Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 10 (6.11.1925)
- Article
- Ein Doppeljubiläum in Rothenburg o. d. Tauber
- Date
- 1925-11-06
- Page
- 187 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 187 1350. In ihrer Not besetzten die Juden am Karfreitag des genannten Jahres, als ein großer Teil der Bürger in der Kirche zu Dettwang sich befand, den Turm am Galgentor. Der Turm wurde aber von den Bürgern, trotz verzweifelten Widerstandes der Juden, gestürmt; diese wurden, soweit sie nicht flüchten konnten, erschlagen, ihre Häuser geplündert und eingeäschert. Zwei Jahre darauf sprach Kaiser Karl IV. die Rothenburger des Mordes ledig und erlaubte ihnen, sich wieder „Juden zu halten". Im Jahre 1397 tauchte abermals die Beschuldigung der Brunnenvergiftung auf, die Unglücklichen wurden wieder vertrieben, ihre Häuser geplündert, die Synagoge niedergeriffen. Merkwürdigerweise finden sich schon 1400 wieder Juden in der Stadt, sie wohnten nun in der heute noch vorhandenen Iudcngaffe und auf dem sich anschließenden, sogenannten „Iudenkirchhof", bauten sich dort eine Synagoge und blieben geduldet und ohne besondere Bedrängnis bis zum Ende des Jahres 1519, wo der Prediger Dr. Teuschlin gegen sie hetzte. Das aufgeftachelte Volk überfiel und verjagte die Juden, zerstörte die Synagoge und plünderte sie aus. Das war die letzte, aber auch nachhaltigste Verfolgung; die Stadt blieb ihnen fortan verschlossen. An die alte jüdische Gemeinde in der einstigen freien Reichsstadt erinnern heute, außer spärlichen Resten ehemaliger Ritualbäder und Mesusosspuren in der Iudengasse, noch die vielen Grabsteine, an der Vorderfront der Häuser eingemauert oder als Deckmaterial der Burgmauern verwendet. Diese Mazzevos waren offenbar der Zerstörungswut zum Opfer gefallen und sind dann einfach als Bausteine benützt worden. Anno 1870 — genau 350 Jahre nach der letzten Vertreibung — machten sich wieder die ersten Juden, Hermann und Strauß aus Niederstetten, in der einst so unduldsamen Stadt ansässig; 1875 waren eS 8 Familien, die eine Kultusgemeinde gründeten, in der Person des Herrn MoseS Hosmann einen Lehrer beriefen und alle Kriterien schufen!, die zu einer jüdischen Gemeinde gehören. Die inzwischen durch weiteren Zuzug verstärkte Gemeinde erwarb 10 Jahre später in der Herrngaffe ein historisches Haus mit der Inschrift „Hier wohnte im Februar 1474 der Erzherzog und spätere Kaiser Maximilian eine Woche lang" errichtete darin die Synagoge, Lehrerwohnung, Schul- und Beratungszimmer und legte endlich im Jahre 1900 vor dem Würzburger Tor einen Friedhof an. Mit Stolz und Befriedigung kann die neue Kultusgemeinde auf ihren fünfzigjährigen Bestand zurückblicken, dank der vorzüglichen Leitung ihres 42 Jahre im Dienste der Gemeinde stehenden Ehrenvorsitzenden, Karl Wimpfheimer. Unter pietätvoller Bewahrung alles Hergebrachten und Religösen war sie stets einem gesunden Forschritt zugeneigt und trat, als eine der ersten Kultusgemeinden in Bayern, rückhaltlos dem im Jahre 1920 gegründeten Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden als Mitglied bei. Freilich ist auch die neue Gemeinde von der Zeiten Gunst und Ungunst nicht unberührt geblieben: Im Jahre 1913 zählte sie 31 Familien mit über 100 Seelen, während sie heute nach dem Kriege, der Inflation und wirtschaftlichen Krise nur noch einen Bestand von 20 Familien mit 60 Seelen aufzeigen kann. Die Zahl der jüdischen schulpflichtigen Kinder ist von früher 32 auf 4 herabgesunken. Als Mit- und vielleicht Hauptursache der auffälligen Abnahme muß, außer dem Wegzuge verschiedener Familien in die Großstädte, auch in dieser Gemeinde der den Bestand und die Existenz der gesamten deutschen Iudenheit bedrohende Geburtenrückgang bezeichnet werden. Trotz dieses unerfreulichen Gegenwartsbildes kann die Jubilarin zuversichtlich und hoffnungsfreudig der Zukunft entgegenblicken, denn die aufblühende, sich immer mehr und mehr entwickelnde Fremden- und Handelsstadt Rotenburg wird sicher ihre Anziehungskraft auf ihre jüdischen Mitbürger nicht verfehlen und zum Wiederaufstieg der Kultusgemeinde beitragen. Möge aber auch diese — in ihrer Gesamtheit sowohl, als in ihren Gliedern — selbst zu ihrer Gesundung beitragen und an ihrem Ehrentage sich bewußt sein, daß sie Erbin einer großen Vergangenheit ist, und daß ihr die heilige Pflicht obliegt, dieses ideale Gut ungeschmälert künftigen Generationen zu überliefern. Wie Eingangs erwähnt, hat gleichzeitig mit dem Ehrenfeste der Gemeinde ihr Mitbegründer, Lehrer und geistiger Führer, Moses Hofmann, sein fünfzigjähriges OrtS - j u b i l ä u m begangen. Als er bei seiner Amtseinsetzung sich auf Wunsch der Gemeinde verpflichten sollte, mindestens ein Jahr zu bleiben, konnte er sich dazu nicht entschließen — nun steht er ein halbes Jahrhundert auf seinem Posten, gewiß ein Zeichen schönster Harmonie zwischen Gemeinde und Beamten. Herr Lehrer Hofmann, der auf der Präparandenschule zu Höchberg und im israelitischen Lehrerseminar zu Würzburg seine Vorbildung genoß und seine erste Anstellung in Zeckendorf bei Bamberg fand, konnte bereits vor vier Jahren fein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern. Er steht somit im gesegneten Alter von 74 Jahren noch im Dienste, in seltener körperlicher und geistiger Rüstigkeit, ungebeugt von der Jahre Last und des Schicksals Tücke, erfüllend des Psalmiften Wort von den Frommen: „Noch im höchsten Alter blühen, immer frisch und saftvoll bleiben sie." Ansprache des Kommerzienrats ttlbert Joseph (Landau) anlätzlich der pialzfahrt des vayeriscken Landtages Bekanntlich unternahm der Bayerische Landtag Anfang Oktober eine Fahrt in die Pfalz, um sich an Ort und Stelle über die dortigen Verhältnisse zu informieren. Bei einem gemeinsamen Mittagsmahl in Landau, an dem die Abgeordneten und Pressevertreter im Verein mit ben Spitzen der städtischen, staatlichen Reichsbehörden aus Landau und den umliegenden Bezirken teilnahmen, hielt Kommerzienrat Albert Joseph, der Präsident des Verbandes der israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz im Anschluß an vorhergehende Reden des Oberbürgermeisters Dr. Ehrensperk und anderer, folgende Ansprache: Als Präsident des Verbandes der israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz habe ich die Ehre, Sie zu begrüßen und herzlichst in der Pfalz willkommen zu heißen. Mein erstes Wort nach diesem Gruß soll sein ein Wort des Dankes für den Zuschuß, den der Landtag zum jüdischen Kultus für die Haushaltsjahre 24/25 und 25/26 genehmigt hat. Sie haben dadurch den Verband in die Lage versetzt, den verarmten Gemeinden, die ihr Gemeindevermögen in Kriegsanleihen anlegten, helfen zu können, damit diese ihre Beamten einigermaßen besolden konnten.