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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-11-06 · 10 (6.11.1925) · p. Seite 186

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
10 (6.11.1925)
Article
Ein Doppeljubiläum in Rothenburg o. d. Tauber
Date
1925-11-06
Page
Seite 186 (sequence 2)
Language
German
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186 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 ^uäentanrhaus (rechts) üfe K-'S so machten seit der Zeit der Kreuzzüge sich immer mehr Regungen des Haffes gegen sie bemerkbar. Die Iudenschaft war genötigt, sich Schutz und Duldung teuer zu erkaufen. Der „Iudenschutz" wurde ein kaiserliches Regal, das Recht „Juden zu halten" wurde als kaiserliches Privilegium verliehen, die Juden wurden als „kaiserliche Kammerknechte" bezeichnet, ein Name, der die Erpreffungen und Forderungen rechtfertigen sollte, die man sich gegen sie erlaubte. In Zeiten politischer Aufregungen und religiösen Haffes vermochte freilich der Iudenschutz nichts; denn im Frühling des unglückseligen Jahres 1298 war gegen die Inden des fränkischen, nahe bei Rothenburg gelegenen Städtchens Nöttingen die Beschuldigung laut geworden, sie hätten eine Hostie geschändet; bald darauf erhob sich der Edelmann Rindfleisch und erklärte, er sei vom Himmel aufgefordert, an den Juden Rache zu nehmen. In seiner Wut fiel das aufgereizte Volk in ganz Franken über sie her, 140 jüdische Gemeinden fielen ihm zum Opfer. Die in Rothenburg suchten sich in einem Turm und ihren Häusern zu verbarrikadieren, doch diese Zufluchtsstätten wurden gestürmt und angezündet, ea. 500 der Unglücklichen starben eines grausamen Todes. Der größte Teil dieser Märtyrer ist in dem bekannten Nürnberger Memmorbuch mit Namen benannt, außerdem wurde die traurige Episode im Mai 1914 durch einen historisch bedeutsamen Fund blitzartig beleuchtet und bestätigt. Auf einem Platze in Rothenburg, der heute noch den Namen „I u d e n k i r ch h o f" trägt, wurden anläßlich vorgenommener Planierungsarbeiten 55 Grabsteine (Mazzevos) mit gut erhaltenen, jüdischen Inschriften aufgefunden. Sie standen, — als ich, in Folge von Benachrichtigung nach dorten fuhr, um den historischen Fund zu besichtigen — hart aneinander gedrängt, wahrscheinlich so, wie sie vor 600 Jahren zur Erinnerung an Verstorbene in den Boden gesetzt wurden. Die bei der Ausgrabung zutage getretenen Menschenknochen wurden von Herrn Lehrer Hofmann sorgfältig gesammelt und pietätvoll im neuen jüdischen Friedhof der Erde wieder übergeben. Unter den 55 Steinen, die der Zeit von 1506—1599 angehören, befand sich aber einer von allergrößter, geschichtlicher Bedeutung, der nicht nur als Grabstein sondern als Gedenkstein anzusehen ist und der die Katastrophe von 1298 inhaltlich vollständig bezeugt; er befindet sich gegenwärtig im Lapidarmuseum zu Rothenburg. Eine Abbildung ist hier beigefügt; die Inschrift lautet ins Deutsche übertragen wie folgt: „Mit bitterer Seele eine bittere Klage. Weil wir vergessen könnten die Leiden der früheren, habe ich um ihrer zu gedenken, in steinernen Tafeln eingegraben die Märtyrer Rothenburgs, die gemordet und verbrannt wurden für die Heiligung des göttlichen Namens im Jahre 58 am 19. Tamus, und in der Feste außer der Stadt haben sie die Vernichtung vollzogen, Feuer angelegt und gelötet die Söhne der Stadt. Da schwand von uns alt und jung. Am 12. des Monats im sechsten Tausend hörte auf meine Wonne und am 5. Tage möge er uns in die Freiheit entsenden, dann wirb kommen mein Erlöser und mein Heiliger. Amen." Man darf aus dem Inhalt wohl den Schluß ziehen, daß auf einem oder mehreren andern Steinen, die entweder verloren gegangen sind oder gar noch im Boden stecken, auch die Namen der Märtyrer verzeichnet waren. Trotz dieser blutigen Verfolgung, die einer Ausrottung fast gleichkam, müssen sich bald darauf wieder Juden in der Stadt niedergelassen haben; 1299*) fand abermals eine Verfolgung statt, „weil die Juden die Brunnen vergiftet hätten." Die gleiche Beschuldigung gab beim Auftreten der großen Pest den Anlaß zur dritten Verfolgung im Jahre i) Ich verdanke diese und andere Angaben außer Graetz: „Ge-, schichte der Juden", S. Haenle: „Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstentum Ansbach", insbesonders dem Werke, von Oberstudiendirektor Aug. Schnitzlein: „Aus Rothenburgs Vergangenheit". Der berühmte Gedenkstein

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