Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 1 (27.2.1925)
- Article
- Der Verband bayerischer israelitischer Kultusgemeinden
- Date
- 1925-02-27
- Page
- Seite 9 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 9 dem Verband seine Steuer zahlt, daß dadurch eine Notabeln- Plutokratie ausgeschlossen ist, die geeignet wäre, das Verantwortlichkeitsgefühl des einzelnen zu unterbinden. Der wirtschaftlich Schwächste draußen auf dem Dorfe soll das Bewußtsein haben,^ daß er seiner Vermögenslage entsprechend für den Verband dasselbe leistet, wie der Reichste der Großstadt. Gerade dieser demokratische Aufbau des Verbands hat zum großen Teil die Schwierigkeiten besiegt, die seiner Gesundung entgegenstanden und die wir oben angedeutet haben. Das Mißtrauen der Klein- und Mittelgemeinden, die nicht nur Objekte der Fürsorge sein wollen, wurde dadurch beseitigt. Wenn wir noch von einer anderen Schwierigkeit sprechen sollen, die bei der Verbandsgründung als bedrohliches Hindernis obwaltete, so war es die Befürchtung, daß religiöse Differenzen im Verband zum Austrag kommen könnten und daß eine Minderheit, in diesem Fall die konservative, beeinträchtigt oder gar majorisiert werden könnte. Die bisherige Geschichte des Verbandes hat bewiesen, daß diese Befürchtung unbegründet war. Der Verband sah in seinen Satzungen zwei Hauptausschüsse vor für Kultus, Ritus und Unterricht, den einen für die Anhänger der liberalen Richtung, den anderen für die Anhänger konservativen Anschauung. Sie sollten in Aktion treten, so oft Gesetzesentwürfe die religiöse Anschauung berührten, und sie sollten das Recht haben,- ihre Beschlüsse sowohl im Verband als auch gegenüber den Behörden selbst zu vertreten. Es ist nun festzustellen, daß diese Hauptausschüsse bisher überhaupt noch nicht in Wirksamkeit traten. Wir sind aber überzeugt, daß nicht sowohl die Satzung, als vielmehr der Geist, mit dem sie gehandhabt wird, hier von ausschlaggebender Bedeutung ist. Die Leitung des Verbands steht mit dem Geiste ausgleichender Gerechtigkeit, mit tiefem Verständnis und .mit aufrichtigem Wohlwollen den religiösen Ansprüchen der Mitglieder des Verbandes gegenüber. Und der Geist der Leitung teilt sich auch dem Verband in seiner Gesamtheit mit. Der Bund gesetzestreuer Gemeinden Bayerns, der als Zweckverband zur Vertretung und zum Schutz der konservativen Interessen innerhalb des Verbandes gegründet wurde, kann mit Dank und Genugtuung feststellen, daß er bei allen seinen Anregungen und Forderungen bei der Verbandsleitung nicht nur Verständnis, sondern auch wirksame Förderung gefunden hat, daß demgemäß der Geist uneingeschränkten, aufrichtigen Vertrauens sich als Band um die beiden Vereinigungen geschlungen hat, das eine fruchtbringende Arbeit Mahnwort Kaum ein Jahr ist übers Land gegangen, da stand unser ganzes deutsches Volk noch unterm Druck der Jahre nach dem Krieg. Die Schwere der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse lag drückend auf allen Kreisen und Ständen und an der Not der Zeit hat unsere Gemeinschaft ihren besonderen Anteil gehabt. Da hörten wir aus unseren Reihen viel Klagen über das Elend der Bedrückung, über die Sorge um Hab und Gut, über die Angst ums eigene Leben. Schwer lastete der Antisemitismus auf uns allen, die Zukunft der Kinder war bedroht, die Freude an der Heimat war uns allen vergällt. Langsam, kaum merklich ist es besser, geworden. Staat und Wirtschaft haben sich gefestigt und die volksverhetzenden Einflüsse sind zurückgedrängt, das Gefühl, daß wir an Leben und Eigentum bedroht und geringere Bürger des Staates sind, ist wieder von uns genommen. Man sollte glauben, daß die schweren Sorgen und Bedrückungen, die wie ein Alp auf uns gelegen sind, nicht vergessen sein könnten und daß sie eine aller zum Wöhle des Ganzen ohne Beeinträchtigung irgendwelcher religiöser Anschauungen oder Interessen ermöglicht. Der Verband und seine Leitung erfteuen sich bei den Behörden des Landes der Beachtung und der Geltung, die ihnen als den Vertretern eines großen Bevölkerungsteils zukommt. Die Leitung des Verbands findet bei den Behörden Verständnis und Wohlwollen für alle jüdischen Fragen. Es darf hier mit Genugtuung verzeichnet werden, daß das ebenso kluge und taktvolle und doch entschiedene Eintreten der Verbandsleitung für die religiösen Interessen und für das Wohl der jüdischen Glaubensgemeinschaft in Bayern in den schweren Zeiten der jüngsten Gegenwart durchaus erfolgreich gewesen ist. Nach all dem Gesagten darf wohl als sicher gelten, daß die Gründung des Verbands eine Tat zur rechten Zeit bedeutete, daß der Verband eine lange gefühlte Lücke im bayerischen Judentum ausfüllt, daß durch den Verband das bayerische Judentum eine zu seiner Vertretung berechtigte Instanz erhalten und gerade dadurch eine Mehrung seines Ansehens erfahren hat. Der Bestand des Verbands bedeutet für die Gemeinden eine Entlastung angesichts der auf ihnen ruhenden und doch nicht von ihnen in vollem Umfang erfüllbaren finanziellen Verpflichtungen. Wir sahen, daß die Gemeinden und Beamten in gleicher Weise an dem Bestand des Verbands interessiert sind. Und diese Tatsache berechtigt zu der Erwartung, daß der Verbalid nicht mehr aus dem jüdischen Leben in Bayern verschwinden wird, daß alle an ihm Interessierten nicht nur selber für den Verband sich einsetzen, sondem auch Interesse und Liebe für den Verband in allen Kreisen zu wecken bestrebt sein werden. Wir schauen voll sicherer Erwartung und fester Zuversicht in die Zukunft und zweifeln nicht, daß der Verband auch in der kommenden Zeit seiner großen, heiligen Aufgabe sich gewachsen zeigen wird, das Wohl der jüdischen Gemeinschaft in Bayern zu sichern, über der Ehre des Judentums zu wachen und das religiöse Leben in Bayern zu voller Entfaltung zu führen. Diese Aufgabe vollinhaltlich zu lösen, wird der Verbandsleitung um so leichter werden, je mehr die bayrische Judenheit im Bewußtsein der hohen Verdienstlichkeit des Verbands demselben Interesse und Liebe entgegenbringen wird. Dieses Interesse und diese Liebe zu wecken und zu verstärken, ist der Zweck unserer Ausführungen, von denen wir wünschen möchteri, daß sie die Herzen ergreifen und den Willen anregen und in Bewegung setzen. einer §rau. tiefe sittliche Läuterung in uns zur Auslösung hätten bringen müssen. Das ist ein Gewinn, den ich als Folge der schweren sorgenvollen Zeit für uns erwartet habe. Und was sehen wir nun? Man stürzt sich in einen Taumel von Vergnügungen, ein Fest folgt dem anderen, eine Veranstaltung überbietet die andere. Man könnte es verstehen, daß nach den Jahren von Krieg und Aufruhr, nach den Tagen schwerer Angst und lastenden Druckes sich ein Gefühl dankbarer Freude allenthalben rühren möchte, das bei der Jugend sich in frohen Vergnügungen und Tanz auslöst und auch die Alten wieder mit sortreißt, an den äußeren Freuden des Lebens sich zu beteiligen. Aber wir sehen ganz anderes: Einen Luxus in äußerer Aufmachung, ein maßloses Sichüberbieten in der Form der Geselligkeit, einen Überreichtum in Kleidung, wenn auch das, was manche Frauen anlegen, kaum mehr Kleidung zu nennen ist, kurz eine Art der gesellschaftlichen Betätigung, die unwürdig