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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-05-09 · 4 (9.5.1925) · p. Seite 59

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
4 (9.5.1925)
Article
Gemeindliche Lehrkurse
Date
1925-05-09
Page
Seite 59 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 59 Auge sieht, mehr Töne, als unser Ohr hört. Das Tier weiß dies nicht! William James erzählt von einem Hunde, der bei einem Experiment vorzeitig aus der Narkose aufwachte und entsetzlich litt. Er litt darum so entsetzlich, weil ihm dies alles diabolisch, sinnlos Vorkommen mußte, weil es außerhalb seiner Fassungskraft lag, zu begreifen, daß es der Erringung einer neuen Wahrheit galt. — Das Tier ist nur Nachkomme, der, Mensch ist Nachkomme und Erbe, d. h. er ist imstande, das was in der Vergangenheit an Einsichten des Göttlichen, was an Ehrfurcht erworben worden ist, in seiner Seele wieder wach zu rufen. Daß Ehrfurcht auch verloren gehen kann, haben wir zur Genüge an den Erscheinungen der Gegenwart erlebt. Ehrfurcht wieder erwerben können wir nur durch das, was ich die „religiöse Kinderstube" nenne. Wir müssen als Kinder einmal in der Religion wie in einem Märchen gelebt haben, müssen einmal ungebrochenen Herzens und' ungebrochenen Geistes gelebt haben in den Formen des religiösen Seins. Es ist nicht möglich, Menschen durch eine bloße Theorie zur Ehrfurcht zu erwecken, dies ist nur möglich, wenn man sie aufwachsen läßt in einem Lebenskreis, in dem Ehrfurcht vor dem Heiligen vorhanden ist. — Ein Kind, das einen Vater beten, eine Mutter segnen sieht, ist für alles Hohe des Menschentums niemals verloren gegangen. Es gibt nur einen Weg zur Ehrfurcht: Das fromme Haus. S. Vortrag Professor Dr. Stadler. Am 2. ds. sprach im Bibliotheksaal der Gemeinde Herr Dr. Stadler-Zürich über das Thema „Judentum und Kunst". Der Vortragende' ging von der Frage aus: Gibt es überhaupt eine jüdische Kunst, d. h. eine Kunst mit spezifisch jüdischen Merkmalen? Für das Gebiet der Literatur könne man diese Frage bejahen. In der bildenden Kunst verwies der Redner auf bekannte italienische und holländische Maler nichtjüdischer Herkunft. Diese Künstler seien in jungen Jahren nach Holland und Italien gekommen und hätten sich vollkommen der dort herrschenden Art angepaßt. Der jüdische Künstler, durch Generationen verwurzelt mit westlichen Ländern und westlicher Kultur unterliege der Gefahr einer solchen „Assimilation" natürlich in höherem Maße. Tatsächlich weisen auch die Werke hervorragender jüdischer Darsteller keine spezifisch jüdischen Züge aus. Das gelte für Israel wie für Liebermann. Die Wahl des Themas sei nicht entscheidend. Am tiefsten in die jüdische Seele geblickt habe ein Nichtjude, der Maler Rembrandt. Auch in der Architektur jüdischer Künstler sei nichts spezifisch Jüdisches zu bemerken. Das Kaufhaus „Wertheim" von Messel erbaut, sei ein Typus der Wilhelminischen Aera. Zum Schlüsse ging Herr Dr. Stadler auf die Frage ein, ob eine jüdische bildende Kunst überhaupt möglich und wahrscheinlich sei. Wie Martin Buber richtig erkannt hat, könne eine solche nur auf heimischem Boden erwachsen. Die steigende Zahl von Künstlern unter den Juden beweise, welch starker Trieb zur Kunst im jüdischen Volk vorhanden sei. Wenn dieser Trieb seine Nahrung aus der Erde Palästinas ziehe und unter heimatlicher Sonne blühe, dann werde er vielleicht als Frucht die jüdische bildende Kunst bringen. Den Vortrag lohnte reicher Beifall! Zum Schlüsse wurden im Lichtbild Gemälde Rembrandts mit jüdischen Themen vorgeführt. v. W. Die neuerliche Agitation gegen das jüdisch-rituelle Scbiachlverkahren Von Kommerzienrat Sigmund Fränkel-München. Im Anschluß an die Münchner Tagung des Verbandes der Tierschutzvereine Deutschlands, in welcher u. a. der auf Erlaß eines Schächtverbotes abzielende Antrag des Vereins Düffeldorf auf Veranlassung des ersten Vorsitzenden des Münchener Tierschutzvereins, Polizeipräsident a. D. Dr. Bastian, von der Tagesordnung abgesetzt wurde, hat sich die Münchener Tagespreise zum Teil wieder einmal agitatorisch mit der Schächtfrage befaßt. Ein vom reinen Laienstandpunkt aus geschriebener, in Nr. 110 der M. N. N. veröffentlichter Aufsatz des Herrn ORR. Dr. Einhauser hat durch den ehemaligen Münchener Schlachthausdirektor, Obertierarzt a. D. Moelter eine eingehende fachmännische Widerlegung erfahren, die wir als unseren Lesern bekannt voraussetzen dürfen. Nun haben aber die Nationalsozialisten!' im Stadtrat einen Antrag eingebracht, der ein vollständiges Verbot des Schächtens auf Umwegen bezweckt. In den jüngsten Tagen ist seitens der völkischen Fraktion im bayerischen Landtag ein in gleicher Richtung gehender Antrag eingebracht worden. Für denjenigen, der auch nur oberflächlich mit den religiösen Satzungen des Judentums vertraut ist, kann kein Zweifel darüber obwalten, daß gerade auf dem Gebiete des Tierschutzes das jüdische Schrifttum die allerftrengsten Anforderungen an seine Bekenner stellt. Von dem bereits im Dekalog niedergelegten Gebot, die Haustiere in vollem Umfange an der Sabbatruhe teilnehmen zulassen ganz abgesehen, sei hier beispielsweise auf das Verbot, ein Tier zu kastrieren oder sonstwie zu verstümmeln, hingewiesen, ein Umstand, der es bekanntlich den Söhnen orthodoxer Familien unmöglich macht, sich der Veterinärheilkunde zu widmen. Die biblische Vorschrift „du sollst dem beim Dreschen verwendeten Ochsen nicht das Maul verbinden", entspringt zweifelsohne ebenso tierfreundlichen Beweggründen, wie die Vorschrift des Talmuds, daß bei der Rückkehr von einer Wagenfahrt zuvor die Pferde gefüttert werden müssen, bevor der Mensch seine eigene Mahlzeit bereiten darf. Auch die biblische Vorschrift, selbst dem Esel seines Feindes unter allen Umständen die Last abzubürden, bevor das Tier zusammenbricht, gehört in das gleiche Gebiet. Diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren, weshalb die Unterstellung, als ob die mosaischen Satzungen ein-e tierquälerische Schlachtungsart vorschreiben, als grotesk und widersinnig von jedem Bibelkundigen zurückgewiesen werden muß. Wenn wir im Nachstehenden trotzdem versuchen, sachliches Material zu dieser Frage der Öffentlichkeit zu unterbreiten, so sind wir uns von vornherein bewußt, daß es uns nicht gelingen wird, unsere politischen Gegner zu überzeugen. Es soll auch ohne weiteres zugegeben werden, daß das Töten der Schlachttiere, gleichviel durch welche Schlachtmethode dies erfolgt, bei Menschen, deren Gefühlsleben fein abgestimmt ist, keinen erfreulichen Eindruck zurückläßt. Aber wir müssen uns auf das Entschiedenste dagegen verwahren, daß über Vor- und Nachteile von Schlachtmethoden das ästhetische Gefühl der Bevölkerung als letzte Instanz befinden soll. Auf diesem Gebiete haben in erster Linie die Fachleute aus Wissenschaft und Praxis zu urteilen und wir müssen uns als Laien darauf beschränken, unseren Lesern nur einige ganz kurze Auszüge aus der einschlägigen Literatur vorzuführen. Auch bei dieser Auslese muß cs im Hinblick auf den zur Verfügung stehenden Raum bei der Wiedergabe von Gutachten in München bekannter, jedem Laien dem Namen nach geläufiger, allererster Sachverständiger sein Bewenden haben. Nach dieser Richtung hin sei zunächst feftgestellt, daß die Kultusgemeinde München im Dezember 1893 ein Gutachten der damaligen Obertierärzte im Schlacht- und Viehhof München, der Herren I. Magin und F. Moelter eingeholt hat, das zu dem Ergebnis gelangt, „daß das Schächten als eine minde-

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