Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 11-12 (3.12.1925)
- Article
- Das älteste Palästina
- Date
- 1925-12-03
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11/12 Nur noch ganz kurz sei erwähnt, daß Moriah beinahe noch zum Zentrum einer dritten Weltreligion, des Islam, geworden wäre, daß seine Kämpfe mit den Kreuzfahrern um Jerusalem jahrhundertelang politisch und kulturell den Okzident beeinflußten. Wem es nicht einleuchtet, daß wir hier vor dem „Heiligen Fels", unter der Omarmoschee, vor dem Symbol einer der merkwürdigsten, folgenschwersten Erscheinungen der ganzen Menschheitsgeschichte überhaupt stehen, der hat eben keinen Sinn und kein Interesse für das Werden und die Entwicklung der Völker, ebenso wie der erhabensten Gedanken, welche die Menschheit heroorgebracht hat! Mir scheint nun, daß dieses Problem vielleicht auf folgende Art am besten zu erklären ist, wobei ich allerdings von der Annahme ausgehe, die mit der heutigen allgemeinen Ansicht nicht ganz im Einklang steht, nämlich, daß der ägyptische Einfluß auf Palästina in der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v. Ehr. stärker war, als man glaubt! Wenn man dort auch in babylonischer Schrift abgefaßte Tontafeln, im gleichen Stil hergestellte Statuetten usw. gefunden hat, so darf man doch nicht vergessen, daß in der Zeit von ca. 1500—1100 v. Ehr. Palästina ägyptische Provinz war, und die es beherrschende Macht das untertänige Land, (bald stärker, bald schwächer, je nach der politischen Lage) natürlich in erster Linie mit seiner Kultur befruchtete! Nur so lassen sich die „megalithischen Felsbauten", im Kidrontal, die auch zu unserm Thema gehören, erklären. (Die sogenannten Absalom-Chesir- und Zacharias-Gräber, sowie der Monolith von Siloah, wozu dann vielleicht noch die Königsgräber zu rechnen sind.) Man nimmt allgemein an, diese „Bauten" wären erst in hellenistischer Zeit, ca. um 300 v. Ehr. entstanden, weil einige, kleine, dürftige, und „verspielte" Ornamente an ihnen aus dieser Zeit stammen. Dabei hat man aber ihren „Gesamtcharakter" nicht genügend berücksichtigt. Das Zachariasgrab und der Monolith von Siloah könnten genau so im Niltal stehen, und ebenso das Chesirgrab bei Beni-Hasian. (Abgesehen von den Ornamenten.) Ich habe außerdem gefunden, daß sich im Innern des Absalom- und Chesir-Grabes mindestens 3 Perioden der Bearbeitung Nachweisen lassen. Auch das ist wichtig, denn man fragt sich: Wie kommen Juden im 4. Jahrhundert, als das Volk ganz verarmt war, dazu, sich so kostbare Monumente errichten zu lassen, warum wurden letztere dann nicht ganz in den damals allgemein herrschenden,, hellenistischen Geschmack ausgeführt, sondern im großen, ganzen rein ägyptisch gestaltet und nur mit ein paar Ornamenten im Zeitgeschmack verziert? Noch eine Reihe anderer Details wäre zu nennen, deren Aufzählung hier aber zu weit führen würde. Wir werden aber gleich sehen, wie sich die rein ägyptische „Hauptform" der Gräber, und die recht flüchtigen hellenistischen Ornamente zwanglos durch meine Theorie erklären lassen. — Die aber ist folgende: Soweit man das heute noch am „Heiligen Fels" sehen kann, ist er in ältester, kanaanitischer Zeit, vor der Einwanderung der Juden, mindestens schon in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends, ein typisch-kanaanitischer Kultort, mit Schalen, Rinnen, und vor allem einer Grotte unter ihm, (die durch ein Loch in ihrer Decke mit der Oberfläche des Felsens in Verbindung stand) gewesen, wie derarttge Anlagen noch an verschiedenen anderen Orten gefunden worden sind. Auch der untere, südliche Teil des Felsens in der Jebusiterfestung ist mit sicher sakralen Bearbeitungen des Felsens bedeckt, man mußte diese Veste auf dem zur Umgebung relativ niedrigen Bergrücken von Ophel anlegen, (der Berg des Ärgernisses hätte sich in militärischer Hinsicht viel besser dazu geeignet), weil man mit der Quelle Siloah rechnen mußte, deren Verbindung mit der Burg durch unterirdische Gänge festgestellt ist. Den Heiligen Fels mit in die Befestigung einzuschließen, war beim Stande der damaligen Fortifikations-Technik unmöglich, aber die dort beschäftigten Priester konnten sich im Fall der Gefahr wenigstens schnell nach Ophel flüchten. So können wir also annehmen, daß Ophel in jener ältesten Zeit eine Art „heiliger Berg" war, wie z. B. auch das antike Bogaskeuj, und wie ich das bei der „Midas-Stadt", und bei Inn-Bazar, bei Bajad in Phrygien fand. Möglicherweise standen in Ophel noch Idole, oder vielmehr Maheben, sind also die rätselhaften 4 Einarbeitungen dort ehemalige Standorte solcher, wieder wie bei Bogaskeuj. Solche Gottheiten aber schützten das Land, und dafür mußte man sie auch schützen, Volk und Land vor ihrem Verlust bei feindlichen Einfällen bewahren. Dies angenommen wäre die Burg Ophel eine Veste zu ihrem Schutz gewesen. Daraus würde es sich dann wieder erklären, warum gerade hier um 1400 der Statthalter des Pharo seine Residenz aufschlägt, denn er hätte mindestens ebenso sicher und bequem an einem anderen Ort leben können. Aber nach antiker, orientalischer Anschauung war nur der Herr eines Landes, welcher auch im Besitz der Götter und Heiligtümer desselben war. Darum sahen, wie durch die Amarna-Briefe erwiesen ist, die ägyptischen Statthalter gerade hier! Ebenso erklären sich nun auch die ägyptischen Grundformen der Grabbauten im Kidrontal: Die Vertreter des Herrschers im Niltal ließen sie nach der „Mode" ihres Heimatlandes für sich erbauen! Und wenn auch einer derselben kein Ägypter war, wie es z. B. der in den Amarna-Briefen erwähnte Putichepa schon durch seinen Namen beweist, so tat er es erst recht, um dadurch seinem Gebieter zu schmeicheln! Diese Beamten, die ohne jede Beschränkung über hunderte und mehr von Arbeitern verfügten, hatten es leicht, so große, für sie allerdings nicht kostspielige Bauten errichten zu lassen, nicht aber die verarmten Juden der Hellenistischen Zeit! Diese konnten gut die seit langer Zeit leerstehenden Gräber wieder benützen, und durch ein paar Ornamente „verschönen", quasi „modernisieren" lassen; (was in diesen Fällen technisch sehr gut möglich war), nicht aber sie selber errichten. — Daher auch die verschiedenen Spuren der bereits erwähnten Jnnenbearbeitungen, die nun gleichfalls ohne Zwang zu erklären sind. Wären diese Gräber, resp. ihre Wiederbenützung, ein Unikum, so könnte man schließlich noch zweifeln, aber es gibt eine große Zahl analoger Fälle, so daß man getrost den Satz aufstellen kann: weder äußerer, leicht anzubringender, ornamentaler Schmuck, noch die Beigaben der Leichen, sind für komplizierte und vor Verletzung nicht absolut geschützte Grabaniagen, und für die Bestimmung des Alters derselben maßgebend, sondern vor allem der „Gesamtcharakter". Wenn man alte „Grundformen" mit späterem, leicht anzubringendem Schmuck, oder aber in ihnen spätere Beigaben findet, so beweist beides nur, daß die ursprüngliche, alte Anlage, in der durch die erwähnten sekundären Ornamente usw. zu bestimmenden Zeit nur.wieder benutzt worden ist. Nun nach dieser archäologischen und notwendigen, kleinen Abschweifung wieder zu unserer Hauptsache und Frage: warum