Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Article
- Die Behandlung des schwer erziehbaren jüdischen Kindes
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 1)
- Language
- German
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10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Die Vehanolung des schwer erziehbaren jüdischen Kindes* Von Dr. med. el phil. W. E l i a s b e r g. Wenn in der Überschrift die Schmererziehbarkeit des jüdischen Kindes herausgehoben wird, so ist damit gesagt, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft, nämlich der jüdischen, besondere Bedingungen für die Erziehung schafft. In jeder Gemeinschaft bestehen zwischen dem Ganzen und dem Einzelnen Wechselwirkungen: der einzelne braucht die Gemeinschaft, um zu einer entwickelten Individualität zu werden; er wird es nur in ihr und durch sie; aber die Gemeinschaft braucht nicht weniger den einzelnen und namentlich das Kind und den Jugendlichen, denn in ihnen verkörpert sich das Selbstbewußtsein und der Selbsterhaltungswille der Gemeinschaft. Daß es so etwas wie eine jüdische Gemeinschaft gibt, wird auch der nicht bestreiten, dem sich die Zerrissenheit in Fraktionen aller Art aufdrängt. Assimilantentum, Orthodoxie, bürgerliche und sozialistische jüdische Vereinigungen, zionistische Parteien und bodenständige Parteien des Golus haben mehr, als sie selbst oft bemerken, ihre gemeinsamen Beziehungspunkte gerade in einer die Gegensätze vereinigenden jüdischen Gemeinschaft. Es braucht an dieser Stelle nicht erörtert zu werden, ob rassisch-biologische, oder historisch-kulturelle Momente für eine kausale Betrachtungsweise der eigentliche Träger der Gemeinschaft sind. Uns interessiert ja nur die historischkulturelle Realität, von der die Erziehungswirkungen ausgehen, die das Kind zum „jüdischen" Kind zeichnen. Die Erziehungsschwierigkeiten nun des jüdischen Kindes sind durchaus nicht nur und vorwiegend in seiner biologischen Anlage, sondern auch zu einem erheblichen Teile gerade im Wesen des jüdischen Milieus, wie es jetzt ist, zu suchen. Wir sind heute, stark beschäftigt mit dem Studium der abwegigen Individualität, geneigt, diesen Gesichtspunkt zurücktreten zu lassen. Zu Unrecht! Die moderne Willens- und Erziehungsforschung beginnt sich wieder darauf zu besinnen, daß es keine stärkeren pädagogischen Wirkungen gibt als diejenigen, die in einer Weltanschauung ihren Grund haben. Das hat neuerdings Lindworsky auf Grund einer Übersicht der experimentellen Untersuchungen des Willens dargetan. Willenskraft, die Fähigkeit, Motive für das Handeln bestimmend werden zu lassen, ist nicht eine mystische Fähigkeit für sich, sondern sie beruht auf assoziativen Verkettungen der Motive, und es gibt keine stärkere Motivverkettung als die im Rahmen einer Weltanschauung. Die Taufbewegung aber, die hinter uns liegt, war nicht nur, wie es für gewöhnlich aufgefaßt wird, eine Summe individueller Vorkommnisse, sondern sie war der Ausdruck einer Schwäche der Gesamtheit und ihres Willens, und es ist kein Wunder, daß von ihr nur schwache erzieherische Wirkungen ausgegangen sind. Dazu kommt noch ein weiteres: Gemeinschaften, die von Schicksalsschlägen verfolgt werden, pflegen zu erstarken, innerlich reicher zu werden, wenn sie nämlich nicht im Moment der Selbstauslösung betroffen werden. Jene Katastrophen aber, die etwa seit dem Beginn der achtziger Jahre in unaufhörlicher Folge die jüdische Gemeinschaft betroffen haben, die Wellen von Antisemitismus, und die Abgründe der Pogrome hätten beinahe auch noch den letzten Rest jüdischer Gemeinschaft zerstört, denn diese Gemeinschaft hatte schon fast jedes historische Bewußtsein und damit auch die Fähigkeit, Märtyrer zu haben und zu verehren, verloren. Von all dem Grauen, das sie durchlebt hatte, wäre ihr nichts zurückgeblieben, als ein Haufen von Gräbern und eine Schar von Psychopathen. Vor diesem furchtbarsten Schicksal, das die Menschen trifft, wenn ihre Gemeinschaft auf die Stufe des Herdenbewußtseins hinabgesunken ist, sind wir bewahrt geblieben. Seien wir uns dessen besonders bewußt, wir, die wir jetzt erwachsen sind, wir, die wir r erziehen sollen, wenn vom erziehungsschwierigen Kinde die Rede ist! Was ist Erziehungsschwierigkeit? Wenn wir jede Hypothese beiseite lassen und nur den Tatbestand ins Auge fassen wollen, der sichtbar zu Tage liegt, so ist es eine Gleichgewichtsstörung. Jene Einflüsse, die im Durchschnitt der Fälle die Erziehung gewährleisten, scheinen hier zu versagen. Wenn wir an unsere Ausführungen über das jüdische Milieu denken, so ergibt sich daraus die Forderung, in jedem Fall, wo ein jüdisches Kind Erziehungsschwierigkeiten bereitet, zu prüfen, ob die erzieherlichen Einflüsse seines Milieus ausreichend sind. Von dieser Verpflichtung sind wir niemals entbunden, auch dann nicht, wenn die individuellen Ursachen, * Gekürzte Wiedergabe eines an anderer Stelle im Druck befindlichen Aufsatzes. die in der Beschaffenheit des Kindes liegenden Momente, sich aufdrängen. Sicherlich individuell zu verstehen sind diejenigen Fälle, in denen die Erziehungsschwierigkeit oder eigentliche Unerziehbarkeit nur der Ausdruck einer echten Geisteskrankheit ist. Solche Geisteskrankheiten des Kindes, z. B. neuerdings die Folgezustände nach der endemischen Gehirnhautentzündung (encephalilis), machen das Kind unerziehbar, weil sie die Möglichkeit des Hineinwachsens in geistige Zusammenhänge ausheben. Die Aufgabe des Erziehers ihnen gegenüber besteht eigentlich nur darin, sie aus der Erziehung zu eliminieren, um die Störung und Gefährdung anderer Kinder zu vermeiden und kostbare Kraft zu sparen. Praktisch kommt es darauf an, die Wahrscheinlichkeit zu schaffen, daß ein solches Kind rechtzeitig auf jemand stößt, der in der Lage ist, Geisteskrankheit wenigstens zu vermuten. Wir werden im weiteren Verlauf unserer Erfahrungen noch sehen, wie wichtig es für die jüdische Gemeinschaft ist, solche „Beobachtungsposten" in der Erziehung zu schaffen. Wir können uns daher hier mit dieser Andeutung begnügen. Die Unzulänglichkeit der erzieherischen Einflüsse kann zu ganz verschiedenen Lebensabschnitten des Kindes hervortreten und demgemäß durchaus verschiedene Maßnahmen erforderlich machen. Typen sind: das Waisenkind, das Kind aus unvollständiger Familie, das Stiefkind, das uneheliche Kind, der Lehrling ohne Stütze in den Stürmen der Pubertät, das Kind, dessen Familie zu irgendeiner Zeit von Rot, Verarmung, Todesfällen, Pogromen, Krankheiten usw. betroffen wird, um nur einige zu nennen. Ist einmal das Gleichgewicht im Sinne der Erziehungsschwierigkeit gestört, so pflegen die Folgen manifest zu werden und das soziale Interesse auf sich zu lenken, in der Erscheinung der Verwahrlosung. Verwahrlosung ist kein psychiatrischer Begriff, sondern ein rein sozialer. Hildegard v. Heimann definiert die Verwahrlosung so: „Verwahrlosung ist Wahrlosigkeit, Unbeachtetsein, ist ein Zustand, in dem jemand eigener Schwäche überlassen, ohne soziale Hilfe und Stütze, eigenen und fremden verderblichen Einflüssen preisgegeben ist." Äußere Einflüsse werden das in vielen Fällen erklären, innere Anlagen.... oft als Bedingungen erkennbar sein, aber daß diese Faktoren sich so verhängnisvoll auswirken, beruht auf einem Mangel an Erziehung. Der Mensch verwahrlost, wenn und soweit er nicht (oder falsch) erzogen ist." Aber es ist durchaus nicht nur die Verwahrlosung, die erzieherische Ersatzeinflüsse notwendig macht. So kann in der frühen Kindheit von Verwahrlosung eigentlich noch nicht die Rede sein, und trotzdem können schon schwere Unzulänglichkeiten der erziehe-, rischen Milieus vorliegen. Beginnen wir mit dem jüdischen, unehelichen Kind! Seine Erziehungserwartung — wenn dieser Ausdruck in Analogie zur Lebenserwartung verstanden werden soll — ist etwa die gleiche wie die des christlichen, unehelichen Kindes. Othmar Spann hat darüber eine eingehende Untersuchung angestellt. Für das uneheliche Kind ist es am günstigsten, wenn es bei der großväterlichen Familie untergebracht wird; ungünstiger ist die Stiefvaterfamilie, noch ungünstiger, wenn die Verheiratung der Mutter mit einem anderen Manne den Pflegewechsel nicht zur Ruhe bringt. Je öfter Erziehungswechsel stattfindet, und in je höherem Alter er noch eintritt, um so verwahrlosender wirkt er. Das ungünstigste Erziehungsorgan hinsichtlich der Verwahrlosung, die dann meist im schulpflichtigen Alter eintritt, ist die alleinstehende (wirtschaftlich ja ganz unzulängliche) Mutter, sei sie nun die unmittelbare Erzieherin des Kindes oder nur die mittelbare Leiterin, indem sie das Kind in' fremden Pflegestellen unterbringt." Diese Tatsachen gelten ohne weiteres auch für das jüdische Kind. Die Wohlfahrtsorganisationen haben daher anzustreben, daß das Kind in der großväterlichen Familie bleiben kann. Hierfür event. einen gewissen Beitrag zu leisten ist wirtschaftlich durchaus gerecht fertigt, wenn man die Kosten bedenkt, die durch die spätere Ver- .wahrlosung den Gemeinden zu entstehen pflegen. Findet die Unterbringung frühzeitig statt, so braucht es zu erzieherischen Schwierigkeiten überhaupt nicht zu kommen. Die Bestellung eines Berufsvormundes, wo sie notwendig fein sollte, ist gesetzlich geregelt und gehört nicht zu den besonderen Aufgaben jüdischer Organisationen. Für Waisen und Halbwaisen gilt das eben Dargelegte sinngemäß, doch wird bei ihnen wie bei den unehelichen Kindern die