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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-05-09 · 4 (9.5.1925) · p. Seite 58

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
4 (9.5.1925)
Article
Gemeindliche Lehrkurse
Date
1925-05-09
Page
Seite 58 (sequence 1)
Language
German
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58 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Semeindliche Lehrkurse. Schon seit geraumer Zeit veranstaltet die Münchener isr. Kultusgemeinde Lehrkurse, die Ausgezeichnetes bieten. Nachstehend bringen wir zum ersten Male eingehendere Berichte, um den Lesern ein Bild von dieser bedeutsamen Einrichtung zu geben. Vorträge von Herrn Profeffor Dr. Goldstein-Darmstadt. Das Thema des ersten Abends lautete: Buddhismus und Judentum. Hiezu führt der Redner aus: Im geistigen Leben der Menschheit gibt es Oberflächen- und Tiefenströmungen. Die Oberflächenströmungen sind die wechselnden Theorien der Zeit, die von anderen Theorien wieder auf die Seite geschoben werden. Die Tiefenströmungen bilden die Urgedanken. Diese sind einige wenige Gedanken, die sich von Anfang der Kultur bis in die Gegenwart hineinschieben, die sich immer neu gestalten, sie sind keine Denkprodukte, sondern entstammen dem Leben, das jeder Generation dieselben Fragen stellt. Diese Urgedanken sind verkörpert in den Weltreligionen. Zwei solche Urgedanken sind: Buddhismus und Judentum. Diese beiden Urgedanken stellen zwei diametral entgegengesetzte Antworten auf die Frage vor: Wie soll sich der Mensch zum Leben verhalten? Diese Frage ist keine müßige Spekulation, sondern ist mit unserer Existenz auf das Engste verknüpft. Mit den Tieren gemeinsam ist uns ein instinktiver Selbsterhaltungstrieb. Bei dem Menschen wird der Selbsterhaltungstrieb zum Problem. Er hat sich zu rechtfertigen auf die Frage: Ist das Leben überhaupt wert, gelebt zu werden? Hierauf gibt es grundsätzlich zwei Antworten. Entweder man bejaht das Leben trotz aller Leiden oder man sagt „nein" zum Leben. Je eine dieser beiden Antworten sind verkörpert in Judäa und in Indien. In Judäa hat man die Frage in bejahendem, in Indien in verneinendem Sinne beantwortet. Im europäisch-amerikanischen Kulturkreise ist die Bejahung des Lebens erfolgt. Der Buddhismus beantwortet die Frage nach dem Werte des Lebens mit „Nein". Er geht vom Leiden aus, sein ganzes Denken rankt sich um das Leiden. Das Leiden und seine Unentrinnbarkeit wird so schmerzhaft empfunden, daß dies zur Verneinung des Le^ bans führt. Der Grund aller Leiden besteht nach dem Buddhismus aber darin, daß der Mensch das Leben bejaht. Wir müssen daher versuchen, aus dem Leben herauszukommen. Die Konsequenz ist aber nicht der'Selbstmord, denn der Selbstmord ist nicht die Verneinung des Willens zum Leben überhaupt, sondern nur des Willens zu diesem Leben. Wir müssen durch das Leben hindurch, um aus dem Leben herauszukommen. Der Indier glaubt an die Wiedergeburt. Hat jemand als guter Mensch gelebt, so wird er unter besseren und höheren Lebensbedingungen (d. h. in einer höheren Kaste!) wiedergeboren, eine Art moralischer Kausalität (Karma!). In der höchsten Kaste, der Brahminenkaste, ist der Wille zum Leben so weit abgestorben, daß der Mensch nicht mehr wiedergeboren wird. Hier beginnt der Eingang in das Nirwana, in das Nichts. Anders ist der Weg des Judentums und mit ihm der der europäisch-amerikanischen Kultur. Das Judentum ist die große weltgeschichtliche Lebensbejahung, Es bejaht das Leben nicht etwa, wie Schopenhauer ihm vorwirft, auf Grund einer Kalkulation, .wonach die Summe der Lust größer sei als die der Unlust... Es bejaht das Leben vielmehr trotz und gegen alles Leiden, weil es die Möglichkeit gibt, sittliche Ideale zu verwirklichen. Diese Lebensbejahung setzt gewisse Grundgedanken voraus. Vier Grundgedanken sind es, von denen aus das Judentum sich positiv zum Leben stellt. Zum ersten: Der Glaube an Gott, der Glaube, daß hier ein Geist lebendig wirkt, der mit dem Höchsten, was in uns lebt, verwandt ist. Dieses Höchste in uns ist das Ethische, Gott ist die ethische Weltmacht. Zweitens: Das Verhältnis Gottes zur Welt ist das Verhältnis des Schöpfers zur Schöpfung, also ein liebendes. Drittens: Der Sirtn der Geschichte. Das Judentum glaubt, daß die Weltgeschehnisse Sinn und Bedeutung haben. Messianismus ist der Glaube an einen letzten Sinn der Geschichte. Das Judentum glaubt viertens an einen Ewigkeitswert der Persönlichkeit, an die Unsterblichkeit. Das Leben kann nicht mit dem körperlichen Tod beendigt sein. Dies 'wäre Sinnlosigkeit angesichts der Zufälle des Daseins. Diese Lebensbejahung hat den aktiven und männlichen Lebenstyp gebildet und hat das gesamte europäische Denken durch Jahrtausende geleitet. Im 5. Buch Moses wird sie als Forderung ausgesprochen: „Siehe ich habe Dir heute vorgelegt, den Segen und den Fluch, das Leben und den Tod, so wähle denn das Leben!" Am 2. Abend sprach Prof. Goldstein über: „Ehrfurcht als Forderung des Judentums." Ehrfurcht ist etwas Seltenes, sie kommt wie eine Gnade. Sie ist etwas Seelisches und wie alles Seelische verknüpft mit körperlichen Bewegungen. In der Bibel haben wir eine große Reihe von Ehrfurchtserlebnissen. Diese sind nicht in der psychologischen Sprache unserer Zeit wiedergegeben, sondern, wie es auch der Dichter macht, durch körperliche Bewegungen. Moses erhielt das Gebot: Ziehe Deine Schuhe aus! — Das Ausziehen der schmutzigen Schuhe versinnbildlicht die Ehrfurcht. Oder das Erlebnis des Elias auf dem Berge: Ein Sturm kommt, ein Feuer kommt, endlich ein leises Säuseln. Nun verhüllt er sein Haupt, er tritt zurück, er vermag nicht hinzusehen. — Der Jude hat so starke Ehrfurcht vor Gott, daß er nicht wagt, seinen Namen auszusprechen und dafür sagt: Adonai! Mein Herr! — Goethe hat einmal an einer Stelle folgende Worte gesagt: Die Leute traktieren Gott, als wäre das unbegreiflichste, gar nicht auszudenkende höchste Wesen nicht viel mehr, als ihresgleichen. Sie würden sonst nicht sagen: Du Herrgott!, Du lieber Gott!, Du guter Gott! Wenn wir Menschen der neuen Zeit uns Ehrfurcht klar machen wollen, so tun wir dies mit den Mitteln der modernen Psychologie, mit Hilfe der. „Introspektion". Sie zeigt uns die Ehrfurcht als ein Hingerisseüfein von der Größe und gleichzeitig als eine Scheu, eine Furcht, ein Zurücktreten. So wie wir ein Heiligtum mit Furcht ehren und doch nicht davor fliehen, sondern näher hinzu dringen. Das Objekt der Ehrfurcht ist nichts Quantitatives, nichts Totes. Ehrfurcht haben wir nur vor Gott und vor allem» was irgendwie Bezug auf Gott hat. Oder wenn wir das Theologische beiseite lassen, vor allem was uns ungeahnte Rätseltiefen, unergründliche Schöpferkraft ahneN läßt. Wenn wir die Weltformel kennen würden, so wie es sich Laplace einmal gedacht hat, daß uns die ganze Welt in einer mathematischen Formel gegeben wäre, vor dieser Welt könnten wir keine Ehrfurcht mehr haben. Eines der feinsten Worte, das ein Denker des 18. Jahrhunderts gesprochen hat, lautet: Ein erkannter Gott ist kein Gott! — Ein Gott, den ich begreife, ist ein armseliges Wesen, vor dem ich keine Ehrfurcht mehr habe. . Der Ehrfmcht verwandt ist die Pietät. Man kann sie eine abgeblaßte Ehrfurcht nennen. Als die Frankfurter Synagoge abgebrannt war, wurden die Steine im alten Judenfriedhof aufbewahrt. Dies ist Pietät. In den Sprüchen der Väter heißt es: Auch die zerbrochenen Tafeln wurden in der Bundeslade aufbewahrt. Pietät verknüpft das Band der Geschlechter untereinander. Ehrfurcht geht auf Unsichtbares, Pietät auf Sichtbares. Es ist möglich, daß beides gleichzeitig in einem Menschen sich abspielen kann. Wem Goethe ein Stück seines eigenen Lebens bedeutet, der wird, wenn er einmal in dessen Sterbezimmer zu Weimar kommt, dieses doppelte Empfinden haben, Ehrfurcht: Hier waltete ein gottbegnadeter Meister! und zugleich Pietät bei dem Anblick der aus jener Zeit stammenden Gegenstände. Wir stellen uns die Frage, ob Ehrfurcht etwas natürlich angeborenes ist, wie die Furcht oder nicht? Auch Goethe hat sich in seinem großen Erziehungsroman „Wilhelm Meister" diese.Frage vorgelegt und ist zu dem Schlüsse gekommen: Die Furcht ist dem Menschen angeboren, die Ehrfurcht dagegen wird durch Erziehung hervorgerufen. Sie kommt uns nicht als Naturwesen zu. Ehrfurcht ist etwas spezifisch Menschliches, es gibt keine Regung der menschlichen Seele, die ihr so ureigentümlich wäre, wie die Ehrfurcht. Was unterscheidet uns denn vom Tiere? Das Tier ist an die Sinne gebunden und ist an die Gegenwart verhaftet. Der Mensch ist beides nicht. Die Welt des Pferdes und die Welt der Mollusken sind etwas vollkommen Verschiedenes, weil beide mit anderen Sinnen die Welt auffassen. Auch die Welt des Menschen hängt von seinen Sinnen ab, aber er ist das einzige Geschöpf, das weiß, daß diese Welt nur einen kleinen Ausschnitt aus einer viel.größeren und weiteren Welt darstellt, daß es mehr Farben gibt, als unser

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