Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 8 (10.9.1925)
- Article
- Der jüdische Kalender
- Date
- 1925-09-10
- Page
- Seite 157 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 157 ungefähr 37 mal — notwendig, bereits die Länge des vorausgehenden Cheschwan und Kislew entsprechend zu regeln, da der Kalender nach Ablauf des Kiölew bis zum Ablauf des nächsten Cheschwan, d. h. also für 11 Monate, im Schaltjahr für 12 Monate, festliegt. Es gibt noch andere Gründe für die Verschiebung des an und für sich gegebenen NeujahrStageö, auf die hier jedoch nicht eingegangen werden soll. Die erwähnte Verschiebung hat zur Folge, daß auch jedes andere Datum deS jüdischen Kalenders nur auf 4 Wochentage fallen kann. Wer etwa am 1. Elül „Iahrzeit" hat, wird bemerken, daß dieser Tag niemals auf Dienstag, Donnerstag oder Samstag fällt. Der 1. Niffan und somit der 1. Tag Peffach fällt niemals auf Montag, Mittwoch oder Freitag. Nur jeder Tag des Monats Kislew, also auch der 1. Tag Chanuka, könnte, da dem 1. Kislew bald der 29., bald der 30. Cheschwan vorausgeht, theoretisch auf alle Wochentage fallen. Der 1. Kislew würde jedoch nur dann auf Samstag fallen, wenn Rosch Haschana am Dienstag ist und gleichzeitig Cheschwan 30 Tage hat. Diese Kombination ist aber ausgeschlossen, da ein am Dienstag beginnendes Jahr aus bestimmten Gründen stets ein regelmäßiges ist. Infolgedessen kann der erste Tag Chanuka auf jeden Tag außer auf Dienstag (Montag Abend) fallen. Wenn man sonach den Wochentag des ersten- Tischri kennt, und zugleich weiß, ob das Jahr ein regelmäßiges, überzähliges oder mangelhaftes Gemeinjahr oder Schaltjahr ist, so ist jeder Tag des ganzen Jahres und -darüber hinaus jeder Tag der ersten beiden Monate des nächsten Jahres bis zum 29. Cheschwan hinreichend bestimmt. Diese Iahresbeftimmung bringt man der Einfachheit halber auf eine kurze Formel, indem man z. B. sagt: Das Jahr 5686 ist ein Gemeinjahr u7, d. h. es beginnt mit SamStag und ist überzählig, Cheschwan und Kislew haben also beide je dreißig Tage. Obwohl sich daraus zwingend ergibt, daß der erste Tag Pessach auf Dienstag fällt, setzt man, um daS Rechnen zu vereinfachen, auch noch diesen Wochentag hinzu, sodaß die Formel, des neuen Jahres, von rechts nach links zu lesen, lautet: 3 u 7. ES sei bemerkt, daß die Jahres zahl „seit Erschaffung der Welt" in der alten Zeit im Verkehr nicht benutzt wurde. Man bediente sich in privaten und öffentlichen Urkunden vielmehr der Regierungsjahre des Königs, wobei der Anfang eines neuen Regierungsjahres ohne Rücksicht auf den Regierungsantritt und die Länge deS 1. Regierungsjahres bei jüdischen Königen stets auf den 1. Nissan, bei nichtjüdischen Königen auf den I.Tischri, also auf den Beginn des Kalenderjahres, festgesetzt wurde. Außer der erwähnten Periode von 19 Jahren gibt es noch andere kalendarische Zyklen. Nicht kalendarischen, sondern nur religiösen Charakter, jedoch große private und volkswirtschaftliche Bedeutung hatten bekanntlich die 7- und 50 jährigen Perioden. Sch'mitta und Iobel. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte bis auf unsere Tage hat sich im wunderbaren Walten der Natur dem sehenden und hörenden Menschen Gott kund getan. In ständigem Betrachten der es umgebenden Natur mußte Israel seine gottgeweihten Monate und Jahre bestimmen. Wir sind von der Natur zum Buch gekommen. Man kann zweifeln, ob das ein Fortschritt oder ein Rückschritt sei. Vielleicht aber ist die Veränderung, die hier vor sich gegangen, überhaupt gar nicht so groß wie es scheint. Denn wenn auch die Einzelheiten des Kalenders wie die eines jeden Kunstwerks für sich allein betrachtet nüchtern und prosaisch erscheinen, so entsteht doch dem Blick oder dem Gehör des Kundigen hier wie dort durch bas Zusammenwirken und Ineinandergreifen der einzelnen Teile die schönste Harmonie. Auch unser Kalender ist letzten Endes nichts anderes als der Ausdruck eines wundervollen Zusammenklangs. Musik der Sphären ist es, die hier nachklingt. Ihre Melodie lehrt uns der jüdische Kalender und ihr Text beginnt: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre und seiner Hände Werk erzählt das Firmament." Aufgaben und Ziele der jüdischen Wohlfahrtspflege in kapern. Von Verbandssyndikus Rechtsanwalt M. Flaschner. Referat gehalten auf der Verbandstagung in Würzburg am 17. März 1925 Die heutige Wohlfahrtstagung, die erste, die auf Veranlassung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden in Bayern ins Leben gerufen ist, um eine Verbindung der verschiedenartigen Wohlfahrtsbestrebungen im Lande herbeizuführen, verfolgt den Zweck, die Gedanken und Ideen, die die moderne Wohlfahrtspflege in Deutschland und speziell bei uns Juden beherrschen, für unsere bayerischen Verhältnisse nutzbringend zu verwerten. Es wird sich also für uns darum handeln, das, was Sie heute vormittag aus berufenem Munde über moderne Wohlfahrtspflege im allgemeinen und über jüdische Wohlfahrtspflege im besonderen gehört haben, für unsere Verhältnisse zurechtzuschneiden und nutzbar zu machen. Nicht als ob alles das, was Sie über moderne Wohlfahrtspflege gehört haben, für uns Juden neu wäre, im Gegenteil, es wurzeln sehr viele der modernen Gedanken, die die Fürsorgetätigkeit heute beherrschen, in altjüdischem Gesetz und altjüdischer Überlieferung. Was unserer jüdischen Wohlfahrtspflege insbesondere in Bayern fehlt, ist der Zusammenschluß der einzelnen Gemeinden zum Zwecke der Lösung gemeinschaftlicher Aufgaben, der Zusammenschluß der einzelnen Wohlfahrtsvereine' und -Einrichtungen innerhalb der Gemeinden zur vollen Erfassung der vorhandenen Hilfsbedürftigkeit, ist mit einem Worte die Organisation, die die Fühlung schafft und erhält innerhalb der gesamten jüdischen Bevölkerung Bayerns aber auch mit der jüdischen Wohlfahrtspflege im Reich und der allgemeinen öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege im Lande. Das Bedürfnis nach einer Organisation der Wohlfahrtspflege in Bayern hat sich ähnlich wie im Reich zum erstenmal mit aller Stärke und Eindringlichkeit in den Jahren des Krieges und nach dem Kriege gezeigt, als die einzelnen Wohlfahrtseinrichtungen, ja sogar die einzelnen Gemeinden nicht mehr in der Lage waren, ihre von Tag zu Tag steigenden Bedürfnisse mit den von Tag zu Tag geringer werdenden Mitteln zu befriedigen. Die ständig fortschreitende Geldentwertung hatte die nicht unerheblichen Stiftungskapitalien bis zur völligen Wertlosigkeit gemindert. Die Leistungsfähigkeit der bis dahin gebefreudigen und gebefähigen Glaubensgenossen schwand mehr und mehr. Auf der anderen Seite vermehrte sich der Kreis der Hilfsbedürftigen in einem geradezu erschreckenden Maße. Zu den unmittelbaren Opfern des Krieges, zu den Krüppeln, Witwen und Waisen kamen die mittelbaren Opfer, die wirtschaftlich durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre vernichtet worden waren. Hilfe des Auslandes und des Reichs, das sich der Not der Zeit bewußt war, versuchte hier einzuspringen und den in Not befindlichen Wohlfahrtseinrichtungen und -Anstalten beizulteben. Es kam daraus an, alle die Einrichtungen der freien Wohlfahrt neben den bekannten Einrichtungen der öffentlichen Wohlfahrtspflege zu kennen und zu erfassen. Das führte notwendigerweise dazu, daß irgendwo eine Stelle geschaffen werden mußte, die die einzelnen Wohlfahrtseinrichtungen und -Anstalten im Reich feststellte, ihre Bedürftigkeit prüfte und dem Reich sowie den ausländischen Spendern bekanntgab und ihnen gegenüber vertrat. Da es sich bei diesen Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege um ganz heterogene Institutionen handelte, mußte versucht werden, alle diese Einrichtungen unter gewissen großen allgemeinen Gesichtspunkten zu