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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-06-06 · 5 (6.6.1925) · p. Seite 80

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
5 (6.6.1925)
Article
Zur Geschichte der Juden in Bayern
Date
1925-06-06
Page
Seite 80 (sequence 1)
Language
German
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80 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 Zur Geschichte der luden in vayern Von vr. oee. pudl. Thea Strauß. (Fortsetzung und Schluß.) Die Heranziehung der Juden als Finanzleute war bedingt durch den Mangel an Geld in den Staatskassen, der seinerseits wieder hervorgerufen war durch die Ausgaben für die vorangegangenen zahlreichen Kriege und die Kosten der prunkvollen Hofhaltung Max Emanuels. Sundheimer stellt nun auf Grund genauester Berechnungen fest, daß 1725, als der Anteil der Juden an der Staatsschuld seinen Kulminationspunkt erreicht hatte, sich die gesamten jüdischen Gläubigerrechte auf 5 218 460 fl. beliefen, während der Schuldenstand mit über 20 Millionen. fl. angenommen werden kann. Aus dieser Gegenüberstellung folgert Sundheimer, daß man von einer überragenden Bedeutung der Juden im Sinne SombartS berechtigtermaßen kaum sprechen kann?') Als dann 1728 das Schuldenabledigungswerk für den bayer. Staat in einfacher Weise dadurch vor sich ging, daß den beiden Hauptgläubigern Noe und Wertheimer die Tilgung verweigert wurde, traten die Juden als Finanzleute in den Hintergrund. Es begannen jedoch nunmehr die Juden als Heereslieferanten eine regere Tätigkeit zu entfalten. Aber auch hier gelangten die Juden zu keiner überragenden Stellung. Der Haffaktor Abraham Mandel hat sich zwar ein Monopol in der Pferdelieferung zu erringen gewußt. Dieser Fall war jedoch vereinzelt. Sundheimer stellt fest, daß von irgend einer Versorgung der Armee mit Monturen, Waffen und Munition während des ganzen Jahrhunderts nicht bekannt ist. Wenn auch c:e Juden im siebenjährigen Krieg zum erstenmal stark in den Vordergrund treten und es auch richtig ist, daß die Juden die Kosten der Verpflegung dem Staate auf kurz» Zeit kreditiert haben, so ist damit die These Sombarts noch nicht bewiesen. Denn in Len meisten Fällen waren die Juden selbst wieder verschuldet und zwar an den christlichen Münchner Bankier Nocke r?") Er war der eigentliche Finanzmann der Verpflegung und ohne seine Beihilfe wäre auch die Hilfeleistung der Juden zusammengebrochen. Auch als Kreditoren des Staates spielten die Juden damals keine bedeutende Rolle. Der jüdische Anteil an den Staatsschulden rührte lediglich von alten, noch unbezahlten Darlehen her, die mit den daraus entstandenen Zinsen Dezennien lang im Schuldenwesen mitgeschleppt werden mußten. Erft gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfolgte wieder eine intensivere Verbindung zwischen Jude und Staat. Bei Regierungsantritt Karl Theodors konnte die Verfügung des neuen Kurfürsten zeitweise den Zinsendienft einzuftellen, die Finanznot des Staates nicht beheben. Es wurde im Gegenteil bewirkt, daß der schon geschwächte Kredit völlig untergraben wurde. Wie immer in solchen Zeiten der größten Finanznot erinnerte man sich nun der Juden. Besonders da sie die billigsten Lieferanten waren und zum großen Teil auf Kredit lieferten, wurden sie zunächst zum Verpflegungswesen der Armee herangezogen. Unter diesen Heereslieferanten ragten besonders die Haffaktoren W e ftheimer und Aron Elias Seligmann hervor. Der letztere war vom Jahre 1799 an der einzige Verpflegungsmodiateur der bayer. Armee. Man hatte ihn gerufen, um die Naturalbedürfnisse des Heeres auf Kredit zu erhalten. Es hatte zwar 3") Sundheimer: a. a. O. Bd. 2 p. 43. 38) Sundheimer: a. a. O. Bd.2 p. 45. auch die Weftheimersche Gesellschaft im Jahre 1798 die Ausgaben für die Truppenverpflegung mehrere Monate lang kreditieren müssen. Das geschah jedoch erzwungen und nicht aus freien Stücken, wie es Aron Elias Seligmann tat. Ihn und seinen Bruder, den Finanzmann Issac Seligmann, können wir als die einzigen vom kapitalistischen Geist beseelten jüdische Unternehmer jener Epoche bezeichnen. Wobei ich unter „kapitalistischen Geist" einen besonders intensiven Erwerbstrieb verstehe, der die Ansammlung großer Vermögensmassen! anstrebt, die weder 'zur Konsumtion noch zu Thesaurierungszwecken, sondern lediglich zur weiteren produktiven Arbeit dienen sollen. Mit den beiden Seligmann erfüllten sich auch in einem gewissen Grad die Forderungen, die Sombart als die Gründe der Entstehung des modernen Staats anführt?") Auch wenn wir nicht, wie Sombart aus fanatischer Prinzipienreiterei, die Entstehung desmodernen Staates auf ein einziges Causalmoment zurückführen, so müssen wir nach den Ausführungen SundheimerS auch die Ansicht ablehnen, die meint, daß die bayerischen Juden auch nur eines der vielen Anlässe gewesen seien, die bei der Entstehung des modernen Agrar-Industriestaates Bayern mitwirkten. Niemals, mit Ausnahme der beiden Seligmann sind die Juden zu einer wirklich überragenden Bedeutung gelangt. Das war ihnen auch bei der rechtlosen Stellung, die selbst die bayerischen Hofjuden inne hatten, unmöglich gemacht. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Stimmen immer lauter, die sich ernsthaft mit dem jüdischen! Problem beschäftigten und die in Wort und Schrift für Gleichstellung der Juden eintraten. Gleichzeitig als die durch den Rationalismus und Neuhumanismus geweckten Ideen zur Befreiung der Individualitäten führten, brachen sich auch die Emanzipationsbeftrebungen der Juden Bahn. Die Morgenröte einer neuen Zeit schien auch für sie gekommen zu sein, fast schien es, als ob das Wort vom „ewigen Ahasver" der Vergangenheit angehören sollte. Bayern erteilte der Kurfürst 1802 dem Landesdirektorium den Antrag zu prüfen, wie dieser „unglücklichen Menschenklasse eine Nahrungsquelle ohne Nachteil der kurfürstlich-christlichen Untertanen eröffnet werden könnte?"") Bald werden die Schulen dem Juden geöffnet, bald wird er in die Reihen des Heeres ausgenommen. Immer mehr nähert sich der Jude dem Ziele, in dem Lande, wo er wohnt, ein Vaterland zu finden. Dieses Ziel, das Maximilian Joseph bald zu erreichen wähnte, wurde jedoch durch die Kriegszeit um mehr als ein Jahrhundert hinausgerückt. Inzwischen wurde Bayerns Umfang durch viele neue Gebiete erweitert. Damit kamen auch wieder neue Juden an Bayern. (Reichsdeputationshauptschluß von 1805, Preßburger Friede 1805, Rheinbundsakke.) Alle diese Gebiete brachten ihre eigentümlichen Rechte bezüglich der Juden mit. Es erschien daher im Jahre 1809 ein Dekret, wonach die Gerichtsbarkeit über die. Juden auch fernerhin provisorisch in der Art beibehalten werden sollte, wie sie in den verschiedenen Teilen des Königreichs bisher bestanden hatte. Vor allem sollte aber die drückendste Fessel von den Juden fallen, bevor das Edikt von 1815 gegeben würde. :,ß) Sundheimer: a. a. O. Bd. 2 p. 49. 40) Aretin: a. a. O. p. 97.

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