Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 6 (6.7.1925)
- Article
- Die jüdische Ausstellung in Köln
- Date
- 1925-07-06
- Page
- Seite 94 (sequence 1)
- Language
- German
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94 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Die jüdische Ausstellung in Köln. Von M. Rosenfeld -München. Die weit über die fröhlichen, arbeitSsamen Lande am Rhein, für das ganze deutsche Vaterland bedeutsame Iahrtausendfeiec in Köln enthält in dem vielen Wertvollen und Kostbaren, das sie den entzückten Augen des Besuchers darbietet, ein Kleinod besonderer Art in der jüdischen Ausstellung oder, um die offizielle Bezeichnung zu wählen, in der in drei Räumen untergebrachten Abteilung: Juden und Judentum im Rheinland. Kaum treffender kann die Bedeutung dieser Schau charakterisiert werden, als durch die Worte, die der Kölner Bürgermeister Dr. Linartz auf der Tagung des jüdischen Lehrerverbandes sprach: „Wir wußten gar nicht, daß Sie eine so alte Kultur in unserer Mitte haben... Ich habe die feste Überzeugung und den Wunsch, daß gerade diese Ausstellung den Stein legen möge zu einem künftigen idealen Mit- und Nebeneinander im Dienste unseres Vaterlandes." Aber nicht nur das vielen Besucher zunächst fremdartige der Ausstellung dürfte den Grund bilden, daß die jüdische Abteilung zu den besuchtesten der gesamten Iahrtausendschau gehört; nein, auch dem Fernstehenden mag wohl ein leises Ahnen davon aufgehen, daß diese vielhundertjährige Kultur verbunden ist mit dem Boden, dem sie entwachsen; daß sie aber zugleich auch die Frucht ist eines reichen und sorgfältig gepflegten Geisteslebens, daß ihre tiefste, immer sich erneuernde schöpferische Kraft jedoch fließt aus dem heiligen Borne der Religion. In altersgraue Zeiten führt die Geschichte der Juden im Rheinland zurück. Die geschäftige Sage läßt gar schon zur Zeit EsraS, also etwa 450 v. Ehr., Juden azm Rheine wohnen. Urkundlich nachweisbar ist ihr Vorkommen durch eine Verordnung des Kaisers Konstantin vom Jahre 521, die in einer photographischen Wiedergabe auf der Ausstellung zu sehen ist. In zahlreichen Pergament- und Papierurkunden wird von diesem Ausgangspunkte geschichtlichen Beweismaterials aus die wechselvolle, schicksalsreiche, oft schwere und stürmisch bewegte Geschichte der Juden am Rhein bis hart an die Schwelle der Gegenwart verfolgt und dort, so besonders im früheren Mittelalter, wo die Urkunden schweigen, tteten Steine und Baudenkmäler als beredte Zeugen der Vergangenheit an ihre Stelle. So künden uns Grabsteine aus Worms, Speier und Mainz, die teils in Originalen, teils in Abgüssen oder Bildern ausgestellt sind, von längstentschwundenen Zeiten, indem sie zugleich Zeugnis ablegen von den schlichten und doch so eindrucksvollen Gräbersitten unserer Vorfahren. Besonders bemerkenswert ist das Grabmal des Gold Juwelen Silberwaren in großer Auswahl EDUARD SCHÖPFLICH MÜNCHEN / PERUSASTR. Z Neuanfertigungen Umarbeitungen Reparaturen Massige Prei se Rabbi Meir von Rothenburg, eines der größten jüdischen N?eifter des Mittelalters, der nahezu 15 Jahre auf der Burg Cnsisheim im Elsaß in Gefangenschaft schmachtete und erst Jahre nach seinem dort erfolgten Tode in Worms zur letzten Ruhe bestattet wurde. Die Ausstellung der Grabsteine wird ergänzt durch Bilder einer Reihe jüdischer Friedhöfe, so aus Deutz, Kleve, Kreuznach und anderen Städten. Auch der alte Kölner Friedhof, der wahrscheinlich schon zur Römerzeit bestand, wird im Bilde vorgeführt. Von jüdischen Baudenkmälern aus dem Mittelalter wird das seit langem berühmte, in romanischem Stil gehaltene Iudenbad von Speier im Modell gezeigt, ferner das gleichfalls romanische Bad von Worms und Zeichnungen der aus frühgotischer Zeit stammenden Bäder in Andernach und Friedberg. Reich ist das Material, das von der Geiftesgeschichte der Juden am Rhein Kunde gibt. Schon frühzeitig blühte ja im Rheinland das Talmudftudium. Dort wirkten Gelehrte wie Rabbenu Gerschom in Mainz (um das Jahr 1000) und in seiner Jugendzeit) Raschi, deren Wirken für die Juden Deutschlands, ja für das gesamte abendländische Judentum von größtem Einflüsse war. Zahlreiche und kostbare Handschriften als Denkmäler dieses reichen Geisteslebens sind in der Ausstellung zu sehen, so eine Bibelhandschrift a. d. I. 1294, halachische Werke, die im Rheinland entständen sind, handschriftlich erhaltene Moral- und Gebetbücher. Ein aus dem 15. Iahrh. stammendes Machsor (Gebetbuch für die Feiertage) von Friedberg ist ob seiner wundervollen Schrift besonders hervorzuheben. Die in einigen Handschriften enthaltenen Miniaturen gehören zu dem Wertvollsten, was an gotischer Pergamentmalerei in Deutschland vorhanden ist, sie beweisen zugleich, daß die Kunst schon bei den Juden des Mittelalters eine Heimstätte gefunden hatte. Und ebenso wie die zeitgenössische Kunst war den Juden in früher Zeit auch die allgemeine Kultur und Wissenschaft nicht fremd; davon unterrichtet uns ein Bild des jüdischen Minnesängers Süßkind von Trimberg (im heutigen Unterfranken), ein Zeugnis über eine jüdische Augenärztin (1450) und eine interessante Photographie aus der Matrikel der Universität Heidelberg mit den Namen jüdischer Studenten. Aus den Darbietungen über die neueste Zeit soll eine statistische Übersicht über das reich entwickelt; jüdische Schulwesen der Rheinprovinz nicht unerwähnt bleiben. Wenn somit die Ausstellung ein treffliches Bild der Geschichte und des geistigen Strebens der rheinischen Juden entwirft, so ist doch das Schönste, was sie bietet, die Darstellung des religiösen Lebens in Familie und Synagoge. Alles, was dem jüdischen Hause an Symbolen und Ritualien seine Weihe verleiht, wird in mannigfachsten Formen und Stilarten, immer aber in hervorragend künstlerischen Arbeiten, gezeigt. In einer kleinen Nische, deren Eingang durch eine reich geschnitzte Mesusa geziert ist, ist ein Sedertisch mit allem Zubehör an Schüsseln, Bechern, gestickten Tüchern und Kissen ausgestellt und es ist ein glückliches Zusammentreffen, daß im gleichen Raum das Manuskript von Heines Rabbi von Bacharach aufliegt, in dem der Dichter dem Sederabend und seinem Festbuche, der Hagada, ein unvergängliches literarisches Denkmal gesetzt hat. Die ausgestellten Hagadas, von denen eine 1725 für den Urgroßvater Heines, Lazarus von Geldern, gemalt wurde, geben zugleich