Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 7 (18.8.1925)
- Article
- Neue Wege der Wanderarmenfürsorge
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 111 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeinbezerlung ui wieder lebendig geworden sind. Wenn nicht alles trügt, werden die Hennnungen, die sich vor dem Kriege einer systematischen Zentralisation in den Weg gestellt hatten, verschwinden und wird in Kürze eine großzügige Neuorganisation der Wanderfürsorge geschaffen sein. Vielleicht ist es nicht nur die Not der Zeit und die Not der Juden, die dazu drängt — vielleicht haben wir in den letzten Jahren, der Not gehorchend, besser organisieren gelernt, wie ja auch die großzügig organisierte jüdische Hilfe in der Welthilfskonferenz sich ein, wie es scheint und wie man wünscht, recht brauchbares Organ geschaffen hat. Wie in anderen Teilen des Reiches, hatten sich auch in Bayern auf Grund der auf der Würzburger Tagung des V.B.I.G. gefaßten Beschlüsse, .angeregt durch die Berliner Zentralstellen, Vertreter der Gemeinden zusammengefunden, um in gemeinsamer Beratung alles Notwendige zu erörtern. Am 5. Juli 1925 tra- 7 ten die Delegierten einer großen Anzahl bayerischer Gemeinden, Rabbinate und Wohlfahrtövereinigungen unter dem Vorsitz des Herrn Dr. E. Straus-München, des Leiters des Sozialen Ausschussesrund Mitglieds des Präsidiums des Verbandes.zusammen. Als besonders willkommene Gäste waren Vertreter von Baden, der Pfalz und Salzburg anwesend. Aus der eingehenden Diskussion, die sich an das Referat eines Vertreters der Berliner Zentralstelle anschloß und die in der unten abgedruckten Resolution Hommel-Straus ihr Ziel fand, sei folgendes ausgeführt: Es bestand die allgemeine Überzeugung, daß die Zustände so, wie sie jetzt bestehen, nicht weiter geduldet werden können. Vielfach werden, wie ja fast allgemein bekannt ist, Mittel nur zu zwecklosem Herumreisen ausgegeben, der Arme wird zum weiteren Schyorren geradezu veranlaßt dadurch, daß man ihn immer weiter abschiebt, statt ihm Arbeit zu verschaffen; der Geschickte und Unverschämte versteht es, das Mitleid auszunützen, während der wirklich Bedürftige oft leer ausgeht. All das schreit geradezu nach Abhilfe. Es wird ganz gewiß kein System geben, mit dem man die Schäden radikal beseitigt. Wie schon die soziale Einsicht der Bibel erkannt hat, daß die Armut auf Erden niemals aufhören wird, so wird auch der Arme nicht davon abgehalten werden können, auf die Wanderschaft zu gehen, um anderwärts bessere Lebenöbedingungen zu finden. Ein Universalmittel wird es also ganz gewiß nicht gegen den Wanderbettel geben. Aber mögen auch die jetzt einzuschlagenden Wege noch nicht die rechten sein, mag das vorgeschlagene System noch Mängel haben - ein schlechtes System ist jedenfalls besser als die bisher bestehende Syftemlosigkeit. Das war der Grundgedanke, von dem aus die Vertreter der Gemeinden sich einhellig zur gemeinsamen Arbeit bekannten. Man war sich wohl bewußt, daß eine Einordnung unter einen großen Plan nicht etwa eine Ersparnis an Geld bedeuten würde — aber man glaubte doch erwarten zu können, daß das verausgabte Geld besser und nutzbringender verwertet werden würde, als es früher der Fall war. Nicht leicht soll der Einwand genommen werden, daß mit der geplanten Systematisierung viel von der guten alten jüdischen Zedokoh verloren gehe, daß, wenn der Arme in einem Büro abgefertigt wird, der einzelne nicht mehr in die Lage kommt, die religiös-soziale Pflicht der persönlichen Armenunterftützung auszuüben. Wir leben aber, das wurde mit Recht erwidert, nicht mehr in den patriarchalischen Verhältnissen, in denen der Wanderer als Orach ins Haus genommen ward, hier seine Schnurren erzählte (daher der Name Schnorrer!) und mit einer Gabe beschenkt das Haus verließ, um weiter zu wandern. Es ist doch tatsächlich meist so, daß dem um Hilfe Nachsuchenden ohne Prüfung der Verhältnisse eine Gabe gereicht wird; das spricht für das gute Herz, aber nicht für einen geschulten praktischen Blick, der die nicht ganz leicht zu durchschauenden sozialen Verhältnisse beurteilen kann. Das gute Herz ist nicht immer der rechte Berater und man muß oft genug in der Lage sein, bewegten Worten und rührenden Klagen gegenüber ruhiges Blut zu bewahren. Gar nicht geben ist gewiß leicht; aber auch der, der ohne langes Besinnen und Prüfen gibt, macht es sich zu leicht. (Jener edle Zeitgenosse aus den „Fliegenden Blättern", der zu seinem Diener sagt: „Johann, schmeiß den Manu raus, er bricht mir das Herz", ist vom Standpunkt des Gebers aus gar nicht so weit entfernt, von dem so vielfach sich findenden Mitleid, das den Hinauswurf durch eine oder mehrere Mark mildert.) Die rechte soziale Hilfe leistet der, der nach dem Bibelwort: ,,maskil el dol" sich mit Verstand des Armen und seiner Bedürfnisse annimmt. Macht ja doch auch das Religionsgesetz Unterschiede zwischen den Kategorien der Armen. Wer aber hat — zumal in der Großstadt — die Zeit und die Möglichkeit, die Verhältnisse der Wanderarmen zu prüfen? Hier müssen Gefühle zurücktreten und die klare Erkenntnis Platz greifen, daß das schwierige soziale Problem der Wanderarmen nur mit Aufbietung und unter Zusammenfassung aller Kräfte, d. h. eben organisiert und systematisch angefaßt werden kann. Es wird, auch wenn diese Sparte der Armenpflege durchorganisiert sein wird, immer noch genug Gelegenheit zur Zedokoh geben; jeder der will, wird seine Zeit, seine Mittel, sein Interesse dem und jenem Armen zuwenden, wird im Haus seinen Kindern zeigen können, wie man Zedokoh und Gemillas Chesed übt. Welches sind nun die Grundzüge der geplanten Organisation? Ganz Deutschland soll mit einem Netz von Provinzialkassen überzogen werden; — der Wanderarme wird von einer Provinzialkasse zu der in nicht zu großer Nähe befindlichen nächsten geschickt, mit einem Ausweis, aus dem die bisher ihm gewährten Leistungen ersichtlich sind. Dadurch kann das zwecklose Umherfahren der Wanderarmen vermieden werden. Die einzelnen Kassen haben genau zu prüfen, ob die geplante Reise einen Zweck hat oder nicht. Dabei wird der Inländer möglichst zur Heimat zurückzubefördern sein; beim Ausländer muß erwogen werden, ob er ein bestimmtes Ziel oder Aussicht hat, in Deutschland eine Existenz zu finden. Diese Prüfung wird vielfach schon in den Grenzgemeinden vorgenommen werden müssen. Diese Grenzgemeinden, die meist nur sehr wenige Mitglieder zählen, haben zum Teil schon Bewundernswertes geleistet. Aber es wird, das hat sich erwiesen, notwendig sein, ihnen nicht nur mit finanziellen Mitteln, sondern auch mit organisatorisch geschulten Beamten zu Hilfe zu kommen. Wo es angängig ist, sollen Arbeitsstätten errichtet werden, in denen die Wanderarmen zu positiver Tätigkeit wieder herangezogen werden können. Wenn die eine Voraussetzung erfüllt ist, daß derartige Provinzialkassen in ganz Deutschland - für Bayern sind zu nächst Kassen in München, Nürnberg und Würzbura vorgesehen — und auch in den angrenzenden Ländern eingerichtet sind, dann wird eine eingehende Belehrung der Öffentlichkeit erfolgen müssen. Der Wanderarme muß wissen, daß er wirksame und gerechte Hilfe an den Kassen erhalten wird: w-w wirklich von Not getrieben war, wird zu einem Ziel gebracht werden, wer aber nutzlos von einer Gemeindekafse zur andern ging und dem wirklich Die nächste Nummer erscheint 10. September