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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-11-06 · 10 (6.11.1925) · p. Seite 190

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
10 (6.11.1925)
Article
Sigmund Fränkel
Date
1925-11-06
Page
Seite 190 (sequence 1)
Language
German
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190 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 Sigmund §ränkel Ein Nachruf, gehalten in der Trauersitzung der Kollegen der Kultusgemeinde München am 27. Oktober 1925 von Dr. Elias Straus. Meine Damen und Herren! Als wir in der Festeswoche die sterbliche Hülle unseres verehrten Freundes und Kollegen Sigmund Frankel zu Grabe trugen, da hat der Vorsitzende unserer Gemeinde, im Innersten bewegt, den Empfindungen Ausdruck verliehest, die uns alle beherrschten. Er hat ein lebendiges Bild gezeichnet des bedeutenden Mannes, der eben aus unserer Mitte dahingegangen war. Aber er konnte damals — durch die Stunde und die Stätte, von der aus er sprach, begrenzt — nicht eingehend schildern, was der Verstorbene unserer Gemeinde gewesen, wie er in ihr gewirkt, was er für sie geschaffen hatte. Uns aber ist es ein Bedürfnis, rückschauend uns vor Augen zu führen, was die Gemeinde München'dem verstorbenen Sigmund Frankel in den vielen Jahren seiner Wirksamkeit zu verdanken hat. Es sind gerade fünfzig Jahre verflossen, feit im Jahre 1875 der Vater unseres jetzt verstorbenen Freundes, Herr Wilhelm Frankel, in die Gemeindeverwaltung eintrat. Vielen in diesem Kreise ist dessen markanter Kopf und kluge Rede noch in lebendiger Erinnerung. Im Jahre 1902 trat Wilhelm Frankel von seinem Amt als Mitglied der Gemeindeverwaltung zurück, und zu seinem Nachfolger wurde sein Sohn Sigmund Frankel gewählt. Seit dem 1. Januar 1903 gehörte Sigmund Fränkel der Verwaltung der Kultusgemeinde an; feit die neue Verfassung von 1920/21 in Wirksamkeit trat, ist er Mitglied des Vorstands gewesen. Der Sohn hat nicht nur zeitlich, er hat auch inhaltlich fortgesetzt, was der Vater gewollt und erstrebt. Die Gemeinde, am Beginn der fünfzig Jahre noch auf kaum zwei Generationen ihres Bestandes zurückblickend, ist in der Zeit zu einer Großgemeinde herangewachsen. Diese Periode voll äußerer und innerer Wandlungen wird sicherlich in der Geschichte unserer Gemeinde als eine der wichtigsten ihrer Gesamtentwicklung auch in Zukunft betracht-et werden. Und in dieser Zeit, an diesem Werke in führender Stellung milgearbeitet zu haben, war das Verdienst der beiden Männer, Vater und Sohn, Wilhelm und Sigmund Fränkel. Als Sigmund Fränkel im Jahre 1903 in die Gemeindeverwaltung eintrat, erkannte er sehr bald, daß die Verfassung unserer Gemeinde, das Statut, das die Gemeinde sich im Jahre 1892 gegeben hatte, den Bedürfnissen der Zeit nicht mehr entsprach. Er empfand, daß das Kleid zu eng geschnitten, daß die Gemeinde sich darin nicht richtig regen konnte und die Bewegungsfreiheit nicht hatte, die für die wachsende Gemeinschaft nötig war. Sigmund Fränkel war nicht der Mann, der das Gegebene einfach hinnahm. Wo er Fehler und Mängel erkannte, da war sein Bestreben darauf gerichtet, sofort Besserung zu schaffen. Es war ihm nicht leicht durchzugringen mit den Ideen, dje ihn für eine Reform der Gemeindverfassung erfüllten. Zunächst stand er allein. Immerhin fanden wir zwei Jahre, nachdem er in die Verwaltung eingetreten war, in den Gemeindeakten einen Antrag, der zwei Unterschriften trug, seine eigene und — für Sigmund Fränkel bezeichnend — an zweiter Stelle die eines Mannes aus dem entgegengesetzten Lager, der aber erkannt hatte, daß die Gemeinde den von Sigmund Fränkel gewiesenen Weg nach vorwärts gehen müsse, wenn sie nicht ftillstehen wollte. Es war der Name Sigmund Raffs. Was war der wesentliche Inhalt des damaligen Antrag? Er verlangte, daß der 8 2 des Statuts, der die Wirksamkeit der Gemeinde auf Synagoge, Ritualwesen und Religionsunterricht beschränkte, und die Gemeinde ausschloß von jeder sozialen Tätigkeit, weder Abwehrnoch wissenschaftliche Betätigung zuließ, er verlangte, daß dieser § 2 falle, und ein erweiterter Aufgabenkreiö der Gemeinde in den Satzungen festgelegt werde. Er forderte eine Reform des Wohlfahrtswesens der Gemeinde, er wünschte eine moderne Ausgestaltung des Steuerwesens. Er verlangte schließlich, daß die Beschränkungen des Wahlrechts, hinsichtlich Lebensalter und Staatsangehörigkeit zu einem wesentlichen Teil beseitigt werden sollten. Was Sigmund Fränkel damals — im Jahre 1905 — beantragt hat, wofür er in jenem Zeitpunkt aber keine Mehrheit im Verwaltungskörper der Gemeinde gefunden hat, es ist mit geringen Ausnahmen fünfzehn Jahre später verwirklicht worden. So lange hat es gedauert, bis das, was er vorausschauend als die Entwicklungslinie der Gemeinde erkannt hatte, in die Tat umgesetzt wurde! Noch einmal ist Sigmund Fränkel vor der Zeit, die unserer Gemeinde eine neue Verfassung gegeben hat, hervorgetreten mit einem grundsätzlichen Antrag auf Änderung der Gemeindesatzung. Das war im Jahre 1909, als er, gestützt auf ein wissenschaftlich und politisch wohl gesichtetes Material, auf Gutachten erster Rechtsgelehrter, an die Gemeinde mit dem Verlangen herankam, das veraltete Wahlrecht, die MehrheitSwahl, zu ersetzen durch die Verhältniswahl. Auch hier hatte er damals zunächst keinen Erfolg. Zwar erkannte auch ein Teil seiner Gegner dies als berechtigt an, aber man glaubte seinem stürmischen Schritt nicht so rasch folgen zu können, und erst 11 Jahre später ist das beschlossen worden, was er in seinem Antrag von 1909 verlangt hatte. Die Verfassung der Jahre 1920/21 ist unter tätiger Mitwirkung Sigmund Fränkels zustande gekommen. Sie enthält eine ganze Reihe von Gedanken und Ideen, die zuerst im Kampfe mit der Mehrheit von ihm vertreten worden waren. Zur Zeit, als sie Verwirklichung fanden, erschienen sie dem größten Teil der Mitglieder der damaligen Vertretungskörper als selbstverständlich. Aber zwischen diesen Anfangsjahren feines Wirkens in der Gemeinde, zwischen, den Jahren der ersten Anträge auf Reform der Gemeindeverfassung und der Zeit, in der unsere Gemeinde in die neue Periode der gegenwärtigen Verfassung eingetreten ist, lagen die Kämpfe, die Sigmund Fränkel durchgeführt hat, unter der Parole der R e v i s i o n des I u d e n e d i k t s. Dies Schlagwort ist von ihm selbst geprägt worden; unter ihm hat er mehr als ein Jahrzehnt gekämpft für die Erneuerung der jüdischen Dinge in unserem engeren Heimatland. Dieser Kampf um die Revision des Iudenedikts hatte seinen Ausgangspunkt genommen von einem kleinen Konflikt zwischen der religiösen Vereinigung Ohel Jakob, an deren Spitze Sigmund Fränkel stand, und der damaligen Verwaltung der Gesamtgemeinde im Jahre 1907. Sigmund Fränkel selbst hat den Anlaß wohl nie als einen Gegenstand von Bedeutung erachtet; aber die Folgerungen-, die er daraus zog, waren von großer Tragweite. Sigmund Fränkel erkannte in den Auseinandersetzungen mit der Gemeinde, daß die orthodoxe Vereinigung, der

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