Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 8 (10.9.1925)
- Article
- Streifzüge durch das fränkische Saaletal
- Date
- 1925-09-10
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2727810-2727811-2727819-2728997--00469-2729030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 163 flache Steine dicht übers Wasser hin. Wie Schwälbchen tauchen die Sternchen ein wenig ein, kommen wieder heraus, auf ab, auf ab, so machen sie tänzelnd immer kleinere Schritte, um endlich leise glucksend zu versinken. Ein schöner blonder Knabe hat keine Augen für das Spiel. Er hat die Hände unter den Kopf geschoben, so liegt er im Grase und träumt. Ein leiser Wind trägt von irgendwo Glockenklang herüber. Ein Kuckuck ruft, Schwarzamseln flöten, und eine Lerche jubelt hoch über der Trimburg. Dort hinauf fliegen die Träume des jungen Süßkind. Gestern war er wieder oben gewesen mit dem Vater, der weit und breit alle heilsamen Kräutlein kannte und aus ihnen oft dem alten Grafen einen Tee bereiten mußte. Und weil davon seit Tagen die quälenden Schmerzen nachgelassen haben, war der alte Burgherr so gnädiger Laune wie schon lange nicht. Verschwunden war das scheußliche Reißen in den Gliedern. Er konnte wieder zu Pferde steigen und ins Jagdrevier. Ein fahrender Sänger war auch soeben angekommen. Hell auf leuchteten dem Knaben die Augen, als der Graf ihm auf die Schulter klopfte und meint: „Süßkind, du darfst hier bleiben und zuhören; ich weiß ja, daß du dies gerne tust. Und... „Süßkind dichtet wieder," schreien die Kinder. „Wollt ihr euch heimscheren, ihr Schreihälse," drohte der Wächter mit dem hochgehaltenen Spieß und wie der Wind ist die Kinherschar zerstöben ... Der kleine Träumer Süßkind wurde ein Dichter. Hier in seiner Heimat Trimberg war um das Jahr 1200 eine kleine jüdische Gemeinde, von der keinerlei Erinnerung mehr vor banden ist. Der Dichter hat ihren Namen unsterblich gemacht. Rühmend wird er in der Burgchronik genannt, er der in schönstem Deutsch spricht zu einer Zeit, wo die Judenschaft abgeschlossen von der Umwelt lebte und entweder die hebräische Sprache oder ein Gemisch von Jüdisch-Deutsch redete Daß der Nachtrag zur Heidelberger Handschrift (Universität Heidelberg) die Lieder eines einzigen jüdischen Minnesängers achfbewahrt, nämlich Süßkinds, zeigt immerhin eine Wertschätzung, wie man sie sonst in jener Zeit der Kreuzzüge für Juden nicht hegte. War eS doch in jenen schlimmen Tagen, wo man die Juden verfolgte, verachtete und ihnen oft nur die Wahl ließ zwischen Abfall vom Glauben oder Tod. Für den Juden Süßkind war es kein geringes Wagnis, in der Kleidung des höfischen Sängers von Burg zu Burg zu wandern und seine neuen Lieder zu singen. Denn wo andere, mochte ihr Sang auch zuweilen seicht und gedankenlos sein, beim Burgherrn williges Ohr, offene Hand und gastfreies Haus fanden, dck mußte der jüdische Minnesänger nicht selten statt dessen Hohn, Spott und Abweisung erdulden, so daß er tief entmutigt zuletzt gesungen haben mag: „Ich habe zwar mit meiner Kunst Geworben um der Herren Gunst Die Herren doch wollen m i r nichts geben. So will ich ihren Hof denn fliehn Von nun als alter Jude leben Und also vorwärts weiter ziehn. Mir wachsen lassen einen Bart Lang niederwallend, greisbehaart Will einen langen Mantel tragen. Den hohen Hut tief in dem Kragen Demütig sei von nun mein Gang Nur karg ertöne Hochgesang, Weil mich die Herren vom Hofe jagen!*) *) Die Übertragung ins Hochdeutsche ist entnommen aus Müllers „Jüdische Geschichte in Charakterbildern." So sah er denn ein, daß die Anpassung oder Assimilation wie wir es heute nennen, ihm nicht hilft, daß der Jude nur dann sich behaupten kann, wenn er sein Judentum auftecht bewahrt. — Seiner Zeit weit voraus eilte der Dichter, wenn er in seinem Liede von der Gedankenfreiheit singt: Gedanken, niemand kann verwehren, nicht Toren und nicht den Weisen, Drum sind auch Gedanken frei auf allerhand Sachen, Herz und Sinn, die sind gegeben allen Menschen zum Behagen Gedanken schlüpfen durch jeden Stein, durch Stahl und durch Eisen. Kannte Walther von der Vogelweide seinen jüdischen Zeitgenossen? Wir wissen es nicht genau. Jedenfalls lebten beide fast zu gleicher Zeit, im gleichen Ort Würzburg, und auch ihr Tod liegt nicht allzuweit voneinander. Süßkind starb als Arzt in Würzburg. Sein Grab ist verschollen, genau wie das alte Judenviertel und der alte Judenfriedhof; an deren Stelle heute Juliusspital und Marienkapelle am Würzburger Grünen Markt stehen. Nichts erinnert mehr in Trimberg an des Dichters Geburtshaus und an die jüdische Gemeinde. Vermutlich ereilte sie im Jahre 1298 daiö Schicksal. JeneSmal kam in fränkischen Landen die schauerliche Mär. auf, Juden hätten eine Hostie zerstoßen und Blut sei aus ihr geflossen. Der aufgepeitschte Religionshaß gab dem Ritter Rindfleisch willkommene Gelegenheit, mit verhetzten Pöbelhaufen über die wehrlosen Juden herzufallen. Die Friedhöfe füllten sich mit Tausenden von Ermordeten. Die fränkischen Gemeinden gingen fast alle unter. Neue Gemeinden bildeten sich im Saaletal. So in Westheim, wo neben dem heute noch vorhandenen Freihofe der Grafen von Erthal ein Judenhof erstand mit kleinen armseligen Häuschen, die oft vom Hochwasser bedroht waren. Dann waren die Juden auch ohne die eiserne Sperrkette am Eingang des Judenhofes von der Außenwelt abgeschnitten. Eine starke Mauer bildete den Abschluß gegen den Saalefluß, der unmittelbar daran vorüberfließt. Durch diese führten ein Durchbruch und einige Steinstufen an das Wasser. Hier herrschte vor Pessach ein reges Treiben, ein Putzen und Bürsten, Waschen und Scheuern. Und wie in alter Zeit verrichtet die Gemeinde noch heute am Rosch-Haschonoh das Taschlichgebet an dieser Treppe. Im Laufe des 18. Jahrhundert wurde der Judenhof zu eng. Wohlhabende Familien errichteten sich in der Judengaffe behäbige Häuser in fränkischem Stil. Oft führen hohe Treppen hinauf; ihr festungartiges Aussehen läßt fast den Gedanken aufkommen, wie wenn sie als Verteidigungswerke gedacht waren. Stolz schmückte der eine und andere sein Haus mit hebräischen Inschriften. So prangt noch jetzt über einem steinernen Hauseingang ein Wunsch: 212 h'ß d. b. Viel Glück und Segen! Und an der Hausecke des gleichen Gebäudes ist die Jahreszahl, die das Baujahr 1760 verrät, sichtbar. Unverwüstlich. Als dieses Haus vor einigen Jahren in christliche Hände überging, hatten die Kinder des neuen Besitzers nichts eiligeres zu tun, als den Glückwunsch und die hebräische Jahreszahl mit Mörtel zu überschmieren. Der Mörtel ist längst wieder abgefallen, die Inschrift wieder zum Vorschein gekommen. Seitdem der Besitzer darauf aufmerksam gemacht wurde, daß dieser Glückwunsch, wenn er auch hebräisch ist, auch für ihn gilt, läßt er ihn — nicht mehr überschmieren. Unter dem Protektorate der Erthaler Freiherren wurde 1769 in Weftheim eine neue Synagoge errichtet, deren Heilige Lade ein Schmuckkästchen ist.