über die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, sich würdig an die Seite stellen lassen. Selbstverständlich werden bei diesen Arbeiten auch Urkunden jeder anderen Art als Hilfsmittel herbeigezogen werden müssen, so zum Beispiel Memorbücher und die Archive israelitischer Gemeinden. Oder die noch nicht eingestampften Nachlaßakten von Amtsgerichten. Oder sonstige bewegliche Sachen. Oder Gebäude, und zwar auch profane, wie etwa das alte Wertheimerhaus in Bayreuth, in dessen Hof die Synagoge eingebaut ist, oder das vom kaiserlichen Oberhoffaktor Simson Wertheimer 1718—1719 an der Marktgasse zu Marktbreit erbaute Kaufhaus. Natürlich kostet die Ausnahme der Grabinschriften und die Herstellung eines wissenschaftlichen Katalogs der alten bayerischen Judengrabmäler nicht nur viele Mühe, sondern auch Geld. Es ist der Vorschlag gemacht worden, wegen der Aufbringung der nötigen Geldmittel an die Nachkommenschaft der einzelnen Begrabenen zu appellieren; und in der Tat unterliegt es keinem Zweifel, daß jedermann es als Ehrenpflicht erachten wird, für die Arbeit zur Erinnerung an seine Ahnen einen Geldbeitrag zu leisten. Der Rat des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden hat die Sache jetzt in die Hand genommen, und so ist auch gewiß, daß sie gut durchgeführt wird. vie Staatssubvention kür leistungsschwache Svnagogengemeinden bewilligt Folgenden Bericht entnehmen wir der „Jüdisch-liberalen-Zeitung": Der Preußische Landtag beschäftigte sich in seiner Sitzung vom 15. Dezember anläßlich der dritten Beratung des Haushalts des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, für das Rechnungsjahr 1925, mit nachstehendem, von der Deutschen Volkspartei, der Deutschen Demokratischen Partei, dem Zentrum und der Wirtschaftlichen Vereinigung Unterzeichneten Antrag: Der Landtag wolle beschließen: 1. In Kapitel 118 der dauernden Ausgaben hinter Titel 47 folgenden neuen Titel 47a einzufügen: Zu Beihilfen an leistungsschwache Synagogengemeinden behufs Erfüllung ihrer Verpflichtungen zur Sorge für den Religionsunterricht Mk. 250 000.—. 2. Hinter Kapitel 123 der dauernden Ausgaben folgendes neue Kapitel einzufügen. Kapitel 123a: Die widerruflichen Bedürsniszuschüsse an Synagogengemeinden zur Besoldung ihrer Rabbiner und der Ruhestandsrabbiner und der Hinterbliebenen ihrer Rabbiner Mk. 200 000.—. Der Antrag wurde mit den Stimmen der Antragsteller und der Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Kommunisten und eines Teiles der Rechten angenommen. Bei der Abstimmung siel besonders auf, daß ein großer Teil der deutschnationalen Abgeordneten für die Annahme der Subvention stimmte. Es verlautet, daß in der deutschnationalen Fraktion ein Beschluß gefaßt worden ist, der den Abgeordneten die Abstimmung sreigab. Die Kommunisten machten fortgesetzt Zwischenrufe: Für die Judenpfaffen! Der oben mitgeteilte Beschluß bildet den Schlußstein hinter einer recht wechselvollen Entwicklung.