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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-11-06 · 10 (6.11.1925) · p. Seite 197

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
10 (6.11.1925)
Article
Jüdische Jugendfürsorge
Date
1925-11-06
Page
Seite 197 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 197 Meiner verehrten Vorgängerin in der Jugendfürsorge ist es zwar gelungen, in der Zeit der Pfalzausweisungen in Kurzem 300 pfälzische Judenkinder aus dem Land unterzubringen und sie hat sich dadurch den besonderen Dank der Behörden verdient und diesen Dank. nachträglich an die Landgemeinden weiterzuleiten bin ich von ihr beauftragt. Aber bei der Unterbringung ostjüdischer Kinder kommt man uns leider nicht so warm entgegen. Unverständlicher noch ist allerdings der, wenn auch nicht laut ausgesprochene Grundsatz, keine jüdischen Angestellten zu beschäftigen. Hier möchte ich an Sie alle ohne Ausnahme die Aufforderung ergehen lassen, sich doch bei Bedarf irgendwelcher Hilfskräfte an die jüdischen Wohlfahrtsämter zu wenden. Die Stellenvermittlung liegt uns gerade für unsere Jugendlichen ganz besonders am Herzen; denn in müßiger Weile schafft der böse Geist. Noch schauen wir es als besonderes Verdienst einzelner jüdisch-sozial eingestellter-Menschen an, sich um unsere Lehrjungen und die andern Stellenlosen zu bekümmern und in ihr Haus, ihre Fabriken, Werkstätten und Geschäfte aufzunehmen. Aber es sollte eigentlich mehr und mehr eine Selbstverständlichkeit werden, unsere Kräfte sich bewerben und bewähren zu lassen. Den Leistungen nach haben wir wie alle Sammelstellen Berufsuchender alle Stufen vertreten. Es versteht sich aber von selbst, daß wir die Geschäfte nicht mit schlechten Kräften betrügen. Dennoch möchte ich auch einzelne mindertaugliche Kräfte der Obhut einzelner zur Erziehung des. Befähigter anempfehlen. Scheint es doch der größte Erfolg, wenn sie zu Menschen werden, „die dem Schicksal gewachsen sind." Auch ihnen gebührt ein Platz im Getriebe der Welt, den sie sicherlich ausfüllen können, wenn sie dazu vorbereitet werden. Von Ben Asai ist uns ein Spruch überliefert, der am besten ausdrückt, was ich Ihnen noch einmal ans Herz legen möchte: „Halte keinen Menschen zu gering und weise kein Ding als unmöglich ab; denn es gibt keinen Menschen, der nicht seine Stunde hätte und kein Ding, das nicht seine Stelle fände." Aus der Gemeinde. Trauerfeier für Sigmund Frankel. Am 27. Oktober 1925 fand im Sitzungssaals der Gemeindevertretung die Trauerfeier für Sigmund Fränkel statt. Die Mitglieder der Gemeindevertretung und des Vorstandes und die Beamten der Gemeinde waren erschienen. Erschienen waren auch die zu dieser Feier geladenen Angehörigen des Dahingeschiedenen. Der Vorsitzende der Gemeindevertretung Dr. Oestreich leitete mit schlichten Worten die Feier ein und brachte den Angehörigen und dem Vorstande das Beileid des Kollegiums zum Ausdruck. Zum ersten Mal sei heute der Platz verwaist, an dem Sigmund Fränkel jahrzehntelang, getragen von der Tradition einer edlen Familie, gewirkt habe. Durch seine von edelster Überzeugung getragene Tätigkeit für Orthodoxie und Gesamtgemeinde, durch sein mannhaftes Auftreten in der Öffentlichkeit fühle sich jeder und möge er der Gemeinde sonst noch so fern stehen, im Andenken an ihn mit der Gemeinschaft verbunden. Als der treueste und mutigste Kämpfer habe sich der Verblichene den besonderen Dank der Gemeinde verdient. Nachdem sich die Versammlung zu Ehren des Dahingeschiedenen von den Sitzen erhoben hatte, ergriff Dr. Elias Straus das Wort, um in längerer Rede das Leben und Wirken Sigmund Frankels zu zeichnen. Anschließend an ihn sprach Justizrat Dr. Fränkel einige durch Verhaltenheit und Ernst besonders tiefergreifenden Worte zum Gedächtnis seines Bruders. Nicht Dank für diese würdige Kundgebung sei das richtige Wort für das, was er zum Ausdruck bringen wolle. Teilnehmer sei die Familie des Dahingeschiedenen an dem großen Schmerze, den die Gemeinde anläßlich dieses furchtbaren Verlustes empfinde. Es sei ein tief ergreifender Zug, daß Sigmund Fränkel, als er sein Ende herannahen fühlte, nicht etwa geistlichen Zuspruch verlangte, denn im Verhältnis zu seinem Gott brauchte er keinen Mittler —, sondern sich an den Repräsentanten der Gemeinde wandte, um durch ihn zur Gemeinde zu sprechen, der er die Erhaltung ihrer Einheit und die Verteidigung des im gegenwärtigen Momente bedrohten Schechitawesens nahelegte. Am nächsten Sabbath lese man die Geschichte, wie Abraham und Loth sich getrennt haben und wo es heiße: „Wir sind doch Brüder." Über die besonderen Interessen habe der Dahingeschiedene die allgemeinen jüdischen Interessen gestellt. — Noch eines wolle er erwähnen, was ein anderer vielleicht nicht so zu sagen in der Lage sei. Aber es sei das Erhebende an diesem Trauerfall, daß man die ganze Wahrheit sagen dürfe. Vielleicht habe sich mancher durch das oft hervortretende Selbstgefühl seines Bruders verletzt gefühlt. Aber dieses gesteigerte Selbstgefühl sei das Poussierende und Moussierende seines Wesens gewesen, das ihn von Erfolg zu Erfolg führte, nicht für materielle Dinge, sondern für ideelle hauptsächlich und in erster Linie für jüdische Dinge. Dieses gesteigerte Selbstgefühl habe auch einer biblischen Persönlichkeit innegewohnt. Hiob habe in der Stunde des tiefsten Elends sich selbst einen Nachruf gehalten: „ Wenn ich redete, hielten andere mit den Worten inne; wessen Ohr mich hörte, der pries mich glücklich; wessen Auge mich sah, der rühmte mich; denn ich rettete den flehenden Armen und war Beistand des Hilfsbedürftigen. Ich war der Waisen Trost und riß das Herz der Witwe aus ihrem Schmerz, daß sie aufjauchzte. Das Auge war ich dem Blinden und der Fuß dem Lahmen. Wo einer meinen Rat hörte, hoffte er und harrte er. Wenn ich eine Gesellschaft aufsuchte, so setzte man mich zu oberst. Ich war ein Ragender unter der Schar. Und das mag die Trauernden trösten." Dieses Bild, das ein anderer gezeichnet und das er für seinen Bruder nachzeichne, möge die Gemeinde und die Familie trösten. Er schließe mit der freudigen Genugtuung, daß es ihm vergönnt sei, in dieser Gemeinde und für diese Gemeinde, in der sein dahingeschiedener Bruder und seine Vorfahren gewirkt hätten, zu arbeiten. Mit einem Schlußwort Dr. Oestreichs und dem Gelöbnis im Sinne des Verstorbenen weiterzuschaffen, schloß die Feier. VIl. Sitzung der Gemeindeverlrelung, vom 27. Oktober 1925. Anwesend: Dr. Oestreich als Vorsitzender, ferner IR. Dr. Feuchtwanger, Apfel, Bacharach, Sanitätsrat Dr. Baron, Bloch, Geh. IR. Dr. Dispeker, Frau Ellinger, IR. Dr. Fraenkel, IR. Dr. Heilbronner, Dr. Gutmann, Lichtenauer, Dr. Löwenthal, Lustig, Picard, Popper, Frau Reinemann, Rosenthaler, Rothschild, Dr. Siegel, Frau Stark, IR. Dr. A. Strauß, Dr. Wilmersdörffer. Vom Vorstand: Olgr. Dr. Neumeyer als Vorsitzender, ferner Geh. IR. Prof. Dr. Frankenburger, Dr. Elias Straus, Landauer, Lang, Dr. Perlmutter, Selinqer, Dr. Wassermann, Weil. Der Gemeinderabbiner Dr. Baerwald. Protokollführer: Syndikus RA. Flaschner. Auf Antrag Weil und Genossen wird seitens der Gemeindevertretung dem Beschluß des Vorstands beigetreten, nach welchem die Kosten für die Beerdigung des Vorstandsmitgliedes Kommerzienrats Sigmund Fraenkel ehrenhalber auf die Gemeindekasse übernommen werden. Dem Verein „Ohel Jakob" wird für die Vertretung der noch unbesetzten Kantoren- und Lehrerstelle eine monatliche Mithilfe von M. 250.— bis Ende 1925 gewährt. Auf Antrag Frankenburger wird festgestellt, daß das auf den Namen der Kultusgemeinde im Grundbuch eingetragene Anwesen, Kaulbachstraße 65, Eigentum der staatlich genehmigten Stiftung „Israelitisches Pensionat" ist. Die Umschreibung auf die Stiftung unterbleibt zur Ersparung der Kosten. Die Gemeinde wird das Anwesen als Treuhänderin des Pensionats verwalten. Da die für das Etatsjahr 1925 bewilligten Mittel für die offene Wohlfahrtspflege nicht ausreichen, werden auf Antrag E. Straus für das Wohlfahrtsamt der Gemeinde weitere M. 3000.— bewilligt. . Die gemeindlichen Körperschaften erklären ihr Einverständnis mit den Maßnahmen, die der soziale Ausschuß zur Beschaffung von Mitteln in Aussicht genommen hat. Zum Zweck der Erhebung von Lohnsteuern wird ein Einschätzungsausschuß aus den Herren Landauer, Apfel, Picard, Lichtenauer, Löwenthal, Popper und Rothschild gebildet, der die Lohnsteuerpflichtigen in die von den Behörden festgesetzten Steuerklassen einzureihen hat. Auf gemeinschaftlichen Antrag der Fraktionen wird Fabrikant Hermann Rosenthaler an Stelle des verstorbenen Kommerzienrats Fraenkel in den Vorstand gewählt. Herr Rosenthaler nimmt die auf ihn gefallene Wahl an. Zum Zwecke der Reorganisation des Synagogenchors und seiner Beaufsichtigung wird ein Synagogenchorausschuß aus den Herren

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