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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-08-18 · 7 (18.8.1925) · p. Seite 112

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
7 (18.8.1925)
Article
Neue Wege der Wanderarmenfürsorge
Date
1925-08-18
Page
Seite 112 (sequence 3)
Language
German
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112 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Bedürftigen damit Mittel entzog, 'darf nicht mehr auf falsche Gutherzigkeit rechnen. Auch die Gemeindemitglieder müssen von der Organisation wissen. Sie werden ihre Beiträge der Provinzialkasse zahlen und können ruhig und bestimmt jeden Wanderarmen dahin weisen. Wer sich z. B. zwischen Nürnberg und Würzburg „durchschnorrt", wird wohl irgend einen Grund gehabt haben, die Kasse zu meiden; dann darf ihm nur mit größter Vorsicht begegnet werden. Es muß allerwärts in den Gemeinden das Verständnis dafür gefordert werden, daß die neue Organisation, zu der sich ja alle maßgebenden Persönlichkeiten und alle Richtungen bekannt haben, nur dann einen Erfolg haben kann, wenn man ihr Vertrauen entgegenbringt und ihre Maßnahmen nicht vereitelt. Jeder Arme, der die bayerische Grenze überschreitet, wird seine Karte erhalten und dazu die Mittel, bis zur nächsten Provinzialkasse zu gelangen. Mögen sich alle der Aufgaben, die hier unserer warten, bewußt sein. Es gilt mit vereinter Kraft einer Not zu steuern, die jedem, der sich mit ihr zu beschäftigen hat, tief ans Herz greift. Aber wie der Arzt am Krankenbette nicht so sehr sein Mitgefühl als seine ärztlichen Erfahrungen in aller Ruhe und Kaltblütigkeit sprechen lassen muß, so müssen auch wir versuchen, mit klaren Erwägungen die Not zu beseitigen oder mindestens zu lindern. Was für einen Erfolg wir haben werden, das steht nicht in unserer Hand; Menschenwerk bleibt immer Stückwerk. Wir wissen wohl: Organisationen können Menschen nicht ändern, aber Menschen können Organisationen ändern und was heute noch unvollkommen sein sollte, das werden wir morgen besser machen. Resolution: I. „Die zu einer Beratung der Angelegenheit der Wanderarmenfürsorge auf Einladung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden am 5. Juli 1925 in Nürnberg zusammengetretene Versammlung von Vertretern bayerischer Gemeinden, Rabbinern, Lehrern und UnterftützungSvereinen beschließt den Anschluß der bayerischen Gemeinden und Fürsorgeftellen an die von der „Hauptftelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise" in Berlin geschaffene Organisation und erklärt ihre Zustimmung zu den von der „Hauptftelle" vorgelegten Grundsätzen für die Arbeit dieser Organisation. Das Ziel dieser Zentralisierung muß neben der im Interesse der Allgemeinheit erstrebenswerten Einschränkung des Wanderbettels in erster Linie die Fürsorge für die Wanderarmen sein, denen unter Vermeidung von Bürokratie und Schablonisierung durch Arbeitsnachweise, Arbeitsstätten und zweckmäßige Gewährung von Unterstützungen die Exiftenzgründung erleichtert werden soll. Die Provinzialstellen sollen Stellen für Wanderarmenfürsorge und Arbeitsnachweise sein. 2. Zentralstellen (Provinzialkassen) sollen in Bayern rechts des Rheins zunächst errichtet werden in München, Nürnberg- Fürth und Würzburg. 3. Die pfälzischen und Saargemeinden werden sich aus Zweckmäßigkeitsgründen in dieser Sache mit den badischen Stellen zusammenschließen und mit diesen gemeinsam der deutschen Gesamtorganisation beitreten. 4. An den Grenzstationen sind besondere Fürsorgeftellen einzurichten, ferner soll Fühlung mit den Grenzgemeinden der Nachbarländer genommen werden. 5. Die Ausbringung der erforderlichen Mittel soll geschehen in erster Linie wie bisher durch die auf freiwillige Leistungen aufgebaute Vereinstätigkeit, im übrigen durch Beiträge der. Gemeinden zu den Aufwendungen der Zentralkassen. Die Umlegung der Kosten auf die Gemeinden des Landes soll durch Vermittlung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden auf Grundlage der Leistungsfähigkeit der Gemeinden im Verhältnis ihrer Steuereingänge erfolgen. Die öffentliche Wohlfahrtspflege der politischen Gemeinden und staatlichen Organisationen soll soweit irgend möglich zu dem Hilfswerk herangezogen werden. 6. Der V.B.I.G. wird ersucht, die Durchführung der Organisation durch entsprechende Aufklärung der Gemeinden des Landes und der jüdischen Öffentlichkeit, insbesondere auch durch das Verbandsorgan und die sonstige jüdische Presse zu fördern. 7. Für die Durchführung der Organisation, insbesondere für die vorher genannte Deckung des Finanzbedarfs und die Verteilung der Lasten soll durch das Präsidium des Landesverbandes ein Ausschuß eingesetzt werden, zu dem insbesondere Vertreter der Gemeinden zugezogen werden sollen, die als Zentralstellen in Betracht kommen." Fortschritte in der Organisation der X^andertürsorge Nachstehender Bericht stammt von der Zweigstelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise. Die Neuorganisation der Wanderfürsorge, die die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise in den letzten Monaten mit aller Energie weiter betrieb, hat erfreuliche Forschritte gemacht. Am 14. d. I. fand, in Breslau eine Tagung des Niederfchlesifchen Gemeindebundes Breslau-Liegnitz statt, auf der ca. 40 niederschlesische Gemeinden vertreten waren. Auf der Tagesordnung stand neben einigen organisatorischen Fragen in der Hauptsache die Gründung einer Prooinzialkasse für Wanderfürsorge. Es wurde ein Antrag Dr. Jacobsohn-Breslau angenommen, der folgendes forderte: . 1. Der Ausschuß des Berbandes wird beauftragt, die Gründung einer.Provinzialkasse für Wanderarmenfürsorge unter finanziellem Anschluß aller Provinzgemeinden zu betreiben. - 2. Es wird empfohlen, daß alle Verbandsgemeinden die in Breslau bestehende Arbeiterfürsorgestelle, die zur Provinzialkasse ausgebaut werden soll, durch angemessene Beiträge finanzieren müssen. (Antrag Hoffmann.) 3. Die Schaffung eines gut organisierten jüdischen Arbeitsnachweises ist anzustreben. Fernerhin ist es der Hauptftelle gelungen, den Anschluß der thüringischen Gemeinden an die neu gegründete Provinzialkasse für die Provinz Sachsen mit dem Sitz in Magdeburg herbeizusühren. Aus der Sitzung der thüringischen Gemeinden am Sonntag, den 29. 6. waren die wichtigsten Vertreter der thüringischen Gemeinden zusammenberufen worden. Die angeschlossenen Ge-, meinden verpflichteten sich mit M. 6.— pro Zensit an der Finanzierung der Provinzialkasse zu beteiligen. Die Vertreter von Gotha, Med.-Rat Dr. N o a ck und von Erfurt, Herr Weyerhof sprachen sich dafür aus, daß für die Übergangszeit noch eine Abfertigungsstelle in Erfurt bestehen müsse, da Frankfurt a. M. nicht so arbeite, wie es eigentlich zu wünschen wäre. Es käme immer noch eine Anzahl Durchwanderer nach Erfurt, die von Frankfurt nur auf ganz kurze Strecken befördert worden wären. Es wurde deshalb beschlossen, neben der Provinzialkasse Magdeburg eine Abfertigungsstelle in Erfurt zu errichten, dergestalt, daß die angeschlossenen Vereine ihre gesamten Beiträge nach Magdeburg leisten und Erfurt nach Bedarf von Magdeburg Geld zurückgezahlt erhält.

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