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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-07-06 · 6 (6.7.1925) · p. Seite 103

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
6 (6.7.1925)
Article
Die drei Wünsche Salomo's
Date
1925-07-06
Page
Seite 103 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 103 O Fürst, ich weiß wer Du bist, Du aber kennst mich nicht! Ich bin der Schutzgeift dieses Waldes und kenne Dich seit lange, ich liebe Dich, denn Du hast meine guten Tiere immer geschont, darum habe ich ihnen auch befohlen, Dir ihre Sprache zu lehren. Heute Abend nun habe ich Dich noch ganz genau geprüft, Du bist würdig ein großer König zu werden, und Du wirft es einst worden sein! Wenn Du morgen erwachst, so gehe immer so, daß Du die Sonne im Rücken hast, dann kommst Du sicher wieder heim. Auf Deinem Weg aber wirft Du einen Baum finden, neben einer -Quelle ist er gewachsen; in der Höhe Deines Hauptes teilt er sich in drei Äste, dort wirft Du ein leeres Nest finden, und in ihm drei kleine Federn, die Du herausnehmen und sorgfältig aufbewahren mußt. Wenn Du eine über einem Feuer von Granatholz verbrennst und dabei einen Wunsch auSsprichft, so wird er Dir erfüllt werden!" Dann verschwand die Fee. Als der Prinz am frühen Morgen erwachte, lag er auf weichem Moos, unter einem dichten Baum, die Hütte aber und die Alte waren verschwunden. Da begriff er, daß er nicht geträumt hatte und begab sich in tiefen Gedanken auf den Heimweg. Bald kam er zu der Quelle, wie es ihm die Fee gesagt hatte und fand alles genau so vor, wie sie eS ihm beschrieben. Nachdem er die drei Federn sorgfältig auf seiner Brust verborgen hatte, dankte er ihr in lauten Worten, worauf ihm ein freundliches Rauschen, das fast wie eine Stimme klang, bewies, daß sie ihn gehört hatte. — Die Jahre vergingen, der Jüngling reifte zum Mann heran. Sein Vater, König David, ließ ihn eines Tages vor sich bescheiden und teilte ihm mit, daß er nun auch daran denken müffe sich eine Gemahlin zu suchen, damit ihr Geschlecht und der Thron weiter bestehen blieben. Salomo, der später die Frauen so sehr lieben sollte, hatte bisher noch nicht an sie gedacht, sondern mehr daran, sein Wissen und seine Kenntnisse der Natur zu vermehren. Daher machte die Rede feines Vaters einen tiefen Eindruck auf ihn, und nach feiner Gewohnheit schloß er sich ein, um im Gebet und tiefen Sinnen mit sich selbst ins Klare zu kommen. Er dachte an die schöne vergangene Zeit, die er in Wäldern und Bergen, in Gottes großer, schöner Natur verlebt hatte; das würde nun wohl ein Ende haben, wenn er sich in Zukunft seiner Familie widmen müsse. Voll Wehmut gedachte er jener Stunden, als ihm plötzlich die Fee mit den drei Federn einfiel. Er ließ sofort durch seine Diener ein Feuer aus Granatholz Herrichten, und als er wieder allein war, betete er: „Allmächtiger, der Du in Deiner Güte und Allwissenheit mir damals jene gute Fee geschickt Haft, gib, daß ich durch eine der Federn zu der besten, klügsten und schönsten Frau komme, die Du erschaffen Haft!" — Nach diesen Worten warf er eine der drei Federn ins Feuer, .ein kleines Rauchwölkchen stieg in seltsamen Kreisen und Ringeln auf und schien für einen Augenblick die Züge eines wunderbar schönen jungen Weibes anzunehmen, dann hatte ein leiser Lufthauch, der vom Garten hereinkam, die Vision verweht. In tiefes Staunen und Nachdenken versunken stand der Prinz da, als plötzlich im Hof Fanfarenklänge erschallten. Es waren Herolde des Nachbarreiches, welche kamen, um dem König David eine Gesandschaft anzukünden, die ihnen auf dem Fuß folgte. Sie meldeten dem König, daß die Tochter ihres Herrn jetzt das Alter erreicht habe, um zu heiraten und, daß der Fürst glücklich sein würde, wenn ihre beiden Kinder sich vereinen würden, wie das schon bald nach der Geburt der Prinzessin von beiden Herrschern geplant worden war. Zugleich überreichten sie kostbare Geschenke, unter denen auch ein Bild der jungen Königstochter war. König David ließ seinen Sohn rufen, erzählte ihm, was die Gesandten berichtet hatten, und zeigte ihm das Bild. Zu seinem größten Erstaunen sah der Prinz, daß es genau dem Phantom glich, das er ihm Rauch des Feuers gesehen hatte, und er erkannte gleich, daß das alles göttliche Fügung fei, worauf er feinem Vater erklärte, daß er gerne seinem Befehl folgen und die Prinzessin heiraten wolle. Kurze Zeit langte sie mit großem Gefolge in Jerusalem an, und die Hochzeit wurde mit unerhörtem Prunk gefeiert. War Salomo schon von der flüchtigen Vision und dem Bildnisse der Prinzessin entzückt gewesen, wie viel mehr noch, als er erst seine junge Gattin näher kennen lernte, denn sie hatte nicht nur alle weiblichen Tugenden und war nicht nur unvergleichlich schön, sondern auch ebenso klug. Sie verbrachten beide ihre Zeit nicht nur wie oft andre junge Eheleute in müßigem Getändel, sondern lasen zusammen die Werke der größten Weisen und besten Dichter. In einer warmen Sommernacht, als der Sternhimmel im Glanz unzähliger Gestirne strahlte, bat der Prinz seine junge Frau ihm noch einmal das Gedicht eines arabischen Poeten, das von der Ewigkeit handelte, wie sie der Mensch nie und nimmer erfassen könne, vorzulesen. Gerne willfahrte sie seinem Wunsch; Salomo aber versank in tiefes Sinnen. Er dachte daran wie winzig klein die Spanne eines Menschenlebens sei, wie viele Geschlechter schon vor ihm gewesen seien, und wie viele noch nach ihm kommen würden, wie sich die Zukunft wohl gestalten könnte, und zuletzt ergriff ihn der unwiderstehliche Wunsch einen Blick in diese Zukunft zu tun. — Als sie sich dann zur Ruhe begeben hatten, war es ihm unmöglich einzuschlafen, er überzeugte sich vom festen Schlummer der Prinzessin, erhob sich leise, um sie nicht zu wecken und verließ das Gemach, um sich in ein anderes zu begeben, wo er in einem geheimen Schrank in der Mauer die beiden noch übrigen Federn verwahrt hatte. Er entzündete selbst das Feuer und betete: „Großer Gott, Herr der Welt, der Zeit, des Werdens und Vergehens, verzeihe mir meine Bitte, stille mein heißes Sehnen und laß mich einen Blick in die Zukunft tun, zeige mir, was in den nächsten tausend Jahren geschehen wird?" — Plötzlich ward es taghell um ihn, die Mauern waren wie durchsichtig geworden, er sah nicht nur seine Gemahlin im Nebengemach, sondern auch die Stadt, die Gärten, die Paläste, die Felder und Fluren, alles lag klar vor seinem geistigen Auge. Da erschien es ihm plötzlich als wenn die Züge seiner Gattin einschrumpften, daß nicht mehr sie, sondern eine alte Frau mit weißem Haar dort läge, in deren Zügen man kaum noch die der Prinzessin wiedererkennen konnte. Dann streckte sie sich mit einem Seufzer und war verschieden. Zugleich waren die jungen Bäume im Park hoch aufgeschossen, mit mächtigen Kronen, die sich entlaubten, die Blätter fielen, und auch Äste und Stämme sanken zu Boden. Der Garten wurde zur wüsten, halbverdorrten Wildnis, überwuchert von Disteln und Dornengeftrüpp. Dann sah er wie sich weit hinter der Stadt eine ungeheuere Menschenmaffe heranzuwälzen schien. Waffen blitzten im Gedränge auf, die Standarten flatterten hoch im Wind, schwerfällig bewegten sich riesige Kriegsmaschinen, die Rosse wieherten, die Posaunen schall-

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