Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Article
- Episoden aus der Geschichte der Juden in Bayern
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 3)
- Language
- German
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8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 So erging es auch dem seit 1794 in Sulzbürg wirkenden Rabbiner Rüben Weil, einem trefflichen Thoragelehrten alten Stiles. Die Beschwerde, die an die oberpfälzische Regierung ging, hatte einen ganz originellen Erfolg. Die Regierung beauftragte einen Sulzbürger Pfarrer (!), sich durch Besuch der Synagoge Aufschluß über Weils Kanzelberedsamkeit zu verschaffen (1855). Vas jüdische Lied Von Heinrich Lamm, München. Die Untersuchungen aller derer, die sich mit jüdischer Volksmusik, d. h. mit den in irgend einem Teile des jüdischen Volkes lebendigen musikalischen Werken beschäftigen, lausen darauf hinaus, die ursprüngliche jüdische Musik, das ist die Musik, die zur Zeit des jüdischen Staates lebendig war, zu rekonstruieren. Mit anderen Worten: Es soll durch musikvergleichende Studien das Gemeinsame der Musik der deutschen, der polnischen, der afrikanischen, der spanischen, der palästinensischen und aller anderen Juden der Welt herausgearbeitet werden. Dieses Gemeinsame wäre dann als ursprünglich jüdische Volksmusik anzusprechen. Doch wissen wir, selbst wenn wir alle Zweige der Musik, in denen sich diese alte Musik ausgewirkt haben könnte (das sind natürlich die verschiedenen Volksweisen, dann der Gregorianische Kirchengesang, ferner vielleicht arabische Melodien usw.), betrachten, noch lange nicht, was eigentlich als altjüdisch anzusprechen wäre. Wir wollen nun bei der Gegenwart bleiben. — Während der Begriff „Deutsche Volksmusiksorschung" ungefähr mit „Deutsche Volksliedkunde" gleichzusetzen ist, beschäftigt sich die jüdische Volksmusikkunde mit zwei Gebieten. Mit dem sogen. nu*“ und mit dem Volksliede. Die Grenze zwischen beiden ist, wenigstens was die älteste Fassung des rütn anbelangt, ungefähr dadurch gegeben, daß man sagt, das nu'n kennt keinen festen Takt. Die jüdische vergleichende Musiksorschung muß sich bei ihren Untersuchungen in erster Linie an das nu*n halten. Denn das ist viel weniger stark dem Zeitgeschmack unterworfen, als das Lied. Wenngleich also das jüdische Lied für die wissenschaftliche Kritik wenig Wert besitzt, so bietet die Beschäftigung damit für den suchenden Musiker doch große Reize. Das jüdische Volkslied ist oft in höchstem Grade fesselnd, sei es durch eine interessante musikalische Eigenschaft, sei es rein durch künstlerische Vollendung, durch Schönheit schlechtweg. Die oben erwähnte Beeinflussung des jüdischen Liedes durch die Musik ihrer Umgebung geht soweit, daß man, besonders wenn man diejenige jüdische Musik, die uns nahesteht, die deutsche, betrachtet, wohl sagen kann, außer dem Text und denen, die es singen, ist an dieser oder jener Weise gar nichts, was typisch jüdisch wäre. Als Beleg hiefür bringe ich aus einem uVrx "ns , einem Tischlied für Freitag abend, folgende Stelle: Ha^son es o Io=mo ro e=nu o - wi^nu Diese Weise finden wir im Zupfgeigenhansel, der bekannten deutschen Volksliedersammlung, auf Seite 192 mit dem Texte: „Was helfen mir tausend Dukaten, wenn sie versoffen sind?" ziemlich unverändert. Weiterhin (wohl im Zusammenhang damit) in I. S. Bachs Bauernkantate als Bassarie: „Es nehme zehntausend Dukaten / der Kammerherr alle Tag ein!", allerdings etwas umgestaltet und schließlich, wie der Bach-Biograph Spitta feststellt, als Weise zu einem altsranzösischen Jagdlied: „?our aller a la chasse / fallt etre mätineux." — Bei einigem Fleiß findet man sicher noch mehr solche interessanten Parallelen. Sehr reizvoll, doch weniger mühsam ist es, die jüdischen Liedweisen rein stilkritisch auf Ursprungsort und -zeit zu untersuchen. Ich besitze in meiner Sammlung eine Weise zu dem Texte c?y “21 7!' , die ich als ganz ausgeprägten Vertreter einer bestimmten Stilart betrachte. Ich glaube, daß diese Weise deutschen Ursprungs und vielleicht in der Mitte des 18. Jahrhunderts in das „jüdische" Musikgut übernommen worden ist. Man höre nur ihren Anfang fob ribbon o-lam we=ol ma - jo ant hu mal=ko melech malcha^jo und den Beginn des Kehrreims: Joh ribbon o lamwe ol=ma=jo ant hu mal - ko melech malchajo Meint man nicht einen Varockfürsten mit seiner Hofkapelle einherschreiten zu sehen? Oder folgenden Ti* : f Zur, zur, zur, zur mische^lo, misdbe-lo o - &al=nu Melodisch stellt sich die Weise durchaus neben deutsche Volkslieder. Daß sie im Aufbau etwas davon abweicht, erklärt sich aus dem Bau der Textstrophe, vielleicht aus einer gewissen Beeinflussung durch slavische Weisen und am ehesten dadurch, daß wir annehmen, daß die Weise nicht zu diesem Text gedacht, sondern von irgend einem deutschen Lied übernommen ist. Hiefür spricht die Tatsache, daß das erste Wort viermal gesungen wird. Bei ursprünglich auf den Text komponierten Melodien ist das fast nie der Fall. (Ich erinnere daran, daß Bach, der eine seiner Kantaten, nämlich „Ich hatte viel Bekümmernis", auch mit einer