Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 6 (6.7.1925)
- Article
- Kardinal Faulhaber über deutsches Nationalgefühl
- Date
- 1925-07-06
- Page
- Seite 96 (sequence 2)
- Language
- German
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96 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 soll. Ebenso werden wir gerne beipflichten den Sätzen in der These 14: „Deutschsein ist uns mehr als Deutschgeborensein..., der deutsche Heimatschein muß durch das persönliche, geistig reife Bekenntiris zum Vaterlande vollendet werden." Besondere Beachtung werden in unserem Kreis die Stellen der Rede finden, die ausdrücklich die Stellung des Redners zu den Juden behandeln. Es bleibt dem Kardinal-Erzbischof von München in jüdischen Kreisen unvergeffen, daß er in dunklen Herbsttagen des Jahres 1923, als wir von bangen Besorgnissen bedrückt waren, nicht aus einseitiger Vorliebe für die Juden, sondern getrieben von der sittlichen Verantwortlichkeit für die seiner Leitung anvertrauten Seelen, ein mutiges Wort für die bedrohten Juden sprach. Die Schrift gibt den Sachverhalt mit folgenden Worten wieder: „Am Sylvesterabend 1925 habe ich wie alljährlich im Dom gepredigt und zwar über das Thema „Die Kirche — der fortlebende Christus". In jener Predigt habe ich, da einerseits die Hungersnot eine schreiende war, andererseits die Erbitterung des Volkes in blutige Judenpogrome auszuarten drohte, bemerkt: Wir müßten alle in christlicher Liebe zusammenhelfen, kein Mensch dürfe in diesem Winter verhungern, jedes Menschenleben sei kostbar, auch das Leben eines Israeliten. Aus diesem einzigen Satz einer dreiviertelftündigen Predigt haben gewissenlose Berichterstatter die Behauptung gefolgert, ich hätte „die armen, verhungernden Juden in Schutz genommen" und eine politische Predigt gehalten. Es gibt ein GeschichtSbaumeiftern, das der bewußten Lüge ähnlich sieht, wie ein Skorpion dem andern." .... „Andere Lügen zielten auf die Auspeitschung der antisemitischen Leidenschaften: ich hätte mich für die von der Staatsregierung ausgewiesenen Juden verwendet. Tatsächlich habe ich Iammerbriefe erhalten, von Israeliten und von Christen, mich für AuSgewiesene zu verwenden, ich habe aber kein einziges Gesuch um Zurücknahme einer Ausweisung bei der damaligen Staatsregierung eingereicht, weil ich die Freiheit und Verantwortung amtlicher Entschließungen, die ich in meinem Amtsbereich für mich in Anspruch nehme, grundsätzlich auch der Regierung in Regierungsftagen zugeben muß." In jüdischen Kreisen war man seinerzeit nicht angenehm davon berührt, daß Kardinal Faulhaber seine an die Presse gerichtete Mahnung zur Wahrhaftigkeit in eine Form kleidete, aus der man hätte ableiten können, als ob sie vorzugsweise für jüdische Journalisten gelte. Heute erklärt er mit aller wünschenswerten Deutlichkeit, daß sie sich auch an die völkischen Zeitungen richtet, die sich mit Vorliebe zu Richtern über wirkliche oder angebliche Verfehlungen jüdischer oder als jüdisch bezeichneter Zeitungen aufwerfen. Und der Zustimmung aller rechtlich Denkenden gewiß ist der im Anschluß daran aufgestellte Satz: „Es gibt Zeitungsartikel, die in politischer Hochspannung gleichbedeutend sind mit einer Aufforderung zum Mord." BÄER & ÄUERBÄCH BANKGESCHÄFT MAXIMILIÄNSPLATZ18 Ausführung aller Börsen-Aufträge GOLD-PFANDBRIEFE Sicherste und hochverzinsliche Anlage geben wir zum Geldkurs netto Man braucht nur den Namen Rathenau zu nennen, und jeder Leser wird erkennen, wie nahe die Klagen, die die Rede zur Abwehr katholiken-feindlichcr Strömungen erhebt, sich mit denen berühren, die wir Juden gegen die judenfeindliche Bewegung zu erheben haben. Wir erwähnen aus der Fülle des Stoffes nur folgende Stellen: „Wir sind in den letzten Jahren mehr als einmal erschrocken über den Mangel an Ehrgefühl und Würde und Gemeinschaftssinn im deutschen Volke und namentlich über die gedankenlose, politisch unreife Art, wie man im „Volk der Denker" jedem stimmkräftigen Verführer zujubelte und jede noch so sinnlose Anklage sich zu eigen machte, ohne zu prüfen, ob alle diese Anklagen wirklich wahr seien und überhaupt wahr sein können. In solchen Zeiten geistiger Tiefspannung brauchen wir denkende Menschen, die zuerst über eine Sache Nachdenken, bevor sie anderen vordenken." Ferner: „Unserem Volk und Vaterland wird ein schlechter Dienst erwiesen, wenn man dem katholischen Volksteil und besonders der katholischen Studentenschaft die freudige Mitarbeit am Wiederaufbau dadurch erschwert, daß man die Katholiken als Griechen innerhalb Trojas verdächtigt und mit der roten Internationale auf gleiche Stufe stellt." An anderer Stelle: . „Als Professor der Universität Straßburg habe ich die Bücherverzeichnisse der Nachlaßbüchereien deutscher Professoren öfter zur Hand bekommen und darin seitenlange Listen von jesuitenfeindlichen Büchern, aber keine einzige Verteidigungsschrift von katholischer Seite gefunden. So erklärt es sich, wie auch bei geistig hochstehenden Männern der unglaublichste Aberglaube über das Wesen und Wirken, namentlich über die politische Allmacht der Jesuiten sich festsetzen konnte. Viele unserer Zeitgenossen leben noch in dem Wahn verkeilt, die Jesuiten können mit den Königen und Ministern der fünf Erdteile umspringen wie mit Figuren auf dem Schachbrett, sie könnten von heute auf morgen Weltkriege anschüren und wenn der Gang der Ereignisse zu ihren Plänen nicht passe, von morgen auf übermorgen das Weltfeuer wieder ausblasen ...." „Wäre es nicht wissenschaftlicher und ehrlicher, sich einmal ein eigenes, selbständiges Urteil über die Jesuiten dadurck zu bilden, daß man einen Iahraana der „Stimmen der Zeit" durchstudiert, oder das Buch von B. Duhr „Iesuitenfabeln" liest oder einmal bei ihnen Exerzitien macht, statt immer nur aus den alten, schon dutzendmal widerlegten Schmähschriften eine neue Schmähschrift zusammenzuschreiben ...." Drängt sich beim Lesen solcher Stellen nicht jedem von uns' der Gedanke auf, daß wir Juden nicht minder als die Katholiken unter leichtgläubig aufgenommenen sinnlosen Anklagen zu leiden haben, daß im Besitz vieler als gebildet gellender Mitbürger sich aanze Sammlungen judenfeindlicher Hetzbroschüren finden, aber nicht ein einziges ernsthaftes und objektives Buch über die Juden, daß auch uns die Arbeit für das Vaterland durch Mißtrauen und Verdächtigungen erschwert wird. Noch stärker fühlen wir uns als „Leidensgenossen" der Katholiken im Sinn des alten Spruches »solamen miseris, socios habuisse malorum“, wenn wir aus dem Mund des Kardinals vernehmen, daß man auch den Katholiken gegenüber eine Kriegsstatiftik aufmachen und