Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 6 (6.7.1925)
- Article
- Hebräische Buchdruckereien im Gebiete des heutigen Bayern
- Date
- 1925-07-06
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeirung 93 Errichtung einer Druckerei zu erteilen. Wie im Großen die Juden selbst häufig nach den finanziellen Vorteilen bewertet wurden, die sie dem Landesherrn brachten und danach als Objekt größeren oder minderen Wohlwollens behandelt wurden, so erging eS im Kleinen auch ihrer Kunst: Graf Hohenlohe hoffte, wie uns Schudt in seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten" berichtet, durch die neuerrichtete Druckerei seinen Papiermühlen ein neues Absatzgebiet zu erschließen. In der Druckerei waren als Setzer und Korrektoren Angehörige und Bekannte des Druckherrn tätig, wie ja in der „schwarzen Kunst" die Familientradition bis zum heutigen Tag mehr noch als in anderen Gewerben und Kunsthandwerken eine Rolle spielt. In Wilhermsdorf sind außer dem Schwiegersohn sogar zwei Töchter Isaks tätig. Sie zeichnen am Schlüße der von ihnen gesetzten Werke mit ihren Namen Rebecca und Reichel unter der Hinzufügung riB'xn) nPmri// "psy*“ rpyisn d. h. die Jungfrau (Frau) Setzerin R. Ein Verzeichnis der Wilhermsdorfer hebräischen Drucke hat der dortige Pfarrer Johann Christian Wibel angefertigt. Der bekannte Frankfurter Gelehrte Prof. Dr. A. Freimann hat das Verzeichnis mit vielen literarischen Belegen im Jahre 1903 der Öffentlichkeit mitgeteilt. Danach verließen die Wilhermsdorfer Presse in den Jahren 1670-1739 ungefähr 150 Werke. Das bekannteste ist das Gelegenheitögebete für die Feiertage, besonders für die häusliche Andacht bei der Mahlzeit enthaltende Sammelbüchlein Likute Zewi, das der damalige Druckherr Hirsch (Zewi) b. Chajim erstmals 1738 zusammenstellte und herausgab und das seitdem mit geringen Änderungen, aber stets unter demselben Namen in ungezählten Auflagen und in vielen tausend Exemplaren in den jüdischen Häusern in Ost und West verbreitet ist, ohne daß die meisten die Entstehung des Titels kennen. Der Verfasser, der sich im Namen feines Werkes verewigen wollte, teilte das Schicksal aller jüdischen Autoren, hinter ihr Werk zurücktreten zu müssen. Der letzte Wilhermsdorfer Druck ist wohl der 1739 gedruckte vierte Teil des Schulchan Aruch in Folio, dessen hier abgebildetes Titelblatt in der Ornamentik der damaligen Zeit mit Anklängen an Barock- und Renaissancemotiven, wenn auch in etwas unbeholfener Weise, ausgeführt ist. Die Art der Verteilung der Zehngebote auf die zwei Tafeln beweist übrigens, daß der jüdische Druckherr sich um die „künstlerische" Ausstattung des Titelblattes wenig gekümmert hat. Im Gegensatz zur Wilhermsdorfer Druckerei, die von einem Fürsten aus dem Boden gestampft und in eine nicht passende Umgebung gestellt wurde, die sie nicht ernähren konnte, ist der F ü r t h e r Druck organisch aus seiner Umgebung herausgewachsen. Fürth entwickelte sich damals immer mehr zu einer geistig-religiösen Metropole der süddeutschen Iudenheit. Das Ansehen, das die Fürther Gemeinde weit und breit genoß, war durchaus berechtigt, da eS sich auf die dort heimische Thoragelehrsamkeit stützte und jede jüdische Gemeinde trotz der vielen anderen ihr obliegenden Aufgaben letzten Endes nur in dem Maße geschichtliche Bedeutung zu erringen imstande ist, als sie eine Pflegestätte des ThorastudiumS und der Gelehrsamkeit bildet. Der gelehrte und weitsichtige Gemeinde-Vorsteher Salomon Schneior war es auch, der zur Hebung der nachmals so berühmten Talmudschule 1691 die hebräische Druckerei begründete. Wenn wir an den damit verfolgten Zweck denken, wird es uns weiter nicht auffallen, daß außer der üblichen Laienliteratur in größerem Maße als in Sulzbach und gewiß als in Wilhermsdorf auch rabbinische Bücher, die von Kennern noch heute geschätzt und häufig modernen Ausgaben vorgezogen werden, die Fürther Pressen verließen. Der verstorbene Geschichtsforscher Rabbiner Dr. L. Löwenftein in Mosbach zählte über 500 einzelne Fürther Drucke auf. Vom Talmud erschienen jedoch zunächst nur einzelne Traktate und auch der 1829 begonnene Druck einer vollständigen Ausgabe kam nicht über den Anfang des dritten Traktates hinaus. Das letzte Erzeugnis des Fürther jüdischen Buchdrucks erschien 1868. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß 1702 — 22 infolge einer von einem getauften Juden namens Chriftfels eingeleiteten Bücherverfolgung die Druckertätigkeit in Fürth ruhte, und daß auch in Nürnberg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verschiedene hebräische Werke mit Übersetzungen, besonders' polyglotte (vielsprachige) Bibelteile, in der zweiten Hälfte deS 18. Jahrhunderts einige hebräische und jüdisch-deutsche Bücher gedruckt wurden. Wie wir sehen, lagen die drei Druckereien räumlich nahe beieinander. Da auch ihre am meisten verbreiteten Erzeugnisse, Gebetbücher usw., im Wesentlichen denselben Text aufwiesen, so kamen die Konkurrenten auf seltsame Ideen, um sich gegenseitig die Kunden abzufangen. So erklärt sich das Vorgehen Fürther Drucker, an der Stelle des Titelblatts, wo gewöhnlich der Druckort angegeben wird und in der für die Ortsangabe üblichen Letterngröße „in Sulzbach" zu drucken, darüber ganz klein "123// „wie". So hofften die Fürther bei dem an Sulzbachcr Ausgaben gewöhnten Publikum ihren Drucken leichter Eingang zu verschaffen. Solche Drucke nennt man Pseudo-Sulzbach. Es gibt auch Pseudo-Wilhermsdorf, Pseudo-Amsterdam usw. Ganz schlau war der Fürther Drucker Izik ben Löb Buchbinder, der Schwiegersohn des Sulzbacher Druckers Salman. Er gestaltete die Druckerformel folgendermaßen: „Gedruckt von Izik b. Löb Buchbinder, Schwiegersohn des Druckers Salman — in Sulzbach", die Ortsangabe entsprechend hervorgehoben. Was nun richtig und auch nicht richtig war. 0'esi 1s ton qui fait la chanson. Ein solch kleinlicher Geschäftstrick liegt auch bei dem in der Abbildung wiedergegebenen Fürther Gebetbuch vor, wo in großen Lettern Frankfurt a. M. als Druckort angegeben zu werden scheint. Bei näherem Zusehen wird aber vorher in kleinen Lettern Fürth als Druckort bezeichnet, während Frankfurt als der Ort angegeben wird, wo das Buch außer in Fürth - bei allen Buchhändlern zu haben sei. So sollten Frankfurter Kunden gewonnen werden. Eine andere Konkurrenz entstand den bayerischen Druckereien, weniger auf geschäftlichem als auf literarischem Gebiet, die aber deshalb umso gefährlicher war und die der wahre Grund für das fast gleichzeitige Eingehen der Sulzbacher und Fürther Druckereien war. Wolf Heidenheim hatte durch feine textkritischen Untersuchungen vielen Willkürlichkeilen in der Lokalisation wie in der Lesart der überlieferten Gebete ein Ende bereitet. Seine verbesserten und heute allein maßgebenden Gebetbücher und Machsorim, auch seine in ihrer Korrektheit bis heute unerreichten verschiedenen Pentateuch-Ausgaben mit Raschi-Kommentar, die er seit Ende des 18. Jahrhunderts in eigener Druckerei in Rödelheim bei Frankfurt a. M. herftellte, wirkten revolutionierend und beraubten die anderen Druckereien, deren Haupteinnahmequelle die liturgischen Werke bildeten, zum größten Teil ihrer Eristenzberechtigung und ihrer Existenzmöglichkeit. Das Bessere war der Feind des Guten.