Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 8 (10.9.1925)
- Article
- Streifzüge durch das fränkische Saaletal
- Date
- 1925-09-10
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
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164 Bayerische Israelitische Gemeindezeilung Nr. 8 Im Verlaufe des 30 jährigen Krieges verließen die meisten Juden von Westheim, Untererthal ufw. ihre Dörfchen, um sich in die kleinen Städte zu begeben, wo sie doch etwas mehr Schutz fanden. So vergrößerte sich die ursprünglich kleine Gemeinde Hammelburg zusehends. Sie bestand jedoch bereits seit etwa 1400, so daß sie auf ein fünfhundertjähriges Bestehen zurückblicken kann. Im Juni 1399 gestattet der Fürftabt Johann von Fulda den Familien Abraham, Kophelin und Vivelmann (Feibelmann) sich je nach Belieben im Stiftölande oder in den Städten Fulda, Vacha und Homburg niederzulassen. Sie durften Geld auf Zinsen verleihen und zwar konnten sie von Fuldaer Staatsangehörigen für jeden Gulden die Woche 4 Pfennig verlangen (gleich zwei Groschen), von „Ausländern" aber mehr. Grundbesitz und Handwerk war ihnen verboten. Hatte man sie nun so von Staatswegen zu Handel und Geldgeschäft herangezüchtet und zum Wucher genötigt, so blieb der Hast der Schuldner nicht aus. Wiederholt (z. B. 1570, 1582 und 1615) und nachdrücklich forderten die Räte der Städte Hammelburg, Brükkenau und Geisa die „Abschaffung der Juden". Endlich im Jahre 1671 waren die fortdauernden Wühlereien von Erfolg gekrönt, Fürstabt Bernhard Gustav verordnete die Ausweisung sämtlicher Juden aus Dorf und Stadt binnen dreier Monate. Ein Ziegelbrenner in Untererthal, der anscheinend durch die Austreibung seiner Schulden ledig wurde, fand dieses Ereignis so erfteulich, daß er in eine Ziegel einbrannte: „Diese Ziegel ist gemacht in diesem Jahr, Das der Juden ihr Auszug war. 1671.*) Ob die Iudenfchaft Westheims auch auswandern mußte, erscheint zweifelhaft. Vielleicht kam ihr der Umstand zu statten, daß mitten durch dieses Dörfchen die Grenze zog zwischen den beiden „Großmächten" Fulda und Würzburg. Die ganze blühende Gemeinde Hammelburg jedoch wurde von der Austreibung betroffen; ebenso die Untererthaler Iudenschast. Mühselig geduckt schleppten nun die heimatlos gewordenen fuldaischen Schutzjuden ihre tragbaren Habseligkeiten fort. Die Glücklicheren unter den Unglücklichen bargen Hab und Gut in alten gebrechlichen Wagen, die mit einem Zelttuch überspannt waren und langsam die Straße dahin krochen, weil eben das magere Pferdchen nicht schneller konnte. Manches Schimpfwort, mancher Steinwurf aus dem Hinterhalt ließ Kinder und Greise unter dem Zeltbahn erschreckt aufschreien. Die meisten Christen indes hatten' sich den menschlichen Sinn bewahrt und wollten von Roheiten nichts wissen. Juden und Christen hatten im allgemeinen ganz gut miteinander gelebt, wenn auch manches Mißverständnis auf beiden Seiten noch herrschte. Doch das Volk hatte damals — nichts zu sagen. Und so zerstreute sich denn die Hammelburger Iudengemeinde nach allen Gegenden. Am Kreuzweg aber, bevor die einen ins Würzburger Land, die andern ins Mainzer und Pfälzer Land sich wandten, entstieg einem kleinen Wagen der ehrwürdige Rabbiner Isak Brilin. Viele Jahre hatte er in Hammelburg segensreich gewirkt und nun war seine Gemeinde vernichtet. Es galt zu scheiden von den liebgewonnenen Freunden. Herzzerreißend war der Abschied vom Rabbi, der allen ein Vater gewesen war ... Rabbi Isak, der ein Sohn der Fuldaer Rabbiners Meschullam Elieser Sußmann Brilin war, schlug den Weg ins Rheinthal ein. Dort in Worms oder Mannheim, wo er schon früher gewirkt, wollte er sich eine neue Heimat suchen. Überall erzählte *) Die Angaben über Untererthal entnahm ich dem lesenswerten Buch von Ullrich: Untererthal, Eine kulturhistorische Skudie. man ihm, daß der edle Pfälzer Kurfürst Karl Ludwig allen seinen Untertanen, Christen und Juden, ein gütiger Landesvater war. Das war der gleiche Fürst, der auch den berühmt gewordenen holländischen Philosophen, den Juden Baruch Spinoza zu sich berufen wollte. Spinoza aber lehnte die angeborene Stelle als Professor an der Heidelberger Universität ab. Der hochgesinnte Kurfürst erkannte bald die Weisheit und Weltklugheil des Hammelburger Rabbiners, er ließ in darum oft an seinen Hof kommen und fand solches Gefallen an ihm, daß Brilin von da ab in höchster Gunst stand. Die Mannheimer Gemeinde hatte nicht zu bereuen, daß sie ihn zu ihrem Rabbiner wählte. Doch schon 1678 stirbt er. Einige Wochen vor ihm war sein Freund, Rabbi Elchanon bar Chaim, dahingeschieden, der ebenfalls aus Hammelburg vertrieben, im gastlichen Mannheim Unterkommen gefunden hatte. Das dortige Memorbuch sagt von ihm, daß er die Thora in Israel vermehrt und viele Schüler aufgestellt habe. Nicht lange konnte man im Fuldaer Land die Steuerquelle der Schutzjuden entbehren. Auch in der judenreinen Zeit waren die Verhältnisse der Bevölkerung nicht besser geworden. Schon 1678 ließ man wieder Juden herein. Paradisisch ging es ihnen auch jetzt nicht. Das mußten die Untererthaler Juden erfahren, die sich mit Genehmigung deö Freiherrn von Erthal eine „Iudenschul aus Holz" gebaut hatten (1737). Der Fürftabt von Fulda war es nicht ganz zufrieden und es kam zu Unterhandlungen. Bevor diese zu Ende waren, machte der Oberamtmann von Hammelburg kurzen Prozeß. Er schickte seine Heeresmacht, einen Hauptmann und zwanzig Gemeine der Landpolizei ab, die in den „Burgplatz eingefallen und sotanes Bäulein gewaltsamer Weis auf den Grund niedergerissen haben." Die Unterthaler mußten wieder in einer engen Stube „Synagoge Hallen". Die französische Revolution führte die Armee des Generals Iourdan ins Saaletal. Zahlreiche Quartierzettel und Verzeichnisse geben noch heute davon Kunde, welche Lasten, Beschwernisse nud Lieferungen Christen und Juden in dem unruhevollen Jahre 1796 zu tragen hatten. Aber auch von den darauf folgenden Jahren existieren noch zahlreiche Quartierzettel. War die eine Truppe fort, so forderte eine frisch eingetroffene Abteilung wieder neue Leistungen. Noch viele Jahre nach dem Pariser Frieden mußte der „Vorgänger" (Vorstand) für die Weftheimer Iudenschast prozessieren, damit diese die vielen hundert Gulden Quartierlasten wieder aus der französischen Kriegsentschädigung bekam. (Reparationen möchte man eö fast nennen.) Als General Iourdan, bei Würzburg besiegt, sich zurückziehen mußte, wälzten sich die geschlagenen Scharen wiederum durch das Saaletal. Allenthalben fielen die erbitterten Bauern über kleinere französische Scharen her. So auch die Untererthaler Bauern, die einen französischen Major in der Thülba ertränkten. Das hatten sie bitter zu bereuen. Kaum erfuhr Iourdan, der mit dem Hauptheer nahte, von dem Überfall, so befahl er den Angriff. Zahlreiche Bauern fanden im nutzlosen Kampf den Tod und nun sollte auch das Dorf noch niedergebrannt werden. Ein Untererthaler Jude ging dem General Iourdan entgegen und bat um Schonung für den Ort. Umsonst. Bald prasselten an allen Ecken und Enden die Flammen empor. Auch die Stammburg der Grafen fiel in Schutt und Asche. Der letzte Erthaler, der kinderlose Kurmainzer Kammerherr Franz Lothar vermachte den öden Burgplatz unentgeltlich an die Iudengemeinde. Für 450 Gulden wollte er auf dem Platz eine Synagoge errichten. Das geschah denn auch. Unter einem Torbogen hindurch gelangt man noch heute in dieses Gebäude. (Schluß folgt.)